Haßfurt

Haßbergkreis: Der Biber spielt "Katz' und Maus" mit den Behörden

Immer mehr Biber siedeln sich in den heimatlichen Gewässern an. Die Nager sorgen dabei auch für Probleme. Und um die kümmern sich sogenannte "Biberberater".
Pech gehabt: Um an die jungen Triebe einer Rotbuche zu kommen, hat der Biber den gut 25 Zentimeter dicken Stamm fast komplett durchgenagt. Der Baum sollte fallen, landete allerdings in der Krone eines anderen Baumes.
Foto: Matthias Lewin | Pech gehabt: Um an die jungen Triebe einer Rotbuche zu kommen, hat der Biber den gut 25 Zentimeter dicken Stamm fast komplett durchgenagt. Der Baum sollte fallen, landete allerdings in der Krone eines anderen Baumes.

Das Talent der Biber, Staudämme zu errichten, ist herausragend. Auch als "Holzfäller" beweisen sie sich regelmäßig, schaffen es, einen 30 Zentimeter dicken Baum binnen einer Nacht umzulegen – oftmals zum Ärger von Waldbesitzern. Doch die Nager nur als Plage zu bezeichnen, wäre übertrieben. "Biber haben auch viel Positives", meint Manfred Hußlein, einer der fünf Biberberater im Landratsamt Haßberge. Das Verhältnis "Nutzen zu Schaden" beziffert der Experte auf "50:50".

Am "Stöckigsbach" im FFH -Gebiet am östlichen Rand von Knetzgau hat sich ein Biber seit etwa zwei Jahren angesiedelt. Der Bach entspringt bei Eschenau und schlängelt sich durch den nördlichen Steigerwald, bis er kurz hinter der Schleuse Knetzgau in den Main mündet. Hier, am Rande des Naturschutzgebietes, findet der strikt vegetarisch lebende Vierbeiner ein ideales Revier – und das ohne Schaden anzurichten: Die Böschung ist hoch genug, um eine durch den von ihm gebauten Staudamm hervorgerufene Überschwemmung der angrenzenden Felder zu verhindern. Das angestaute Wasser bleibt im Bachbett, erhöht gleichzeitig aber den Grundwasserspiegel der angrenzenden Auen, was Amphibien und Libellen wertvolle Laichgewässer und größeren "Jägern" damit auch ein vermehrtes Nahrungsangebot bietet. 

Typische Biberspuren

Wo der Biber genau zuhause ist, wird am Stöckigsbach schnell deutlich: Die Bäume in seinem langen, aber schmalen Revier weisen die typischen Spuren auf, sind kegelförmig angenagt und säumen teilweise kreuz und quer die Uferböschung. Um an die jungen Triebe (Futter) und Äste (Baumaterial) zu kommen, fällt das zweitgrößte Nagetier der Erde Bäume.

Gräser zum Fressen, Äste zum Bauen: 500 Biber gibt es mittlerweile im Landkreis Haßberge.
Foto: Matthias Lewin | Gräser zum Fressen, Äste zum Bauen: 500 Biber gibt es mittlerweile im Landkreis Haßberge.

Am liebsten hat der Biber Weiden und Pappeln, aber auch Buchen und sogar Eichen oder Obstbäume fallen den scharfen Zähnen des nachtaktiven Nagers zum Opfer. "Fichten mag er nicht so, weil er sich durch das harzige Holz das Maul verklebt", hat Hußlein beobachtet. Die 3,5 Zentimeter langen Zähne des Bibers wachsen sehr schnell nach und müssen daher regelmäßig gewetzt werden – zum Leidwesen der Bäume. Aber auch die gefällten Bäume erfüllen einen weiteren Zweck: Sie werden zur Wohnstube zahlreicher Insekten oder bieten, ins Wasser hängend, Fischen und Amphibien bei drohender Gefahr Rückzugsgebiete.

Den etwa drei Meter breiten Stöckingsbach hat das hier lebende Tier mehrfach angestaut. Flache Gewässer mag der Biber nämlich nicht, also baut er sich sein Revier entsprechend um. Seine "Burg" – beeindruckende sechs auf vier Meter groß – ist durch das angestaute Wasser vor Feinden gesichert, der Eingang zum Bau liegt unter der Wasseroberfläche, der Nachwuchs ist so nicht in Gefahr.

Staudamm-Baumeister: Auf gut drei Metern Breite ist der Stöckigsbach bei Knetzgau angestaut. Das schafft der Nager in zwei bis drei Nächten.
Foto: Matthias Lewin | Staudamm-Baumeister: Auf gut drei Metern Breite ist der Stöckigsbach bei Knetzgau angestaut. Das schafft der Nager in zwei bis drei Nächten.

Erst seit rund 20 Jahren ist der Biber im Landkreis Haßberge wieder heimisch, nachdem die Art im 19. Jahrhundert in Europa schon nahezu ausgerottet war. Heute ist sie streng geschützt, auch die Bauten und Dämme dürfen nicht zerstört werden. Die Biber-Population im Landkreis Haßberge ist mittlerweile auf rund 500 Tiere angewachsen, schätzt Manfred Hußlein. Rund 150 Reviere haben er und seine Kollegen aktuell kartiert, ein Revier dürfte drei bis vier Tiere beheimaten. Bayernweit gehen die Experten von rund 18 000 Bibern aus.

"Wir wollen nicht, dass er sich im Ort niederlässt, weil er da garantiert Ärger in Privatgärten machen würde."
Manfred Hußlein, Biberberater am Landratsamt Haßberge

Pro Jahr bringen die Biber ein bis zwei Junge zur Welt, die nach zwei Jahren von den Eltern aus dem Bau gejagt werden, weil es dann nach zwei weiteren Würfen zu eng wird. Dann heißt es für die Jungtiere, sich ein eigenes Revier zu suchen. "Und dann kann es auch mal problematisch werden", weiß Hußlein. Ihm wurden schon Biber in Kläranlagen, Fisch- und Gartenteichen oder an Bachläufen in Ortschaften gemeldet. Und dann wird die Behörde aktiv. 

Dort, wo es problematisch ist oder werden könnte, entfernt die Behörde die Staudämme. Der Biber reagiert aber schnell und staut das Wasser erneut auf. "Das ist meistens eine Art 'Katz- und Maus-Spiel'", schmunzelt Hußlein. Und das geht dann solange, "bis der Biber aufgibt und sich ein neues Revier sucht". Sollte sich der Biber allerdings stur stellen, muss die Behörde auch mal zum letzten Mittel greifen. Dann wird der Biber "entnommen", was bedeutet, das Tier zu töten.

Biber-Paradies "Wotansborn"

Ein wahres Paradies hat der Biber auch im "Wotansborn" gefunden. Vier ehemalige Fischteiche hat der Landkreis bei Fabrikschleichach erworben und zu einem Biotop umgestaltet. In zwei der Teiche hat sich der Biber seine Burgen gebaut, der angrenzende Wald dient als Materialnachschub. In etliche Bäume in Ufernähe hat der Biber seine Zähne gegraben, seine Trampelpfade zum vorbei fließenden Erlesbach sind nicht zu übersehen. Die gefällten oder beschädigten Bäume können die bayerischen Staatsforsten locker verkraften, "in einem Privatwald sieht das für den Besitzer natürlich anders aus," schränkt Manfred Hußlein ein.

Das gilt auch für die Landwirtschaft. "Wenn die Felder unter Wasser gesetzt werden, entsteht den Landwirten schon ein Schaden," weiß der Biberberater. Natürlich auch, wenn der Biber sich Feldfrüchte gönnt. Auch da ist er nicht unbedingt wählerisch, frisst Zuckerrüben ebenso wie Erdbeeren. Und dann muss der Staat auch schon einmal Entschädigungszahlungen leisten. Bayernweit steht dafür ein Topf mit rund einer Million Euro pro Jahr zur Verfügung. Die Entschädigungen im Landkreis schätzt Hußlein auf rund 5000 Euro pro Jahr.  

Burgenbauer: Acht Meter lang, fünf Meter breit ist der Biberbau im Biotop 'Wotansborn' bei Fabrikschleichach. Der Eingang liegt normalerweise unter der Wasseroberfläche, ist hier wegen des im Herbst abgelassenen Wassers allerdings sichtbar geworden. 
Foto: Matthias Lewin | Burgenbauer: Acht Meter lang, fünf Meter breit ist der Biberbau im Biotop "Wotansborn" bei Fabrikschleichach. Der Eingang liegt normalerweise unter der Wasseroberfläche, ist hier wegen des im Herbst abgelassenen ...

Es gibt aber auch "Biberfreie Zonen", so zum Beispiel zwischen Trossenfurt und den Fischteichen in Richtung Unterschleichach. "Wir wollen nicht, dass er sich im Ort niederlässt, weil er da garantiert Ärger in Privatgärten machen würde. Durch das Aufstauen könnte da auch Wasser in die Keller eindringen. Hier würden wir sofort eingreifen und die Dämme zurückbauen," sagt Hußlein. So wird der Biber mit der Zeit sanft aus dem Revier gedrängt.

Manfred Hußlein kennt aber auch noch ein weiteres Problem: die Biberröhren. Die gräbt der tierische Baumeister in Ufernähe, sie dienen den Tieren als Ausweichquartier oder Fluchtmöglichkeit, unterhöhlen allerdings auch Wege, Wiesen oder Äcker. Die Gefahr dort einzubrechen besteht nicht nur für Menschen oder Fahrzeuge. Hußlein weiß von einem Schaf, das im Ebelsbach-Tal in so eine Höhle eingebrochen war und erst am nächsten Tag per Zufall durch Spaziergänger entdeckt wurde.

Bei Problemen: Berater kontaktieren

In solchen Fällen treten dann die Biberberater auf. Selbst aktiv zu werden, ist Privatpersonen hingegen streng untersagt. Die Aufgabe der Berater – neben den fünf Experten in der Unteren Naturschutzbehörde gibt es im Landkreis nunmehr auch noch zwei ehrenamtliche Berater – ist es, über Gefahrenstellen in Konfliktbereichen, über Schadensbilder, Abhilfemaßnahmen sowie Fördermöglichkeiten zu informieren. Und wenn es nötig ist, auch für erforderliche "Entnahmen" zu sorgen. Außerdem unterstützen die Biberberater bei der Abwicklung von Ausgleichszahlungen.

Wo immer sich aber Biber ansiedeln, helfen sie bei der Renaturierung der vorher aufwändig begradigten Gewässer. Ihre Dämme verändern den Verlauf des Wassers so stark, dass diese im Laufe der Zeit wieder eine natürliche Gestalt annehmen.

Zahlen und Fakten zum Biber

Größe: bis 1,35 Meter, davon 40 Zentimeter Schwanz
Gewicht: 20 bis 30 Kilogramm
Alter: bis zu 25 Jahre
Nahrung: Triebe, Knospen, Blätter, Gräser, Kräuter, Rinde, Feldfrüchte (zwei bis drei Kilogramm pro Tag)
Pelz: bis zu 23 000 Haare pro Quadratzentimeter
Zähne: Je zwei Schneidezähne im Ober- und Unterkiefer, bis zu 3,5 Zentimeter lang. Der Zahnschmelz auf der Zahnvorderseite ist eisenoxidhaltig, daher sehr hart. Indem die harte vordere Zahnseite der unteren Zähne den weicheren inneren Zahnschmelz der oberen Zähne beim Nagen abschleift, werden die Zähne ständig geschärft.
Tauchzeit: bis zu 15 Minuten
Lebensraum: Gewässerreiche Landschaften, naturnahe Flussabschnitte, siedlungsnahe Gräben oder Fischteiche
Quelle: Bund Naturschutz
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