SEEFELD/LEUTASCH

Zu Fuß durch eine Winterwunderwelt

Leutasch Winter       -  Das Leutaschtal – eine Märchenlandschaft im Schnee
Foto: Richard Mayr | Das Leutaschtal – eine Märchenlandschaft im Schnee

Manchmal muss man sich das Winterglück hart erarbeiten. Auf dem Smartphone leuchtet eine Unwetterwarnung auf. Der Fernpass ist gesperrt. Das Navi wechselt die Route: Auch die Zufahrt über Mittenwald muss großräumig umfahren werden. Ob das eine gute Idee ist, jetzt nach Leutasch zum Winterweitwandern zu fahren? Bei der Anfahrt regnet es in Strömen. Es gießt auch noch, als vor dem Zirler Berg alle Autos stehen: Schneekettenpflicht. Auch das noch! Der erste Vollkontakt mit dem Winter fällt anders als erhofft aus – mit zwei ineinander verschlungenen Ketten im Dauerregen bei zwei Grad an den Vorderreifen kämpfend.

Abends endlich in Kirchplatzl, dem Ausgangspunkt für diese viertägige Etappenwanderung durch das Leutaschtal. Es regnet immer noch. Bene wird die Winterwandergruppe führen. Er kennt die Berge und den Winter, bis vor ein paar Jahren war er Profi-Freerider. Nachts wird es kalt, sagt er, dann haben wir am Morgen eine stabile Schneedecke zum Wandern. Richtig „geilen“ Pulverschnee hätte er sowieso nicht gewollt. Guter Pulverschnee sei nicht zum Wandern, sondern zum Skifahren oder Snowboarden da, findet Bene.

Tagelang wandern als Winterthema

Tatsächlich, irgendwann nachts hat jemand den Schalter umgelegt: Es schneit jetzt unaufhörlich. Viel zu sehen ist da nicht. Außerdem müssen wir umplanen. „Wegen Lawinengefahr“, sagt Markus Schmidt, der die Wandergruppe am ersten Tag begleitet. Er ist der Erfinder dieses Winterweitwanderwegs. Schmidt, früher Chef des Tourismusverbands Karwendel, mittlerweile hauptberuflicher Reiseblogger, hat über seinen Blog registriert, wie groß das Interesse an Mehrtageswanderungen ist. Und da kam ihm die Idee, eine Mehrtageswanderung im Winter zusammenzustellen: im Leutaschtal, wo es dafür die besten Voraussetzungen gibt, wie er findet.

Gut ein Jahr später lässt sich die Viertagestour regulär buchen, das Gepäck wird von Hotel zu Hotel gebracht, die Tour ist eigens markiert. In diesen äußerst schneereichen Tagen muss allerdings improvisiert werden. „Normalerweise gibt es selbst in einem schneereichen Winter auf der Tour keine Lawinengefahr“, sagt Schmidt. Darauf habe man extra geachtet. Jetzt allerdings muss ausgewichen werden.

Die gute Nachricht ist: Es gibt hier im Leutaschtal genügend Ausweichwege, selbst wenn an den Hängen Lawinengefahr herrscht. Also raus jetzt endlich, wieder Ketten aufgezogen, dieses Mal unter die Schuhe. Und es ist doch merkwürdig, wie die Wandererseele beschaffen ist. Wenn es Sommer wäre und einen Tag lang der Regen fiele – einfach grauenvoll. Der Schneefall im tiefsten Winter stört dagegen fast gar nicht. Ohne Schnee wäre der Winter ja fad und grau. Heute ist alles weiß.

Eingerahmt von Wetterstein und Karwendel

Zwei Meter hoch liegt der Schnee, an manchen Stellen kommen einem die hineingepflügten und -gefrästen Wege fast schon wie Tunnel vor. Winter satt. Auf allem liegen satte Schneehauben, den Dächern, den Ästen, selbst auf Geländern oder Briefkästen sind kleine weiße Kunstwerke gestapelt. Und von der Schneepanik, die in diesen Tagen jenseits der Berge herrscht, ist hier im Leutaschtal selbst an diesem Neuschneetag nichts zu spüren. Nicht morgens im Hotel, nicht mittags in Polis Stuben, nicht abends im anderen Hotel. Alle sagen sie, dass es jedes Jahr viel Schnee gebe.

Nachts kommt wieder die Kälte und es hört zu schneien auf. Endlich zeigt sich dieses Hochtal in seiner Winterpracht: eingerahmt von Wetterstein, Karwendel und Hoher Munde, die Gipfel weiß, die Hänge eingeschneit, das Tal eine Märchenwelt. Was für ein Zauber, was für ein Genuss. Der Schnee kitzelt an diesem Morgen förmlich, wenn er unter den Schuhen knirscht, die Bäume eingezuckert. Immer wieder sind Donnerschläge zu hören – Lawinen werden kontrolliert gesprengt. Es geht auf einem gut präparierten Waldweg zur Wildmoosalm bergan. Schritt für Schritt dringt diese weiße Naturwunderlandschaft geradezu in einen ein – so viel Schnee, Ruhe und Schönheit.

Der weltliche Zauber der Wildmoosalm

Gegen die Verzauberung hilft nur eines: die zutiefst weltliche Wildmoosalm. Draußen eine FC-Bayern-München-Fahne, drinnen lautet das WLAN-Passwort ronaldo7. Auf der Theke läuft ein Schnapsbrunnen in Dauerschleife, an der Decke hängt vom FCA-Fanschal bis zum ausgestopften Krokodil ein wildes Sammelsurium. Und an der Wand mit den Fotos und Autogrammkarten liefern sich Dolly Buster und Strietzel Stuck ein Kopf- an-Kopf-Rennen. Dazu läuft aus den Lautsprechern in Apres-Ski-Lautstärke „I dank dem Herrgott für die Berge“. Aber: Drinnen ist es warm.

Nachmittags führt Bene ein paar Unerschrockene in Richtung Brunschkopf, allerdings gibt es keine Spur zum Aussichtspunkt hoch. Wie ein Pflug geht Bene voran, immer wieder versinkt er hüfthoch im Schnee, ein kleines bisschen Abenteuer am Nachmittag. Mühsam geht es voran, der Schnee trägt nicht wirklich. Man müsste sich noch schneller durch den Schnee wühlen, um es wirklich bis oben zu schaffen. Aber noch schneller, das hieße ja, noch anstrengender. Nein – wieder umdrehen. Es braucht nur ein paar Meter in unpräpariertes Gelände, um dankbar zu werden für die vielen Winterwanderwege.

Abends, am nächsten Etappenort Mösern, sind die Lawinen wieder das bestimmende Thema. Eine ZDF-Fernsehredakteurin sitzt mit am Tisch und sammelt gerade Material für eine Sendung. Am Morgen kann sie im Polizeihubschrauber mitfliegen. Die Zufahrten an der Grenze – immer noch gesperrt; viele Orte in den Bergen – immer noch abgeschnitten.

Nichts als Schnee und Einsamkeit

Am nächsten Tag haben sich die Wolken verzogen, der Himmel ist blau. Der kurze Abstecher zum Möserer See bekommt etwas Unwirkliches. Kein Wanderer ist dort am Morgen unterwegs, der See ist eingeschneit. Mit dieser Schneedecke wirkt der Ort unberührt, fast schon magisch. Heute läuft ein Bergführer mit. Nicht wegen des Wegs, der ist einfach, sondern, um auch etwas von der Region zu erzählen. Erst einmal muss Bernd Werner allerdings etwas Drängendes loswerden: „Wie über die Lawinengefahr gerade gesprochen wird, das ist völlig übertrieben. Den Fernpass jetzt schon eine Woche zu sperren, eine Katastrophe.“ Panikmache sei das. Wenig später ist ein Hubschrauber zu hören – vielleicht die Polizei, die mit dem Fernsehteam unterwegs ist und oben an den Bergen schaut, wie der Schnee liegt.

Als Außenstehender tut man sich mit einem Urteil schwer. Allerdings spürt man, dass in diesem Hochtal in diesen Tagen keine Wetterpanik herrscht. Fast alle Wege sind nach ein paar Tagen wieder frei begehbar, nur der Abstecher zur Wettersteinalm, der ist noch gesperrt – Lawinengefahr. Auch kein Problem, dann wird die Unterkunft eben kurzerhand umgebucht. Beim Winterweitwandern geht es ja nicht um Höhenmeter, sondern um dieses Schnee-Erlebnis – und das ist in Leutasch fantastisch.

Tipps zum Trip

Weitwandern im Schnee: Die mehrtägige Etappentour dauert normalerweise von Montag bis Donnerstag. Ausgangspunkt ist der Ortsteil Burggraben in Leutasch. Die vierte Etappe endet in Leutasch-Weidach an der Tourismusinformation. Für die Etappen gibt es einen Gepäcktransport. Die dritte Etappenunterkunft – die Wettersteinhütte – hat für die Schnee-Weitwandergäste am Mittwoch über Nacht geöffnet. Unterkunft: Der Tourismusverband Seefeld organisiert die Unterkünfte in den einzelnen Etappenorten je nach Verfügbarkeit. Es gibt dafür zwei Angebote: drei Nächte mit Frühstück (in Pensionen und der Wettersteinhütte) ab 198 Euro pro Person und drei Nächte mit Halbpension (in Hotels mit Sauna und der Wettersteinhütte) ab 298 Euro pro Person. Ausrüstung: Der Tourismusverband hat eine Packliste zusammengestellt. Unter anderem werden für die erste und dritte Etappe Spikes/Schneeketten für die Bergschuhe empfohlen.

Informationen: Der „Erfinder“ der Runde, Markus Schmidt, beschreibt im Internet auf www.karwendel-urlaub.de die Tour. Informationen finden sich auf www.seefeld.com dort ist die Wanderung auch zu buchen. AZ/rim

Seefeld       -  Auf gespurten Wegen geht es voran.
Foto: Anton Hiltpolt, Olympiaregion Seefeld | Auf gespurten Wegen geht es voran.
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