Marktheidenfeld

Migration aus Afrika: Liegt das Paradies im Norden?

Der Würzburger Literaturwissenschaftler Julien Bobineaus sprach in der Volkshochschule.
Foto: Martin Harth | Der Würzburger Literaturwissenschaftler Julien Bobineaus sprach in der Volkshochschule.

"Der Ort, an dem man niemals ankommt" – Nein, damit waren an diesem Abend in der Marktheidenfelder Volkshochschule keineswegs die gegenwärtigen Verkehrsverhältnisse in der Innenstadt gemeint, wie Leonhard Scherg bei seiner Begrüßung zu einem Vortrag des Universitätsbunds Würzburg schelmisch anmerkte. Julien Bobineau vom Lehrstuhl für Französische und Italienische Literaturwissenschaft der Julius-Maximilians-Universität Würzburg hatte sich den Satz als Titel gewählt. Er befasste sich mit der Migration innerhalb Afrikas und den Europa-Bildern auf dem Schwarzen Kontinent.

Zusammenfassend umriss er am Beginn die Geschichte und Dimension der Wanderungsbewegungen auf der Erde. 55 Staaten und über 2500 Sprachen und Kulturen zähle man in Afrika. Deshalb müsse man den Kontinent im Süden differenziert betrachten, wenn Rechtspopulisten bei uns die Gefahr einer "drohenden Umvolkung" durch Flüchtlinge an die Wand malen wollten.

65 Millionen Menschen befänden sich derzeit weltweit auf der Flucht. Bei zwei Dritteln handele es sich um Binnenvertriebene, die Schutz im eigenen Land an anderen Orten suchen müssten. Vergleichsweise wenige Menschen überschritten Ländergrenzen oder machten sich gar auf den Weg nach Europa. Zwangsmigranten versuchten dem Menschenhandel, politischer Verfolgung, der Armut und den Folgen des Klimawandels zu entkommen. Bobineau machte es deutlich: "Es geht um das nackte Überleben!"

Gründe dafür zeigte der Literaturwissenschaftler mit dem kolonialen Erbe, der Sklaverei, der Ausbeutung von Bodenschätzen, der Zerstörung traditioneller Lebensformen und der Exportorientierung einer globalisierten Wirtschaft auf. 15 Kriege seien derzeit in Afrika zu verzeichnen, in denen auch die Interessen fremder Staaten eine Rolle spielten. Weitere Fluchtursachen lägen in der Verfolgung von Homo- und Transsexualität, bei der Verweigerung von Frauenrechten, in diktatorischer Polizeiwillkür oder in religiöser und kultureller Intoleranz.

Viele Menschen in Afrika verfügten gar nicht über die finanziellen Mittel, sich auf den Weg nach Europa zu machen. Nach empirischen Studien spielten etwa 7,5 Prozent der Migranten mit dem Gedanken, sich auf den Weg über das Mittelmeer zu machen. Real sänken die Flüchtlingszahlen seit dem Jahr 2015 kontinuierlich.

Hätten Afrikaner wirklich das Bild vom Paradies Europa im Kopf, wo das Geld auf der Straße liege, fragte Bobineau. Sicher prägten die digitalisierten, überall verfügbaren Bildwelten, zum Beispiel mit der Faszination des europäischen Fußballs Eindrücke in manchen Köpfen. Auf der anderen Seite würden in der einflussreichen Literatur und im afrikanischen Film auch andere Geschichten erzählt. Die oftmals französischsprachigen Werke würden wahrgenommen und Beispiele wie der Dichter und frühere Staatspräsident von Senegal Léopold Sédar Sengor oder der nigerianische Literaturnobelpreisträger (1986) Wole Soyinka zeigten exemplarisch den großen Einfluss auf die afrikanischen Gesellschaften.

Bobineau hatte drei Romane und einen Film ausgewählt, in denen Migrantenschicksale kritisch beleuchtet würden. Schon 1996 veröffentlichte Jean Roger Essomba aus Kamerun, das Buch "Le Paradis du Nord". In ihm zerplatzen die Träume von zwei Migranten in der Obdachlosigkeit in Paris. Charlie findet einen gewaltsamen Tod und sein Freund JoJo landet im Gefängnis.

Der Bildhauer und Schriftsteller Mahi Binebine zeigt in seinem Buch "Canibales" (1999) eindrucksvoll den Schiffbruch von acht Flüchtlingen im Mittelmeer auf, den am Ende nur zwei überleben. In dem preisgekrönten Film "La Pirogue" (2012) des Senegalesen Moussa Touré machen sich Fischer, deren Lebensgrundlage vernichtet wurde, auf den Weg nach Spanien und werde nach lebensbedrohlichem Risiko schließlich wieder in ihr Heimatland abgeschoben.

Drei starke Frauen – "Trois Femmes Puissantes" stellt Marie N’Diaye, die aus dem Senegal stammt, in ihrem Roman (2009) vor. Die Geschichte endet mit physischen und psychischen Verletzungen in der Prostitution und in einem bewegenden Tod am Grenzzaun der spanischen Exklave Ceuta an der nordafrikanischen Grenze.

Als Fazit stellte Julien Bobineau fest, dass die Magie des Nordens in Afrika durchaus kritisch beleuchtet werde. Es frage sich, ob Europa seiner Verantwortung für die dortigen Lebensverhältnisse gerecht werde. Es gelte, Abschied vom Eurozentrismus zu nehmen und den afrikanischen Gesellschaften auf Augenhöhe zu begegnen. Nur so könne Zukunft gemeinsam gestaltet werden. Schließlich, so merkte der Literaturwissenschaftler am Ende an, sei die Wiege des Homo Sapiens in Äthiopien gestanden: "Irgendwo sind wir dann ja auch alle Migranten aus Afrika!"

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