FRANKFURT

Das 550-Milliarden-Risiko

|

Versteckt sich in der Bundesbank-Bilanz ein Ausfallrisiko von mehr als einer halben Billion Euro? Glaubt man Ökonomen wie Ifo-Chef Hans-Werner Sinn, rollt auf die Notenbank wegen der Schuldenkrise ein Mega-Problem zu, das zu einem Zusammenbruch unseres Geldwesens führen könnte. Dabei geht es um die sogenannten „Target“-Forderungen der deutschen Zentralbank gegenüber den Zentralbanken Portugals, Italiens, Irlands, Griechenlands und Spaniens – also der Länder, die im Fokus der Schuldenkrise stehen.

Worum geht es?

Zwischen den 17 Notenbanken, die zusammen mit der Europäischen Zentralbank (EZB) das Eurosystem bilden, haben sich über die Jahre enorme Ungleichgewichte gebildet. Während Deutschland, Luxemburg, Finnland und die Niederlande immer höhere Forderungen aufbauen, geraten Griechenland, Irland, Portugal und zuletzt auch Spanien und Italien immer tiefer ins Minus. Hintergrund ist das Zahlungssystem Target2, das große Teile des grenzüberschreitenden Geldverkehrs im Währungsraum regelt. Die Bundesbank hat mittlerweile Forderungen von 547 Milliarden Euro – Kritiker fürchten, dass das Geld bei einem Zusammenbruch der Eurozone verloren wäre.

Wie funktioniert Target2?

Wie Verbraucher bei ihrer Hausbank unterhalten Geschäftsbanken Konten bei Notenbanken. Darüber wickeln sie grenzüberschreitende Zahlungen ab. Wird im Ausland etwas aus Deutschland importiert, fließt das Geld nicht direkt auf das Konto des deutschen Handelspartners, sondern nimmt einen Umweg. Die Bundesbank schreibt einer deutschen Geschäftsbank den Betrag auf ihrem Konto gut, die Geschäftsbank wiederum verbucht das Geld auf dem Konto des deutschen Exporteurs. Im Gegenzug belastet eine Notenbank im Ausland das Konto einer dortigen Geschäftsbank, die den Betrag wiederum vom Konto des Importeurs abbucht. Am Ende jedes Geschäftstages werden die offenen Positionen zwischen den Notenbanken als Forderung oder Verbindlichkeit verbucht.

Was drückt der Saldo aus?

Er zeigt vor allem, dass innerhalb der Eurozone wesentlich mehr Geld nach Deutschland fließt als umgekehrt. Das ist nicht neu. Deutschland erzielt hohe Überschüsse im Außenhandel. Ungewöhnlich ist, dass sich diese Kapitalströme derart in den Bilanzen der Notenbanken bemerkbar machen. Solange der Geldhandel zwischen den Geschäftsbanken reibungslos läuft, fließen private Kredite in die Defizitländer zurück und bringen die Target2-Salden wieder ins Lot. Doch dieser Mechanismus ist seit der Finanz- und Schuldenkrise gestört. Weil Banken sich gegenseitig kein Geld leihen, übernehmen das die Notenbanken.

Wo ist das Problem?

Einfach ausgedrückt: Wenn ein Land mehr importiert als exportiert, kann es durch Target2 quasi anschreiben lassen. Bleiben die privaten Mittel aus, springen die Notenbanken ein. Sie stellen den Banken gegen entsprechende Sicherheiten unbegrenzt Kredit zur Verfügung. Krisenländer können dadurch weiter „über ihre Verhältnisse leben“ – so jedenfalls die Kritik von Ifo-Chef Sinn.

Was wäre die Alternative?

Würden die Banken in den Krisenstaaten auch aus öffentlichen Quellen keine Mittel mehr bekommen, würde sich die Lage schlagartig verschärfen. Die ohnehin stark eingeschränkte Kreditvergabe dürfte kollabieren und die Nachfrage nach Waren aus dem Ausland wegbrechen. Damit könnten zwar die Leistungsbilanzen schneller ausgeglichen werden, allerdings mit großen Kollateralschäden. Offene Forderungen deutscher Exporteure müssten abgeschrieben werden. Die Überbrückung durch Zentralbankgeld könnte dagegen eine weiche Landung ermöglichen.

Welche Risiken ergeben sich für den deutschen Steuerzahler?

„Target2-Salden stellen für die einzelnen nationalen Notenbanken keine eigenständigen Risiken dar“, betont die Bundesbank. Das ist allerdings Interpretationssache. Bei einer Griechenland-Pleite könnte der Negativsaldo der griechischen Notenbank in Höhe von etwa 107 Milliarden Euro ins Feuer geraten. Die Verluste würden dann nach dem Haftungsschlüssel der anderen Notenbanken verteilt – die Bundesbank wäre mit 27 Prozent beziehungsweise etwa 30 Milliarden Euro dabei. Dem stehen aber Sicherheiten gegenüber, die zur Not vollstreckt werden könnten.

Wie ist es um die Sicherheiten bestellt?

Problematisch. Die Ansprüche an die Sicherheiten, die bei den Notenbanken hinterlegt werden müssen, wurden im Laufe der Krise immer weiter gesenkt. Mittlerweile können Banken in Krisenländern ihre eigenen Anleihen einreichen, sofern diese von den Staaten garantiert sind. Der Bundesbank ist diese Aufweichung ein Dorn im Auge. EZB-Chef Mario Draghi hält dagegen, dass beträchtliche Abschläge auf den Marktwert der Papiere vorgenommen werden. Was etwa griechische Sicherheiten im Ernstfall wert wären, kann kaum eingeschätzt werden.

Schuldenkrise: Bundesbank droht Gewinneinbruch

Die Bundesbank schüttet wegen der

Euro-Schuldenkrise erneut einen geringeren Gewinn aus. Nach Angaben aus Finanzkreisen vom Dienstag ist der Überschuss im vergangenen Jahr auf etwa 700 Millionen Euro geschrumpft. Der niedrigere Bundesbank-Gewinn reißt im Bundeshaushalt eine zusätzliche Lücke von gut 1,8 Milliarden Euro. Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hatte ursprünglich 2,5 Milliarden Euro veranschlagt. Für 2010 hatte die Bundesbank 2,2 Milliarden Euro Gewinn ausgewiesen, der in voller Höhe an den Bund abgeführt wurde. Im Krisenjahr 2009 betrug der Überschuss noch 4,1 Milliarden Euro. Grund für den erneuten Gewinnrückgang sind die Risiken, die die Europäische Zentralbank in der Schuldenkrise eingegangen ist. Daher mussten die Wagnis-Rückstellungen bei der Bundesbank aufgestockt werden. FOTO: DbB

Erhalten Sie die wichtigsten regionalen Wirtschaftsnachrichten der Woche immer am Donnerstagmorgen in Ihr E-Mail-Postfach. Abonnieren Sie hier den Newsletter von Wirtschafts-Reporter Jürgen Haug-Peichl.
Themen & Autoren / Autorinnen
CDU
Deutsche Bundesbank
Europäische Zentralbank
Geschäftsbanken
Gewinneinbrüche
Krisenländer
Mario Draghi
Schuldenkrisen
Wirtschaftswissenschaftler
Wolfgang Schäuble
Zahlungssysteme
Zentralbanken
Lädt

Damit Sie Schlagwörter zu "Meine Themen" hinzufügen können, müssen Sie sich anmelden.

Anmelden

Das folgende Schlagwort zu „Meine Themen“ hinzufügen:

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits.

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
Kommentare (0)
Aktuellste Älteste Top

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!