santiago de chile (dpa) Immer wenn der "gute Onkel" baden ging, zitterten die Kinder der "Colonia Dignidad". Neben sein Arbeitszimmer hatte sich Paul Schäfer, der Gründer der berüchtigten Deutschen-Siedlung im Süden Chiles, einen Baderaum anbauen lassen. Vom altdeutsch eingerichteten Zimmer mit Häkeldeckchen hinter Panzerglas ging es durch eine Seitentür in die Bade-Hölle. Dort verging er sich an den Kindern. Neun Jahre nach seiner Flucht aus der Landwirtschaftssiedlung und gut ein Jahr nach seiner Festnahme in Argentinien ist der 84-Jährige nun wegen Missbrauchs Minderjähriger zu 20 Jahren Haft verurteilt worden.
Außerdem müsse der frühere Jugendpfleger den Opfern Schadensersatz in Höhe von insgesamt 770 Millionen Pesos (1,25 Millionen Euro) zahlen, berichteten chilenische Medien am Donnerstag. Schäfer, gegen den in Deutschland schon früher wegen Kindesmissbrauchs ermittelt worden war, hatte Ende der 50er Jahre hunderte Deutsche dazu überredet, nach Chile auszuwandern. Mit ihrer Hilfe gründete er die sektenartige Siedlung "Colonia Dignidad" Anfang der 60er Jahre in der Nähe von Parral in Südchile.
Während er den Siedlern eine rigide Moral predigte, Familien zerriss und Ehen zu verhindern suchte, verging er sich an Kindern und Jugendlichen. Die abgeurteilten Taten wurden zwischen 1993 und 1997 begangen, nach Aussagen von Siedlern wurden Minderjährige schon früher von Schäfer missbraucht. Ob er Rechtsmittel gegen das Urteil einlegen will, war zunächst unbekannt. Gegen den "Colonia"-Gründer ist in Chile noch ein Strafverfahren wegen Menschenrechtsverbrechen anhängig, weil die Geheimpolizei Dina von Diktator Augusto Pinochet (1973-1990) die damals hermetisch von der Außenwelt abgeschottete Siedlung für Folter und Ermordung von Regimegegnern nutzte, an denen sich Schäfer beteiligt haben soll. Die heutigen Bewohner der Siedlung haben sich von Schäfer losgesagt und die Opfer in einem offenen Brief um Vergebung gebeten.