Haßfurt

Steffen Vogel: "Weniger ich und mehr wir aus Krise mitnehmen"

Im Interview mit der Redaktion drückt der Stimmkreisabgeordnete von Haßberge/Rhön-Grabfeld die Hoffnung aus, dass die Menschen auch Positives aus der Pandemie mitnehmen.
Landtagsabgeordneter Steffen Vogel (CSU) hofft auf einen 'einigermaßen normalen' Sommer. Den Beginn der Impfungen gegen das Coronavirus sieht er als ersten kleinen Schritt in Richtung Normalität. 
Foto: René Ruprecht | Landtagsabgeordneter Steffen Vogel (CSU) hofft auf einen "einigermaßen normalen" Sommer. Den Beginn der Impfungen gegen das Coronavirus sieht er als ersten kleinen Schritt in Richtung Normalität. 

Wie ist die Lage im Lande, wie geht es weiter in viralen Zeiten? Das wollte die Redaktion vom CSU-Politiker Steffen Vogel wissen, der als Direktkandidat seiner Partei die Interessen der Menschen im Stimmkreis Haßberge/Rhön-Grabfeld in München vertritt. Der 46-Jährige appelliert an die Vernunft seiner Mitbürger und versprüht Optimismus auf einen "einigermaßen normalen Sommer". 

Frage: Herr Vogel, Sie sind als Landtagsabgeordneter in Ihrem Stimmkreis Haßberge/Rhön Grabfeld genauso unterwegs wie in der Landeshauptstadt. Wie empfinden Sie jetzt in der Pandemie die Stimmung in der Bevölkerung in München, Haßfurt oder Bad Neustadt? Gibt es da Unterschiede?

Steffen Vogel: Ich habe das Gefühl, dass die Menschen in unserer Heimat die Lage ernster nehmen und sich mehr an die Regeln halten als in den Ballungszentren. Wieder einmal zeigt sich, dass der ländliche Raum mehr zu bieten hat als die Großstädte. Bei uns haben viele ein eigenes Haus mit Garten und ein soziales Netzwerk in den Dörfern, oft mit der Familie in der Nähe. Ich würde auch verrückt werden, wenn ich in München in einer Zweizimmerwohnung leben würde, keinen Garten hätte und ich die ganze Zeit mit der Familie in der Wohnung bleiben müsste. Zudem leben die Hälfte der Münchner in einer Singlewohnung!

"Schlimm ist, dass man den Medien nicht mehr vertraut"

Die Pandemie scheint die Gesellschaft zu spalten in jene, die konform gehen mit den staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung und diejenigen, die sich in ihren Freiheitsrechten viel zu sehr beschnitten sehen. Tun sich da nicht tiefe Gräben auf? Und wenn ja, wie können sie nach der Pandemie wieder überwunden werden?

Vogel: Ich habe den Eindruck, dass dem überwiegenden Teil der Menschen der Ernst der Lage bewusst ist. Wenn täglich mehrere hundert Menschen mit dem Corona-Virus in Deutschland sterben, kann der Staat nicht zusehen und es laufen lassen. Richtig ist, dass ein Teil der Bevölkerung die Maßnahmen sehr kritisch sieht. Was mich erschüttert, ist die Art und Weise, wie vor allem in den sozialen Medien mit Unwahrheiten Stimmung gemacht und Verantwortungsträger persönlich angegriffen und beschimpft werden. Ich halte es für unerlässlich, dass immer wieder über die dramatische Lage und die Notwendigkeit der Maßnahmen informiert wird. Schlimm ist, dass man den Medien nicht mehr vertraut.

"Wir haben ein Rechtssystem, das sich auch in Krisenzeiten bewährt"

Covid 19 hat alle, auch Politik und Gesundheitswesen, überrollt. Einstweilen heißt es: Learning by doing. Stimmen Sie uns zu, dass der große gesellschaftliche und politische Diskurs darüber, in welcher Form und wie weit der Staat in vergleichbaren Situationen in die Grundrechte der Bürger eingreifen darf, aber noch aussteht?

Vogel: Die Freiheit des Einzelnen wird schon immer dort vom Staat beschnitten, wo der Schutz Dritter es erfordert. Unser Leben in der Gemeinschaft funktioniert nur, weil der Staat Regeln setzt und damit in die Freiheitsrechte des Einzelnen eingreift. Wenn jemand gerne mit fünf Bier Auto fährt, darf er das trotzdem nicht, weil er eben Dritte dadurch gefährdet. Nahezu alle unsere Gesetze greifen in die Freiheitsrechte ein. Die Eingriffe in Grundrechtseingriffe müssen aber verhältnismäßig und wirksam sein. Auch die Eingriffe aufgrund der Corona-Pandemie wurden ja in einer Vielzahl gerichtlich überprüft und stellenweise aufgehoben. Wir haben also ein Rechtssystem, das sich auch in Krisenzeiten bewährt.

Glauben Sie, dass das Leben in den Haßbergen oder in der Rhön nach Corona das gleiche sein wird wie vorher, wenn die Bevölkerung erst einmal durchgeimpft ist?

Vogel: Ich hoffe, dass wir auch Positives aus der Corona-Krise mitnehmen. Ich spüre eine große Rücksichtnahme und ein Einstehen füreinander. Menschen kaufen für ihre älteren Nachbarn ein und unterstützen. Ich hoffe, dass wir uns dieses weniger „Ich“ und mehr „Wir“ auch nach der Pandemie erhalten.

Der Einzelhandel macht schwere Zeiten mit. Der CSU-Politiker Steffen Vogel erklärt, in erster Linie bei den Geschäften vor Ort einzukaufen und nicht bei den Online-Riesen.
Foto: René Ruprecht | Der Einzelhandel macht schwere Zeiten mit. Der CSU-Politiker Steffen Vogel erklärt, in erster Linie bei den Geschäften vor Ort einzukaufen und nicht bei den Online-Riesen.
Welche wichtigen Themen sind denn in Ihrem Stimmkreis durch das alles beherrschende Corona-Virus in den letzten Monaten untergegangen?

Vogel: Ich glaube nicht, dass wichtige Themen wirklich untergegangen sind. Lediglich der Fokus in den Medien hat sich natürlich auf die Corona-Fallzahlen und die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie gerichtet. Aber bei den Entscheidungen der Politik und der Verwaltung sind die anderen wichtigen Themen natürlich trotzdem noch in Bearbeitung. Nehmen wir nur mal die afrikanische Schweinepest oder den Brexit. Ohne Corona würden diese Themen viel stärker in der Öffentlichkeit stehen.

"Der jetzige Lockdown ist alternativlos"

Bereits in der ersten Welle haben die Gastronomen, die Kinos oder Theater auch in Ihrem Stimmkreis Hygiene- und Sicherheitskonzepte entwickelt, die sich durchaus bewährt haben. Können Sie verstehen, dass sich Wirte oder Kinobetreiber oder Kosmetikstudios jetzt in der zweiten Welle zu Unrecht "bestraft" fühlen?

Vogel: Ich habe volles Verständnis für die Betroffenheit der Wirte, Kinobetreiber oder Kosmetikstudios. Aber was wäre die Alternative: Nichts machen und zusehen, wie die Zahlen weiter explodieren? Schon jetzt sind in einigen Krankenhäusern die Intensivbetten voll belegt. Der jetzige „Lockdown“ ist alternativlos. Dies kann man daran erkennen, dass alle Bundesländer, unabhängig ob diese einen roten, grünen oder schwarzen Ministerpräsidenten haben, nahezu die gleichen Maßnahmen ergriffen haben. Italien hat komplett dicht gemacht, Frankreich auch. Deutschland und Bayern handeln also im Gleichklang mit den anderen europäischen Ländern. Daran kann man erkennen, dass nicht die Bundeskanzlerin oder Markus Söder sich überlegt haben, wie man die Wirtschaft am besten gängeln kann. Die Entscheidungsträger handeln aus Verantwortung für unser Land und seiner Menschen. Davon bin ich überzeugt. Wichtig ist aber, dass der Staat der Wirtschaft mit den Hilfen zur Seite steht und diese unterstützt, damit diese die Krise überstehen.

'Die nächsten Jahre werden nicht einfach für unser Land und die Menschen', sagt MdL Steffen Vogel (CSU). 
Foto: René Ruprecht | "Die nächsten Jahre werden nicht einfach für unser Land und die Menschen", sagt MdL Steffen Vogel (CSU). 
Flaute bei den Einzelhändlern im Ort, Kurzarbeit in vielen Branchen, Künstler und Kulturschaffende, die nichts mehr verdienen: Wird die Wirtschaftskraft in Ihrem Stimmkreis sinken, während die Arbeitslosigkeit nach oben schießt?

Vogel: Ich mache mir hier sehr große Sorgen. Wir hatten über zehn Boom-Jahre mit hohem Wirtschaftswachstum, Steuereinnahmen in Rekordhöhe, Fachkräftemangel und geringer Arbeitslosigkeit. Es hat sich aber schon vor der Corona-Pandemie abgezeichnet, dass wir einen konjunkturellen Einbruch erleben werden. Dies lag zum Beispiel daran, dass die deutsche Automobilindustrie den Wechsel auf alternative Antriebe verschlafen hat. Covid-19 hat einen Konjunktureinbruch verschärft. Derzeit haben wir trotzdem keinen nennenswerten Anstieg der Arbeitslosigkeit, weil der Bund das Kurzarbeitergeld bis zum 31.12.2021 gewähren wird. Wenn diese Regelung ausläuft, wird es nach meiner Einschätzung einen deutlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit geben. Auch die Zahlen der Insolvenzen werden steigen. Dadurch werden die Steuereinnahmen sinken und die Ausgaben steigen. Die nächsten Jahre werden nicht einfach für unser Land und die Menschen.

Geschenke kauft Steffen Vogel lieber vor Ort 

Mal ehrlich. Haben Sie Ihre Weihnachtsgeschenke bei den großen Online-Händlern oder im Einzelhandel vor Ort gekauft?

Vogel: Ich kaufe so viel wie möglich vor Ort. Unsere Einzelhändler zahlen Steuern vor Ort, sie beleben die Innenstädte und stellen Arbeitsplätze zur Verfügung. Das macht der amerikanische Online-Händler nicht. Warum sollte ich ein Buch online kaufen, wenn ich es vor Ort auch bekomme?

In den nächsten Wochen gelten auch bei jedem zu Hause strenge Kontaktbeschränkungen. Glauben Sie, in Rhön-Grabfeld und in den Haßbergen wird kontrolliert, wer sich an Silvester mit wem trifft? Und geht das nicht alles ein Stück weit in Richtung Orwells 1984?

Vogel: Die Polizei wird nicht an den Haustüren klingeln, um nachzuschauen, wie viele Leute in einer Wohnung zusammen feiern. Sollten aber Anrufe eingehen, dass der Nachbar eine laute Party feiert und dass da ein „Haufen Leute“ sind, dann wird die Polizei auch eingreifen, was ich für richtig halte. Wir müssen die Vernünftigen vor den Unvernünftigen schützen. Hätte sich jeder an die Regeln im Sommer gehalten, hätten wir jetzt vielleicht nicht den harten Lockdown ein zweites Mal gebraucht.

Fairness bei der Impfstopff-Verteilung

Glauben Sie, bei den Corona-Impfungen wird es fair zu gehen? Wird das mächtige München da nicht bevorzugt gegenüber Haßfurt oder Bad Neustadt?

Vogel: Ich bin mir sicher, dass die Impfdosen gerecht regional nach der Bevölkerungsgröße verteilt werden. Die Impfzentren in Hofheim und Bad Neustadt sind bereit. Es wäre widersinnig, Impfzentren in den Landkreisen einzurichten und diese dann nicht mit dem Impfstoff zu versorgen. Geimpft werden dann zunächst die Risikogruppen in den Alten- und Pflegeheimen und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Machen Sie den Menschen in Ihrem Stimmkreis abschließend doch einmal Mut: Worauf dürfen sie hoffen, worauf können sie sich freuen?

Vogel: Ich bin der festen Überzeugung, dass wir auch diese Krise überstehen werden. Nicht die Politik besiegt das Covid-19-Virus, sondern die Menschen, in dem sie sich in den kommen Wochen an die Vorgaben halten. Ich bin mir sicher, dass wir im Jahr 2021 wieder einen einigermaßen „normalen“ Sommer haben werden, in dem die Schwimmbäder und die Biergärten geöffnet haben, man Freunde treffen kann und gemeinsam feiern und in Urlaub fahren kann. Wir brauchen Vertrauen in die Entscheidungen, Disziplin und Geduld. Ich jedenfalls freue mich, wie auf die zahlreichen Treffen mit den Bürgerinnen und Bürgern von Stockheim vor der Rhön bis in den Steigerwald.

Das Maximilianeum in München ist der Arbeitsplatz von MdL Steffen Vogel. 
Foto: Michael Kappeler/dpa | Das Maximilianeum in München ist der Arbeitsplatz von MdL Steffen Vogel. 
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