Unterm Strich: Kritik der reinen Unvernunft

Das Hauptwerk des Philosophen Immanuel Kant, die „Kritik der reinen Vernunft“, kennen wir nur vom Titel her. Wir deuten ihn so, dass rein mit Vernunft das Leben nicht zu meistern sei und es noch anderer Dinge bedarf, zum Beispiel die Leidenschaft, diese Welt zu einer gerechten und guten zu machen. Nachdem man hinderliche Berge nicht einfach versetzen, Naturkatastrophen nicht per Dekret verbieten und überhaupt das oft finstere Menschenherz nicht hell bekommen kann, bietet sich auf dem Feld der Sprache die Gelegenheit, Fehler der Geschichte einfach herauszustreichen. Man findet es in Berliner Straßennamen wie der M-Straße, aber auch bei eben jenem Immanuel Kant. Der Aufklärer hatte sich bedenkliche Gedanken über menschliche Rassen und zugeordnete Kulturstufen gemacht und steht nun in der Kritik antirassistischer Aktivisten. Wird also auch die Berliner Kantstraße gleich mit umbenannt? Muss Kant aus den Uni-Bibliotheken entfernt werden? Diese Freude sollte man Philosophie-Studenten nicht machen und sich lieber Gedanken machen, weshalb sich die Kant-Taschenbuchausgabe für die indigenen Völker des Amazonas-Gebietes nie durchgesetzt hat. Diesem Gag könnte man ein rassistisches Motiv unterstellen. Oder aber eine Spitze gegen Kant, den man für ein sinnhaftes Leben nicht braucht. Die Humor-Polizei wird darüber richten wie beim ersten Otto-Film, wo sie eine angeblich rassistische Stelle beanstandet. Jedes Zeitalter hat seinen calvinistischen Furor. Aber es werden wieder Zeiten kommen, wo man nach dem Humor bei Otto Waalkes sucht.

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