GEMÜNDEN

Mitten in Gemünden gibt es Essen wie bei Babuschka

Ein Stück alte Heimat: Im „Baltika“ gibt es russisches Essen, russische Getränke und russisches Allerlei.
Foto: Björn Kohlhepp | Ein Stück alte Heimat: Im „Baltika“ gibt es russisches Essen, russische Getränke und russisches Allerlei.

Wen man den Laden „Baltika“ in der Bahnhofstraße betritt, findet man sich mitten in Gemünden auf einmal in einem kleinen Stück Russland wieder. Es gibt hier russische Gerichte wie Soljanka (Suppe mit Kraut) oder Wareniki (Teigtaschen), russischen Wodka, russische Limonade, auch Schmuck, Nippes und russische Bücher. Die Zielgruppe des Geschäfts ist klar umrissen: Russen und Russlanddeutsche. Die meisten Kunden werden mit einem russischen „Halljo“ begrüßt. Der Laden ist ein Treffpunkt für Aussiedler und zugleich das der Innenstadt nächstgelegene Lebensmittelgeschäft, wenn man von Bäckern, Metzger und Bauernladen mit begrenztem Sortiment absieht.

Seit Dezember 2012 betreiben Vladimir Medalyev und seine Frau Irina das Geschäft. Irina war jahrelang Taxi gefahren, ihr Mann hatte mal hier, mal dort gearbeitet, als der russische Laden ein paar Meter weiter in der Bahnhofstraße schloss. Die Medalyevs wohnten damals noch in Frammersbach. Weil die 44-Jährige öfter mit dem Taxi vorbeikam, bekam sie mit, dass der Inhaber des russischen Geschäfts, das auch Angelwaren führte, vergeblich einen Nachfolger suchte. Sie erzählte ihrem Mann Vladimir davon, der schon länger von einem Geschäft mit russischen Waren geträumt hatte.

„Natürlich wollten wir nicht zurück, wir hatten dort nichts.
Irina Medalyeva Inhaberin eines russischen Ladens

Sie wagten den Schritt in die Selbstständigkeit, zogen im Oktober 2012 nach Adelsberg und eröffneten in dem leer stehenden Laden das „Baltika“. Die Räumlichkeiten des inzwischen leer stehenden russischen Geschäfts hätten ihnen nicht so gut gefallen, erzählt Irina. Warum Gemünden? Die Antwort ist klar: Mit der großen Gemeinde von Spätaussiedlern und russischen Migranten sahen sie genügend Kundenpotenzial hier. Damit sich der Laden trägt, haben sie die Angelwaren des geschlossenen russischen Ladens übernommen, die ab Frühling zusätzliche Kunden anlocken. Zudem fungieren sie als Annahmestelle für eine Textilreinigung und Pakete.

1987 lernten sich Vladimir und Irina in einer Disco der 300 000-Einwohner-Stadt Wologda, rund 500 Kilometer nordöstlich von Moskau gelegen, kennen. Sie studierte damals, wie ihre Eltern, Bauingenieurwesen, er arbeitete die letzte Woche in einem Militärkrankenhaus. Irinas Mutter ist Jüdin, was später eine ungeahnte Rolle spiele sollte. Vladimir hat sein Leben auch den Wirren des Zweiten Weltkriegs zu verdanken: Seine Großmutter verschlug es nach Usbekistan, wo seine Mutter zur Welt kam. Sein Vater ist Turkmene. Die Medalyevs heirateten, bekamen zwei Kinder und zogen nach St. Petersburg, wo Vladimir ein Medizinstudium begann.

Es waren schwierige Zeiten damals in der Sowjetunion, die Leute hatten wenig. Deshalb stieg das junge Paar 1991 mit den zwei Kindern in einen Zug nach Berlin. Es sei der letzte Zug gewesen, erzählt Irina. Am Tag ihrer Ankunft in Deutschland kam es zum Putsch, Gorbatschow wurde abgesetzt. „Natürlich wollten wir nicht zurück“, sagt Irina, „wir hatten dort nichts.“ Als Asylsuchende kamen sie nach Obersinn, wo sie eineinhalb Jahre lebten. Schließlich wohnten sie 17 Jahre lang in Frammersbach, wo Vladimir Arbeit fand. Obwohl sie in der Schule und auch an der Universität Deutsch gelernt hatten, hätten sie anfangs Schwierigkeiten gehabt, vor allem mit Obersinnerisch und Frammersbacherisch. Durch Zufall kamen sie irgendwann darauf, dass Migranten mit jüdischen Wurzeln als Kontingentflüchtlinge anerkannt wurden. Sie durften bleiben.

Vladimir trug sich schon früh mit dem Gedanken, einen Laden mit russischen Waren zu eröffnen. 1995 eröffnete er mit einem Kollegen das „Selpo“ in der Nähe des Gerichts, das erste russische Geschäft in Gemünden. Der Kompagnon wollte den Laden jedoch alleine betreiben, weshalb Vladimir nach einem halben Jahr wieder aufhörte. Rund fünf Jahre gab es das Geschäft, irgendwann eröffnete sogar noch ein zweites – „Moskau“ – gleich nebenan. Beide schlossen wieder, es folgten nach einigen Jahren die russischen Waren in der Bahnhofstraße.

Deutsche verirren sich nur hin und wieder in den Laden, etwa um Pakete aufzugeben oder weil sie Angelwaren kaufen. Das Sortiment ist auf russische Kundschaft zugeschnitten. Das Sonnenblumenöl etwa ist unraffiniert, riecht nach Sonnenblumenkernen. „Das ist der Geruch meiner Kindheit“, schwärmt Irina. Ein älterer Kunde, der mit mehreren Tüten voller Wurst, Milchprodukte und russischer Lebkuchen den Laden verlässt, sagt überzeugt: „Das ist alles Qualität, es schmeckt besser.“ Interessanterweise wird vieles dank der Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion heute in Deutschland produziert.

Es gebe auch, so die Medalyevs, vereinzelt Deutsche, die Fischkonserven oder russische Wurst kaufen, im Sommer kämen auch deutsche Kinder wegen des „Plombir“- und „Leningradskoje“-Eises. Aus einer Tiefkühltruhe im Dezember 2012 sind jetzt fünf geworden. Hinzu kommen mehrere Kühltheken mit Fleisch- und Wurstwaren, mit Fisch und Milchprodukten, wie man sie aus deutschen Geschäften nicht kennt.

Schritt in die Selbstständigkeit gewagt: Vladimir und Irina Medalyeva.
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Wohl bekomm's: Borschtsch.
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Orthodox: ein russisches Ei.
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