Haßfurt

Kommentar: Pflege - nicht Frauensache, sondern Gesellschaftsaufgabe

Es gilt, jahrhundertealte Denkmuster zu durchbrechen und einen neuen Blick auf soziale Berufe zu werfen. Und das durchaus auch mit volkswirtschaftlicher Brille.
Jahrhunderte alte 'Tradition': Pflege ist weiblich. Dieses Denkmuster wird erst allmählich durchbrochen, ebenso die Vorstellung, dass die Zuwendung am besten gratis erfolgt.
Foto: Mascha Brichta, dpa | Jahrhunderte alte "Tradition": Pflege ist weiblich. Dieses Denkmuster wird erst allmählich durchbrochen, ebenso die Vorstellung, dass die Zuwendung am besten gratis erfolgt.

Unsere Gesellschaft wird noch viel dazu lernen müssen, wenn es um die Bereiche Pflege und Erziehung geht. Beide Bereiche hängen eng mit der Emanzipation der Frau zusammen. Zwar hat es hier seit den 1960-er Jahren gewaltige Fortschritte gegeben, aber wirklich gleichberechtigt sind Frauen hierzulande noch nicht. Ebenso wenig genießen Berufe in der Pflege und im Erziehungswesen das Ansehen, das sie verdient hätten.

Das bisschen Pflege macht sich von allein

"Das bisschen Haushalt macht sich von allein", hat Johanna von Koczian 1977 gesungen und an diese und alle weiteren Aussagen wie "Das bisschen Kochen ist doch ganz bequem" die Zeile "sagt mein Mann" angehängt. Man könnte dem alten Schlager zwei Strophen hinzufügen: Das bisschen um die Kinder Kümmern ist kaum der Rede wert. Und Oma und Opa sind doch auch ganz leicht versorgt. Sagt mein Mann.

Das mag maßlos übertrieben klingen, weil sich heute niemand mehr wundert, wenn er im Seniorenheim auf männliches Pflegepersonal stößt. Und Männer dringen inzwischen als Erzieher in Kindergärten vor. In Wirklichkeit dürfte es aber nicht leicht sein, aus den Köpfen zu bringen, was sich dort in Jahrhunderten manifestiert hat: Es sind die Frauen innerhalb und außerhalb der Familie, die die Jüngsten und Ältesten zu umsorgen haben. Und weil sie eh nichts Besseres zu tun haben, soll dies möglichst gratis geschehen. Während der Mann hingegen produktiv ist, egal ob in der Fabrik oder im Planungsbüro. Also wahre Werte schafft und dafür entlohnt wird.

Damit Mami und Papi Geld verdienen können

Wenn heute so viel über die Anerkennung der sozialen Berufe diskutiert wird, geht es darum, diese uralten Denkmuster zu durchbrechen. Man kann das auf der idealistischen, auf der Gefühlsebene tun: Wie schön ist es doch, wenn unsere Oma und Opa gut betreut und ihre Enkel im Kindergarten gut untergebracht sind. Man kann dies aber auch ganz unromantisch betrachten: Schön, wenn die Alten und Jungen in guten Händen sind, dann können Mami und Papi Geld verdienen und den Kapitalismus am Laufen halten. Pflege und Erziehung gehören dann nicht mehr zur "Hausarbeit nebenher für die Frau", sie sind wichtige Wirtschaftsfaktoren.

Die Pflegedank-Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht, Pflegekräften die Anerkennung zu geben, die ihnen oftmals verwehrt wird. Und das Bild der Pflege in der Öffentlichkeit positiv zu verändern. Damit hat Initiator Winfried Wiendl nicht erst in der Pandemie begonnen. Zum Wohle der Gemeinschaft ist es zu wünschen, dass die Stiftung in ein paar Jahren auf einen riesigen Erfolg zurückblicken kann, gerade was den geforderten Mentalitätswandel anbelangt.

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