Amerikanischer Alptraum mit Ansage

Friedrich Dürrenmatt, der große Dramatiker, hat gerade seinen 100. Geburtstag gefeiert. Nachrufschreiber erinnerten natürlich an dessen berühmte Theorie, eine Geschichte sei erst zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen habe. Die schlimmstmögliche Wendung, so Dürrenmatt, sei aber nicht vorhersehbar, sie trete durch Zufall ein.

Bei allem Respekt vor Meister Dürrenmatt: Seine Theorie war offensichtlich nicht auf einen Menschen wie Donald Trump vorbereitet. Dessen (unfassbare) Geschichte als US-Präsident hat mit den unfassbaren Bildern vom Kapitol in Washington die (vorerst) schlimmstmögliche Wendung genommen - einen gezielten Angriff auf Amerikas Demokratie durch einen Mob. Doch diese Bilder waren vorhersehbar, sie traten keineswegs durch Zufall ein. Sie sind logische Kulmination einer Entwicklung, in der sich drei Elemente verbinden: der krankhafte Narzissmus eines Egomanen. Die krankhafte Machtfixierung einer einst stolzen republikanischen Partei - und die krankhafte Spaltung der amerikanischen Gesellschaft, befeuert durch soziale Netzwerke, die das Befeuern dieser Spaltung als lukratives Geschäftsmodell entdeckt haben.

Das Präsidentenamt galt stets als unantastbar

Gewiss, politische Gewalt ist kein Novum in den USA. Im Kongress haben sich schon Abgeordnete mit Stöcken verprügelt, sie haben sich duelliert, jahrelang versank das Land in einem blutigen Bürgerkrieg. Später explodierten Bomben in Amerikas Hauptstadt, und Attentate erschütterten die Nation in trauriger Regelmäßigkeit. Doch wie schlimm die Gewalt auch war, sie fand stets eine Grenze: beim Präsidentenamt. Ganz gleich wie erbittert, wie parteiisch der politische Streit tobte – irgendwann appellierte noch jeder US-Präsident, vielleicht mit Ausnahme des Watergate-Schurken Richard Nixon, frei nach Abraham Lincoln an die „better angels of our nature“ - die sanfte, die gutherzige Seite aller Amerikaner. Das ist mit Trump vorbei. Dieser wollte Gewalt und Aufruhr gar keinen Einhalt gebieten, er wollte beides anstacheln. Trump argumentiert, solche Unruhen ernte halt, wer ihm seinen Wahlsieg verweigere. Da spricht jener Mann, der sich schon als Kandidat brüstete, er könne auf offener Straße einen Menschen erschießen, seine Anhänger würden ihn trotzdem lieben. Nun ist Vergleichbares fast eingetreten, viele klagen Trump offen der Anstiftung zur Gewalt an – und malen aus, was dieser in seinen beiden letzten Wochen im Amt noch anstellen könne.

Die Chefs der „sozialen Netzwerke“ sind ratlos

Die Republikaner können die Geister, auf die sie sich einließen, gar nicht mehr kontrollieren. „Das habt Ihr Euch eingebrockt“, rief Ex-Präsidentschaftskandidat Mitt Romney – einer der wenigen konservativen Trump-Kritiker – seinen Parteifreunden im Senat zu, kurz bevor diese vor dem Mob evakuiert werden mussten. Selbst das hielt viele Republikaner nicht ab, an Trumps Farce um einen angeblichen Wahlbetrug mit zu wirken.

Und dann sind da noch die „sozialen Netzwerke“, etwa Twitter und Facebook – gegründet, um Menschen zusammen zu führen. Sie haben das Gegenteil geschafft. Auch deren milliardenschweren Chefs sind völlig ratlos, wie sie die Geister, die sie erschufen, einfangen können. Im Zweifel wollen sie es gar nicht, denn Verschwörungstheorien, Hass und Streit sorgen für Rekordumsätze. Dass Twitter jetzt erst nachdenkt, Trump zu blockieren, wirkt nur noch hilflos. Viel ist nun zu lesen – auch, hoffnungsvoll, Trump habe so seine Aussichten auf ein politisches Comeback ruiniert. Das kann ja sein. Aber erst einmal ist der Horrortag von Washington ein Tag der Trauer darüber, was aus Amerikas Demokratie geworden ist.

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