SAINT-TROPEZ

Die Magie von Saint-Tropez

Sommer in Saint-Tropez       -  In Saint-Tropez liegen die Yachten gleich vor den Häusern im Hafenrund.
Foto: Stephan Witte, dpa | In Saint-Tropez liegen die Yachten gleich vor den Häusern im Hafenrund.

Es ist Frühling an der Côte d?Azur. Die Sonne taucht den bekannten Pampelonne-Strand bei Saint Tropez in warmes Licht. Der Himmel ist tiefblau, und die Schaumkronen des Meeres schimmern silbern bis zum Horizont. Unterbrochen nur vom Weiß der Yachten, die vor Anker liegen. Beiboote bringen auch heute das erste Partyvolk an Land. Es sind die „Novorich“, wie man die jungen Russen nennt, die über genügend Geld verfügen, um Champagner für mehrere tausend Euro zu bestellen. Über die Lautsprecher am Bagatelle Beach ertönen die Hits des vergangenen Jahres. Während die Gäste im Sand tanzen, achten philippinische Kindermädchen auf ihre Kleinen. Erste Sonnenhungrige räkeln sich auf den orangen Matratzen am Tahiti Beach.

Hinter den Kulissen der Promis und Partyleute organisiert die Stadtverwaltung von Saint Tropez das alljährliche Fest ihres Schutzheiligen. Kaum zu glauben, aber auch diese Wiege des internationalen Jet-Sets hat einen Heiligen. Immer im Mai feiern die Bewohner des früheren Fischerdorfes ihren Schutzpatron Torpes von Pisa. Alljährlich wird an ihn erinnert, so auch dieses Jahr vom 16. bis 18. Mai 2019. „La Bravade de Saint-Tropez“ – so nennt sich das Volksfest, das Einwohner und Touristen gleichermaßen anzieht. Es geht auf eine alte provenzalische Tradition zurück. Zu Ehren von Saint Torpes finden mitten im Ort bunte Paraden und beeindruckende Prozessionen statt.

Der Heilige, der aus Italien kam

Der Name des heutigen Promi-Ortes geht auf den Italiener zurück. Der Legende nach war er ein früher christlicher Märtyrer, der aus dem italienischen Pisa stammt. Noch heute wird er in Südfrankreich wie auch in Italien als Heiliger verehrt. Im ersten Jahrhundert ließ Kaiser Nero den ehemaligen Offizier mit dem bürgerlichen Namen Caius Silvius Torpetius enthaupten. Weil er trotz Folter seinem christlichen Glauben nicht abschwören wollte. Sein Leichnam wurde mit einem Hund und einem Hahn auf einer morschen Barke ausgesetzt, die den Fluss Arno hinab ins Tyrrhenische Meer trieb.

Nach einer Sage aus der Provence soll das Boot nahe dem heutigen Saint Tropez angespült worden sein. Der Kult um den Heiligen begann im Jahr 1056. Torpes von Pisa gilt damit als Namensgeber des berühmten Dorfes an der Côte d?Azur. Sein Haupt liegt im Dom von Pisa und zieht auch dort, in der italienischen Toskana, viele Gläubige an. Drei Tage feiert Saint Tropez den früheren Offizier und bekennenden Christen. Zum Fest gehören Kostüme, die den damaligen Kapitäns-, Major-, Musketier- und Matrosen-Uniformen gleichen. Und die traditionellen Riten mit Artilleriesalven, Musik-Ständchen, Waffenweihe und Prozessionen durch den Ort.

Das Croissant kommt per Hubschrauber

Doch zurück zum Strand. Noch bevor der Sommer richtig beginnt, fliegen Hubschrauber zu den Villen im Hinterland und wieder weg. Hier logieren die Reichen und jene, die unbekannt bleiben wollen. Die sich mitten in den Hügeln an der Côte d?Azur ihren Rückzugsort auswählen, um ganz anonym die Sommermonate oder auch mehr genießen zu können. „Einer der Bewohner lässt sich jeden Morgen seine Croissants aus Monte Carlo einfliegen, denn die, die es hier gibt, schmecken ihm nicht“, sagt Schiffseigner Chris, der Gäste gerne mit aufs Meer hinausnimmt. Er ist hier geboren, kennt die Umgebung und die Menschen besser als jeder andere. Normale Leute nehmen Taxis, die Reichen haben ihre eigenen Hubschrauber, sagt er.

„In dem großen Anwesen mit seinen Rundbögen wurde 1969 'Der Swimming Pool‘ gedreht“, deutet Chris im Vorbeifahren auf das Haus in der Bucht. Drucke und Fotos von den Hauptdarstellern Romy Schneider und Alain Delon gibt es in Boutiquen, Restaurants und Galerien vor Ort. Es waren Romy und Alain, Brigitte Bardot und Curd Jürgens, die in den 1960er und 70er Jahren Saint Tropez unsterblich gemacht haben. Das unscheinbare Haus mit den blauen Jalousien gehört „BB“, die noch immer da lebt, seit mehr als 60 Jahren. „La Madrague“, ihr Domizil, hat sie sich nach ihrem ersten großen Kinoerfolg „Und Gott erschuf die Frau“ erworben. Im Sommer 1966 hat der deutsche, mittlerweile gestorbene, Großindustrielle Gunter Sachs von seinem Hubschrauber aus tausende Rosenblüten darauf regnen lassen. Genug, um das Herz der Schauspielerin zu erobern.

BB geht nicht mehr aus

„Sie geht nicht mehr aus, man sieht sie nicht mehr“, erzählt Chris. „Sie lebt zurückgezogen mit ihrem Mann und den Tieren.“ An Bardots 83. Geburtstag am 28. September 2017 wurde eine Statue auf dem Place Blanqui am Ortseingang enthüllt. Die Geehrte selbst erschien nicht. 1973 hat sie sich aus dem Filmgeschäft zurückgezogen. Seitdem widmet sie ihr Leben dem Tierschutz und hat eine eigene Stiftung gegründet.

Auch der russische Oligarch Roman Abramowitsch besitzt in den Hügeln ein Anwesen. Seine Yacht ankert auf dem offenen Meer, „denn in den Hafen von Saint Tropez passt sie nicht hinein“. Gerüchten zufolge hat er Tatjana, der Tochter des früheren russischen Präsidenten Boris Jelzin, eine Villa geschenkt. Einfach so. Damit können die Einwohner nicht mithalten. „Wenn mein Vater stirbt und ich unser Haus erbe, muss ich 45 Prozent Steuern zahlen“, sagt Chris. „Ein Ding der Unmöglichkeit. Denn wo soll ich das Geld hernehmen?“ Die Familienanwesen werden heute auf ein Vielfaches des Originalpreises geschätzt. Auch wenn man sie damals, als der Ort noch nicht berühmt war, gekauft hat oder sie schon seit einem Jahrhundert in Familienbesitz sind.

In den kleinen Gassen unterhalb der Zitadelle logiert Sasha. Der Künstler und Galerist zeigt Besuchern seine Skulpturen und natürlich auch seine Bilder ganz im Stil von Andy Warhol. Er gehört seit 25 Jahren zur lokalen Kunstszene. Besucher drängen sich in dem kleinen Raum. Wie er arbeitet, verrät er nicht. Nur so viel, dass seine Porträts das Who is Who der internationalen Künstler darstellen.

Leben und Sterben unter der Zitadelle

Ganz in der Nähe beginnt der Fußweg hinauf zur Zitadelle, gesäumt von Eukalyptusbäumen und Zierlorbeer. Die Burg wurde im Jahr 1589 erbaut und gehört zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten. Auf dem Rückweg lohnt sich ein Abstecher hinunter zum Cimetiere Marin. Der schöne Friedhof mit Meeresblick bezaubert durch eine ganz eigene Atmosphäre, obwohl hier der Gedanke ans Sterben absurd zu sein scheint. Im hintersten Teil findet sich die letzte Ruhestätte von Roger Vadim, dem berühmten französischen Filmregisseur und ersten Ehemann der BB. Sein Grabstein ist verwittert, die Inschrift kaum zu erkennen. Die Vergänglichkeit des Lebens wird nirgendwo deutlicher als hier.

Frederique Valenza besitzt am Strand die Boutique „Les Demoiselles de Pampelonne“, Sie kam vor fünf Jahren aus Marseille nach Saint Tropez. Weggehen wird sie nicht mehr – „weil hier das Paradies ist“, schwärmt sie. „Hier ist alles erlaubt, man kann alles tragen. Die Toleranz ist riesig.“ Es sei BB gewesen, die diese große Freiheit nach Saint Tropez gebracht habe. Bis heute habe sich daran nichts geändert – dieser Gedanke, dieser Lebensstil mache immer noch den Alltag des Ortes an der Côte d?Azur aus, beschreibt sie.

Spätnachmittags am Alten Hafen. Flaneure und Yachteigner genießen zum Sonnenuntergang die Drinks im angesagten „Café Senequier“ oder bereiten sich auf das Abendessen im „L?Opera“ vor, dort, wo Stars und Sternchen gerne mal auf den Tischen tanzen. Saint Tropez, dieser Ort, der mit einem Märtyrer seinen Anfang nahm, ist so teuer wie schön. Und wird all das sicher noch für eine lange Zeit bleiben.

Tipps zum Trip

Informationen über Frankreich gibt es bei Atout France – Französische Zentrale für Tourismus, Postfach 10 01 28, 60001 Frankfurt; Internet: www.rendezvousenfrance.com Zu Saint-Tropez informiert die Internetseite www.sainttropeztourisme.com

Anreise per Auto: Für die Nutzung der Autobahnen werden Mautgebühren fällig. Man kann sie sich vorab berechnen lassen im Internet auf www.autoroutes.fr. Achtung: Es gibt einige dauerhafte sowie wetterabhängige Umweltzonen in Frankreich, für die Feinstaubplaketten nötig sind. Infos unter www.crit-air.fr

Erleben: Das „Maison des Papillons“ beherbergt Schmetterlinge aus aller Welt, zusammengetragen in jahrzehntelangem Sammeln. Im „Musée de la Gendarmerie et du Cinéma“ werden Geschichten der Kinostars von Saint-Tropez erzählt – unter anderem von Brigitte Bardot und Louis de Funes. In der Zitadelle über der Stadt kann man sich mit Seefahrergeschichte vertraut machen.

Einkaufen: Immer dienstags und samstags ist vormittags Markt auf dem Place des Lices in Saint-Tropez – ein buntes und quirliges Erlebnis mit provenzalischen Köstlichkeiten. Legendär sind die Riemchensandalen von Saint-Tropez. Sie bestehen aus nichts als einer Ledersohle und Riemen, die um den Knöchel gebunden werden. Original sind sie in naturfarbenem Leder, es gibt sie aber auch in bunt. Die Tarte Tropézienne ist ein süßer Leckerbissen aus leichtem Hefeteig und einer sahnigen Vanillecreme-Füllung. In der Konditorei Micka (Place des Lices) wurde sie erfunden.

Bei der „Bravade de Saint-Tropez“ wird des heiligen Torpes gedacht, Namensgeber von Saint-Tropez.
Foto: Sabine Ludwig | Bei der „Bravade de Saint-Tropez“ wird des heiligen Torpes gedacht, Namensgeber von Saint-Tropez.
Ein Tisch bei „Senequier“ am Hafen ist begehrt: Hier kann man sehen und gesehen werden.
Foto: Sabine Ludwig | Ein Tisch bei „Senequier“ am Hafen ist begehrt: Hier kann man sehen und gesehen werden.
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