Berlin

Wie Politiker mit Krankheit umgehen

Manuela Schwesig erntet viel Sympathie für den offenen Umgang mit ihrer Krebs-Erkrankung. Früher dagegen wurde jedes Zeichen von Schwäche vermieden.
Manuela Schwesig (SPD), die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, hat ihre Krebs-Erkrankung öffentlich gemacht.
Foto: Jens Büttner, dpa | Manuela Schwesig (SPD), die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, hat ihre Krebs-Erkrankung öffentlich gemacht.

Kraft und Stärke. Dies dürften - geschrieben, gesagt oder auch nur gedacht - die meisten Menschen Manuela Schwesig gewünscht haben, als sie von der Krebserkrankung der SPD-Politikerin erfuhren. Eine bestürzende Nachricht, die nicht aus dritter Hand kursierte, sondern von der Betroffenen selber öffentlich gemacht wurde. Die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, stellte sich am Dienstagnachmittag im dunkelblauen Kostüm vor die Kameras in der Schweriner Staatskanzlei. Ein "riesiger Schock" sei die Diagnose Brustkrebs gewesen, sagte die SPD-Politikerin. Ein Schock, der ihr anzusehen war.

Es hatte Symbolwert, dass es die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) war, die angesichts dieser dramatischen Erkrankung "Kraft und Stärke" beschwor. Denn Dreyer weiß wovon sie spricht. Im Jahr 2006 machte sie öffentlich, dass sie an Multipler Sklerose leidet. In einem Interview mit der Zeit gab sie zu, dass sie sich zuvor Gedanken gemacht habe, ob dieses Eingeständnis ihr als Schwäche ausgelegt werden würde: "Dies ist dies eine schwere Entscheidung für jeden Politiker, immer noch", fügte sie hinzu.

Helmut Kohl verheimlichte Operationen

Eine Entscheidung, die Politikern heute deutlich leichter fallen dürfte, als früheren Generationen. Denn: "Über verbreitete, schicksalhafte körperliche Erkrankungen wie etwa Krebs kann ein Politiker heute öffentlich reden, ohne Vertrauen zu verlieren", sagt Thomas Kliche. Der Professor an der Hochschule Magdeburg-Stendal mit dem Forschungsschwerpunkt Politische Psychologie befasst sich seit Jahren damit, wie Politiker mit Krankheit umgehen.

Helmut Kohl musste in den 16 Jahren seiner Kanzlerschaft mehrfach wegen Prostata-Geschwulsten in die Klinik. 1995 war fälschlicherweise zunächst nur von einer 'Grippe' die Rede. Auf einem Parteitag im September 1989, kurz vor dem Fall der Mauer, verschwieg der CDU-Chef sein Leiden sogar der engsten Umgebung, weil er einen Putsch befürchtete.
Foto: Kai-Uwe Wärner, dpa | Helmut Kohl musste in den 16 Jahren seiner Kanzlerschaft mehrfach wegen Prostata-Geschwulsten in die Klinik. 1995 war fälschlicherweise zunächst nur von einer "Grippe" die Rede.

Dabei galt noch in den 80er und 90er Jahren der Grundsatz "um keinen Preis Schwäche zeigen". Vorgelebt von Männern wie Kanzler Helmut Kohl, der Jahre später enthüllte, dass er 1989 nur unter höllischen Unterleibsschmerzen an einem CDU-Parteitag teilnehmen konnte. Dorthin quälte sich der Pfälzer, weil er seinen innerparteilichen Gegner keine Angriffsfläche bieten wollte. Auch seine späteren Operationen nach der Diagnose Prostatakrebs wurden systematisch verheimlicht. Nach demselben Muster ging sein Vorgänger Helmut Schmidt mit körperlicher Schwäche um. Nur Freunde und Insider wussten davon, dass er mehrfach in seinem Büro kollabierte. So wie die Weltöffentlichkeit erst Jahre nach dem Attentat auf John F. Kennedy erfuhr, dass der so jugendlich wirkende US-Präsident in Wirklichkeit ein kranker Mann war, der über Jahre nur unter schweren Medikamenten in der Lage war, den schönen Schein aufrechtzuerhalten. Nicht anders verhielt es sich mit den Depressionen von Kanzler Willi Brandt. Der damalige bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer litt 2002 unter einer lebensbedrohlichen Herzmuskelentzündung: "Es gehört nicht zum Bild eines Politikers, krank und schwach zu sein", bilanzierte er noch 2005.

Offenheit wird heute als Stärke ausgelegt

Doch die Zeiten haben sich geändert. Offenheit wird eher als Stärke ausgelegt - längst auch bei Männern. Der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach machte seinen Krebs öffentlich, die Ikone der Linken, Gregor Gysi, machte kein Hehl aus seinen Herzproblemen. "Der Cowboy als männliches Ideal wird in einer komplexen Industriegesellschaft halt offenkundig immer unpassender", sagt Kliche zu der Entwicklung. "Die Selbstoffenbarung findet heute als ehrlicher, realistischer, charakterstarker Anlauf zur mutigen Bewältigung eines schlimmen Schicksalsschlags Anerkennung." Allerdings sieht Kliche auch negative Aspekte, die diesen Wertewandel begleiten. So hätten sich die Grenzen der Privatheit aufgeweicht. Mit zweifelhaften Begleiterscheinungen: Zu beobachten sei "ein unausgesetztes Schnüffeln im Liebesleben von allerlei Stars, Fußballer oder Royals", ja "wuchernde Hemmungslosigkeit geschmackloser Selbstenthüllungen in den Sozialen Medien."

All dies hat nichts mit Malu Dreyer oder eben Manuela Schwesig nichts zu tun. Im Gegenteil, ihr offensiver Umgang mit einer eigentlich intimen Angelegenheit entzieht möglichen Spekulationen von vorneherein den Boden.

Eine neue Offenheit als Trend auf breiter Front? Da ist Kliche vorsichtig: "Das kann man nicht sagen, weil wir nie erfahren, wer diskret geblieben ist." Zudem würden Politiker über "Krankheitsbilder wie etwa Depressionen, Abhängigkeiten oder Demenz auch heute nicht offen reden". Denn diese würden "mit dem Kern von Berechenbarkeit und Handlungsfähigkeit einer Person in Verbindung gebracht". Ein heikles Feld für jeden Politiker. Nach wie vor.

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