Karlstadt

Was Europa ausmacht

Jeder zerrt an Europa herum – lebensfrohe Weltoffenheit und provinziell kleinkariertes Denken. Im Bild zeigen Stefanie Maselli, Tobias Jennewein und Eliza Zeilmann das europäische Dilemma.
Foto: Günter Roth | Jeder zerrt an Europa herum – lebensfrohe Weltoffenheit und provinziell kleinkariertes Denken. Im Bild zeigen Stefanie Maselli, Tobias Jennewein und Eliza Zeilmann das europäische Dilemma.

Mit viel Klamauk, tiefsinnigen Gedanken und spritzigen Ideen, vor allem aber mit hervorragenden Musikbeiträgen nahm sich die Darstellergruppe „TAKT“ im Karlstadter Rathaussaal der Kultur und des Zusammenhalts von Europa an – angesichts der gegenwärtigen politischen Situation ein wahrlich problematisches Unterfangen.

Wo liegt der Ursprung Europas? Was hat diesen Kontinent kulturell zusammenwachsen lassen? Schon der Name der Gruppe „DobbAgduelles Karschter Dehader“ zeigt, von welcher Seite aus man sich dieser Frage nähern würde: von der komischen, von der affigen, manchmal auch von der schrillen Seite.

„War noch nie in Europa“

Pfiffig war die Rahmenhandlung, für die einzelnen Beiträge: Der „Karschter Flaak“ (Tobias Jennewein), als Franke noch nie über Veitshöchheim hinausgekommen („Ich war noch nie in Europa!“), spürt mithilfe einer Zeitmaschine wichtigen Mythen, Geschichten und Ereignissen nach. Seine Frau Mechtild (Eliza Zeilmann) folgt ihm.

Skurril und urkomisch war die Darstellung der „keuschen Jungfrau Europa“ durch Zeus. Lasziv, gelangweilt und Fingernägel feilend fand sie zunächst kaum Gefallen an dem Göttervater in Form eines groben Holzgerüsts, bis der mit Porsche und Villa samt Pool lockte. Die glückliche Zukunft des Erdteils wurde jedoch entsprechend der Shakespeare'schen Hexenflüche von Silvia Berlusconi, Frauke Petry und Marie Le Pen beeinträchtigt. Die Folge waren dann Kriege, Friedensbemühungen wie von Lysistrata, Blut, Tränen und Liebe.

Komödiantisches Feuerwerk

Etwas zäh und dröge verlief die geplante Reminiszenz an die Karlstadter Partnerstädte mit einem Mix aus Inquisition und Fernsehquiz. Wieso die Kult-Minnesänger des Mittelalters Walther von der Vogelweide und Oswald von Wolkenstein weiblich sein mussten, erschloss sich nicht unbedingt.

Nach der Pause aber zogen die „TAKT“-Leute ein wahres komödiantisches Feuerwerk ab. Den köstlichen Streit zwischen dem Salzburger Mozart und dem Leipziger Bach um den europäischsten Musiker entschied Beethoven als Rocker: Lena Meyer-Landrut! Zum Schmunzeln und Nachdenken war die Szene, als sich Flaaks Frau Mechtild in Anlehnung an den „Brandner Kaspar“ im Himmel beim Erzengel Michael als Asylberechtigte ausweisen musste.

Zusammengeführt wurde die scheinbar ausfransende Geschichte dann im Hauptdarsteller Tobias Jennewein – durchaus etwas selbstverliebt, aber dennoch voll überzeugend. Nicht zufällig verkörperte er sowohl den eher provinziellen Karschter Flaak und den hochgeistigen Europa-Bürger Heinrich Heine. Wenn dann in der Schlussszene die französische Geliebte und die einfältige Mechtild an dem Mann herumzerren, zeigt das die Ambivalenz des Kontinents, schwankend zwischen kleinkariert und weltoffen, gemeinsamem Friedenswerk und grausamen Kriegen, Willkommenskultur und Abschottung. So offensichtlich die zusammenfassende Einsicht.

Glanzlichter des Abends waren jedoch immer wieder die umwerfenden musikalischen Beiträge, die allein schon den Besuch wert waren. Georg Schirmer mit dem köstlichen „A herrliches Weib“, Eva Masellis wunderbares „Milord“ im Stil von Edith Piaf und die traumhaften Stimmen von Selina Rüb sowie Stefanie Maselli in verschiedenen Soli oder Quartetten. Für Beiträge wie das „Halleluja“ von Leonard Cohen gab es jubelnden Beifall.

Insgesamt erlebten die gut 150 Zuschauer einen vergnüglichen, nachdenklichen Abend mit weniger historischer als mehr political correctness, der aber durch sein versöhnliches Ende doch Hoffnung auf die Zukunft Europas machte.

Es spielten und sangen: Steffi Maselli, Matthias Frädrich, Eva Maselli, Selina Rüb, Eliza Zeilmann, Nico Fleischmann, Christian Dunst, Sven Preißner, Gabriele Cobre, Rita Scheiner, Ellen Berger-Thesen, Julia Holleber, Felix Sauer und Bob Emsden. Regie führen Tobias Jennewein, Georg Schirmer und Wolfgang Tröster. Den Spendenerlös des Abends bekommt der Förderverein der ehemaligen Synagoge in Laudenbach.

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