Unterm Strich: Ganz großes Kino

Ist das Leben nichts als Theater und seine Bühne die ganze Welt? Alle Frauen und Männer bloße Spieler, die auf- und wieder abtreten, wie schon der große Dramatiker William Shakespeare feststellte? Der Verdacht liegt nahe bei all den Komödien und Tragödien, die sich rund um den Globus abspielen. Nehmen wir Wolfgang Beltracchi, einen Mann, der einen Schuss kriminelle Energie mit einem Hauch Genialität mischte. Die Kunstszene fiel vor Jahren auf ihn und seine gefälschten Bilder herein. Sogar den vermeintlichen Experten spielte er lange Zeit etwas vor, was ihn in bestimmten Kreisen zum Märtyrer machte, weil er einer völlig entrückten Branche den Spiegel vorhielt. Der maßlos gewordene Kunstmarkt, der für seine Werke immer neue Fantasie-Summen aufrief, stand blamiert da, und so geriet der Fall Beltracchi zu einer Parabel auf die Blindheit von Jägern und Sammlern, die nichts sehen, weil sie sich blenden lassen. Nicht anders verhält es sich im Fall Wirecard, nur dass hinter diesem beispiellosen Betrug in der deutschen Wirtschaftsgeschichte, dem mysteriösen Verschwinden von fast zwei Milliarden Euro, das Schicksal Tausender Kleinanleger steckt. Sie alle ließen sich täuschen – so wie die weisen Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young, die der später abgetauchte Wirecard-Vorstand Jan Marsalek narrte, indem er Schauspieler in den Kulissen einer Filiale als Bankangestellte tarnte. Wer denkt da nicht sofort an den legendären Fürsten Potemkin, der Zarin Katharina der Großen bei deren Reisen durch Neurussland mit billigen Attrappen die Existenz ganzer Dörfer vorgaukelte? Großes Kino, das alles.

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