Wonfurt

Von Nazis ermordet, aber unvergessen: Klara Krapf aus Wonfurt

Sie gehört zu den 41 Bewohnern und Mitarbeitern des einstigen Jüdischen Krankenhauses und Altenheims in Würzburg, denen am 19. März  Stolpersteine gesetzt werden.
Letzte Spur von Klara Krapf: Ihr Personalausweis wurde 1943 von Theresienstadt an die Gemeinde Wonfurt geschickt, wo er heute im Archiv aufbewahrt ist.
Foto: Gemeindearchiv Wonfurt | Letzte Spur von Klara Krapf: Ihr Personalausweis wurde 1943 von Theresienstadt an die Gemeinde Wonfurt geschickt, wo er heute im Archiv aufbewahrt ist.

Es erscheint wie ein schreiender Widerspruch: Klara Krapf, geboren 1869 in Wonfurt, dürfte wohl die einzige Frau weit über die Region hinaus sein, deren Lebensstationen ein Gedichtband nachspürt. Und doch vermag heute niemand mehr zu sagen, was für ein Mensch Klara war. So ergeht es auch dem  Wonfurter Heimatforscher Raimund Vogt und seiner in Würzburg lebende Tochter Elisabeth Steinwachs. Beide befassen sich seit vielen Jahren mit dem Schicksal der Jüdin und kennen vor allem ihr trauriges Ende: Ermordet im Alter von 74 Jahren von den Nazis am 18. Januar 1943 in Theresienstadt.

Inzwischen über 75 000 Stolpersteine in ganz Europa

Für Vater und Tochter ist es eine Genugtuung, dass Klara Krapf nun einen Stolperstein bekommt: In Würzburg, zusammen mit 40 weiteren Männern und Frauen im Alter zwischen 20 und 88 Jahren, die am 23. September 1942 aus jenem jüdischen Krankenhaus und Altenheim in der Dürerstraße deportiert wurden, in dem die Wonfurterin bis zu diesem Tag ihren Lebensabend verbracht hatte. Die Stolpersteine sind ein Projekt des Berliner Künstlers Gunter Demnig, der mit seinen seit 1996 im Boden verlegten Gedenktafeln die Erinnerung an inzwischen über 75 000 Opfer des Nationalsozialismus in ganz Europa wach hält. Elisabeth Steinwachs hat die Patenschaft für Klaras Stolperstein übernommen, das heißt, sie trägt die Kosten für die knapp 10 mal 10 Zentimeter große Messingtafel mit der Aufschrift "Klara Krapf /73 Jahre /ermordet in Theresienstadt".

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Es ist nicht so, dass keinerlei Spuren von Klara Krapf existierten. Es gibt sogar ein Foto von ihr, aus ihrem 1939 ausgestellten Personalausweis, den das "Altersghetto" Theresienstadt nach dem Tod an die Gemeinde Wonfurt zurückschickte, wo er heute im Archiv lagert. Ein großes J für Jüdin ist neben dem Bild einer alten Frau in den Pass gestempelt, und im Begleitschreiben ist Marasmus senilis - Altersschwäche - angegeben. "Eine bittere Lüge" für Raimund Vogt und seine Tochter, die von einer aktiven Tötung ausgehen. 

Es geht nicht nur um Klara Krapf: Elisabeth Steinwachs und ihre Vater Raimund Vogt machen sich inzwischen für die Erinnerung an alle von den Nazis ermordeten ehemaligen Bürger aus Wonfurt stark.
Foto: Martin Sage | Es geht nicht nur um Klara Krapf: Elisabeth Steinwachs und ihre Vater Raimund Vogt machen sich inzwischen für die Erinnerung an alle von den Nazis ermordeten ehemaligen Bürger aus Wonfurt stark.

Über Klara ist auch bekannt, dass sie in einer kinderreichen Familie zur Welt kam, deren Haus in der heutigen Hauptstraße 41 stand. Der Vater handelte mit Kleintieren wie Ziegen und Gänsen. "Aber die Familie lebte in großer Armut", berichtet Raimund Vogt der Redaktion. Deshalb seien Klaras Geschwister schon in jungen Jahren fast ausnahmslos nach Amerika ausgewandert. Ohnehin war das einst reiche jüdische Leben in Wonfurt schon lange vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten erloschen, wie auch die 2004 erschienenen Chronik der Gemeinde feststellt. Das letzte jüdische Kind kam hier im Februar 1909 zur Welt, wenige Wochen später ereignete sich der letzte jüdische Todesfall.

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Die Familie Krapf soll 1903 nach Würzburg gezogen sein, "aber das ist nicht gesichert", erzählt Raimund Vogt, der von Beruf Landwirt war, aber auch mit seinen 88 Jahren noch unermüdlich zur Geschichte seiner Heimat recherchiert. Und dabei auch auf Fehler bei der bisherigen Forschung gestoßen ist, wie die falsche Angabe, Klaras Eltern Wolf und Babette Krapf seien in Wonfurt gestorben. 

Das Elternhaus von Klara Krapf in der heutigen Hauptstraße 14. Damals war das Haus, das später durch einen Neubau ersetzt wurde, im Ort die Hausnummer 41.
Foto: Archiv Raimund Vogt | Das Elternhaus von Klara Krapf in der heutigen Hauptstraße 14. Damals war das Haus, das später durch einen Neubau ersetzt wurde, im Ort die Hausnummer 41.

Und Klara? Warum ist sie nicht ausgewandert wie ihre Geschwister? "Weil es damals, auch in der nicht-jüdischen Bevölkerung, weit verbreitet war, dass eine Tochter unverheiratet bleibt, um die Eltern im Alter zu versorgen und zu pflegen." Diese Rolle kam also offenbar bei den Krapfs jener Frau zu, die nun in einem Stolperstein verewigt wird.

"Sie ist mir ans Herz gewachsen"

Elisabeth Steinwachs vermutet, dass die unverheiratete Klara im Mai 1930, also im Alter von 61 Jahren, in das Isralische Pfründnerhaus in Würzburg kam, wo sie bis zu ihrer Deportation noch zwölf Jahre lebte. "Sie ist mir ans Herz gewachsen", sagt die 59-jährige Krankenschwester, die in Würzburg im ambulanten Palliativdienst tätig ist. Und das, obwohl auch sie keinerlei Ahnung hat, ob Klara ein froher oder missmutiger, ein unternehmungslustiger oder träger Mensch war.

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"Darum geht es auch nicht", erklärt Steinwachs, die zusammen mit ihrem Vater trotzdem weiter zu ihrem "Stolperstein-Patenkind" und anderen jüdischen Bürgern aus Wonfurt forschen wird. "Unser Ziel ist es nicht, der Bevölkerung möglichst viel Wissen über die Person Klara Krapf zu vermitteln."  Sondern? Sie sei in Wonfurt geboren, ihr Elternhaus stehe nicht weit vom einstigen Anwesen Krapf entfernt, sagt die 59-Jährige. "Wir wären also fast Nachbarn gewesen." Und auch in Würzburg hätten Klara Krapf, ihre Altenheim-Mitbewohner und das Personal ja Nachbarn gehabt, die es hingenommen hätten, dass die Leute von nebenan irgendwann einfach verschwunden seien. "Es geht mir darum, diese Menschen und die Verbrechen an ihnen wieder sichtbar zu machen. Die Opfer haben es nicht verdient, vergessen zu werden. Sie sollen ein Gesicht bekommen."

Die Postkarte stammt aus der Zeit um das Jahr 1936. Damals lebten in Wonfurt keine Juden mehr, sie waren zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts fortgezogen. Das Krapp-Haus ist das zweite von links.
Foto: Archiv Raimund Vogt | Die Postkarte stammt aus der Zeit um das Jahr 1936. Damals lebten in Wonfurt keine Juden mehr, sie waren zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts fortgezogen. Das Krapp-Haus ist das zweite von links.

Vater Raimund Vogt versteht sein Engagement auch als Warnung an die heutige Zeit vor zunehmendem Rassismus, Judenhass, Extremismus. "All die neuen Nazis, dagegen müssen wir etwas tun und deutlich machen, welches Unrecht damals geschehen ist. Und dass sich das nicht wiederholen darf."

"All die neuen Nazis, dagegen müssen wir etwas tun..."
Raimund Vogt, Wonfurt

Es war jener oben erwähnte Gedichtband, der auch ihn und seine Tochter auf die Fährte von Klara Krapf geführt hatte. Ende der 1980-er Jahre wurde der US-amerikanische Literaturwissenschaftler Norbert Krapf im Rahmen seiner Gastprofessur in Erlangen in der Nürnberger Ausstellung "Geschichte und Kultur der Juden in Bayern" auf den Namen Klara Krapf aufmerksam. Obwohl selbst aus einer katholischen Familie stammend, wollte der Professor nicht ausschließen, dass er auf die Spur seiner deutschen Vorfahren gestoßen war - was sich aber nicht bewahrheitete. 

Trotzdem und obwohl auch er über den Namen von Klara Krapf hinaus kaum etwas herausfinden konnte, rührte ihn ihr Schicksal so, dass er den 1997 erschienenen Gedichtband "Blue-Eyed Grass. Poems of Germany" verfasste.  In zwölf Zyklen versuchte der heute 78-Jährige, dem Leben und Lebensumfeld von Klara Krapf so nahe wie möglich zu kommen. Eine Handvoll der über 60 Gedichte liegt auch in deutscher Übersetzung vor.

Tausende Juden aus Unterfranken wurden über den Würzburger Güterbahnhof von den Nazis deportiert und die meisten von ihnen in Konzentrationslagern ermordert - unter ihnen die gebürtige Wonfurterin Klara Krapf.
Foto: Unbekannt | Tausende Juden aus Unterfranken wurden über den Würzburger Güterbahnhof von den Nazis deportiert und die meisten von ihnen in Konzentrationslagern ermordert - unter ihnen die gebürtige Wonfurterin Klara Krapf.

Im "Song for Klara Krapf's Ashes" (Lied für die Asche von Klara Krapf) heißt es:  "Because no one must ever / be allowed to disappear / without words of farewell / and commemoration". Auf deutsch bedeutet das sinngemäß: Niemand darf jemals ohne Abschiedsworte und Worte des Gedenkens verschwinden. Das scheint nun im Falle von Klara Krapf und ihrer Leidensgenossen im Würzburger Altenheim zu gelingen.

Nach Recherchen dieser Redaktion sind Expemplare von "Blue-Eyed Grass. Poems of Germany" über Antiquariate und den Buchhandel im Internet noch erhältlich. Erschienen ist der 125-seitige  englischsprachige Gedichtband im März 1997 bei Time Being Books, ISBN-Nummer: 978-1568090351.

Die Stolpersteinverlegung  in Würzburg und ihre Vorabendveranstaltung mit Live-Übertragung

Die 41 Stolpersteine für die Bewohner und das Personal des Jüdischen Krankenhauses und Altenheims in der Dürerstraße/Ecke Konradstraße in Würzburg werden am Freitag, 19. März, ab 9 Uhr unter strengen Corona-Auflagen verlegt.
Bereits am Vorabend findet ab 18.30 Uhr eine Abendveranstaltung im Bürgerbräu-Gelände statt, die das Bayerische Fernsehen live überträgt. Im Rahmen der Veranstaltung spricht der ehemalige Main-Post-Redakteur und Buchautor Roland Flade über das einstige Krankenhaus und die Altersheime in Dürer- und Konradstraße. Die Historikerin Maja Andert rückt alleinstehende jüdische Frauen in den Mittelpunkt. Wie dieser Redaktion zugetragen wurde, soll es auch besondere Grüße nach Wonfurt geben, von Würzburgs Oberbürgermeister Christian Schuchardt oder von Josef Schuster, dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland.
Quelle: Main-Post
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