Bad Königshofen

30 Jahre Einheit: Im Grabfeld bröckelt die Mauer in den Köpfen

Corinna Wirsing ist der Meinung, dass nach 30 Jahren die Mauer in den Köpfen eigentlich beseitigt sein sollte.
Foto: Regina Vossenkaul | Corinna Wirsing ist der Meinung, dass nach 30 Jahren die Mauer in den Köpfen eigentlich beseitigt sein sollte.

30 Jahre nach der Wiedervereinigung des geteilten Deutschland bröckelt die Mauer auch in den Köpfen, aber sie ist nicht ganz beseitigt. Zu diesem Ergebnis kommt die neuste Studie der Otto Brenner Stiftung, durchgeführt von einem Team der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Was denken die Menschen im Grabfeld? Eine Zufallsumfrage bestätigte den Trend.

Es gibt immer mehr Kontakte zu Menschen aus Thüringen 

Die Menschen "wachsen immer mehr zusammen", aber es ist eine Generationenfrage, ob man noch Unterschiede verinnerlicht hat. Pauschale Urteile über Ostdeutsche, die angeblich "immer rasen", deren Kuchen süßer und die Würste fetter sind, die sich aber immer zu helfen wissen und Nachbarschaftshilfe groß schreiben, werden immer weniger. Viele Arbeitnehmer in den Supermärkten, in den Pflegeheimen und Krankenhäusern kommen von "drüben". Ein Befragter weist darauf hin, dass immerhin 17 Männer aus Trappstadt Frauen aus Thüringen gefunden haben. Insgesamt gibt es immer mehr Kontakte mit den Leuten mit dem Nummernschild HBN, was scherzhaft als "Habenichtse" übersetzt wird. Viele Firmen eröffneten in Thüringen Filialen, eine Bank hat mit Römhild fusioniert, man hat alte verwandtschaftliche Beziehungen wiederbelebt und neue Freundschaften geknüpft. Es gibt aber auch Stimmen, die vom gedrückten Lohnniveau sprechen, seit Arbeitskräfte aus Thüringen herüberkommen. "Die Mauer in den Köpfen wird nie ganz fallen", sagt ein Befragter.

Christian Fischer
Foto: Regina Vossenkaul | Christian Fischer

"Bei uns Älteren ist das noch so drin", sagt Christian Fischer aus Bad Königshofen. Er kann nachvollziehen, dass die Wessis bei den älteren Ossis nicht gut angesehen sind. "Bei der Privatisierung nach der Wiedervereinigung wurden viele durch die Treuhand über den Tisch gezogen. Wenn man das zum ersten Mal macht, passieren Fehler." Er sieht Fortschritte beim Zusammenwachsen, aber "das braucht Zeit", sagt Fischer.

Corinna Wirsing aus Wülfershausen spricht mit ihren Kindern über Teilung und Wiedervereinigung, das Wissen sollte nicht verloren gehen, meint sie. Die Familie hat auch Verwandtschaft drüben. "Nach 30 Jahren sollte die Mauer in den Köpfen beseitigt sein. Alle haben ein Herz und atmen die gleiche Luft. Aber komischerweise sagt man immer noch "drüben" und nicht "in Thüringen".

Monika Scheider
Foto: Regina Vossenkaul | Monika Scheider

Monika Scheider aus Sulzdorf meint auch, die Mauer im Kopf sei eine Generationenfrage. Wie ist das mit den unterschiedlichen Mentalitäten? "Mecker-Ossis, das war einmal. Es gibt Unzufriedene hüben wie drüben", meint sie. Sie kennt sogar Leute, die meinen, man sollte die Mauer wieder aufbauen. "Das sind ältere, immer Unzufriedene."

Edith Treuting
Foto: Regina Vossenkaul | Edith Treuting

Edith Treuting aus Trappstadt hat zehn Jahre lang "im Osten" gearbeitet. Sie glaubt, einige Unterschiede bleiben bestehen. "Die Kolleginnen haben gesagt, im Westen gehen die Uhren anders. Die "Wessis" seien organisierter und arbeiten mit den neuesten Techniken. Die Ossis haben sich immer geärgert, wenn schon wieder etwas Neues kam."

Ivonne Schenk
Foto: Regina Vossenkaul | Ivonne Schenk

Ivonne Schenk stammt aus Milz in Thüringen und wohnt jetzt in Saal. Obwohl sie als Kind noch im Grenzgebiet jenseits des Zauns lebte, hat sie sich nicht eingesperrt gefühlt. "Für mich war es ein ganz normales Leben." Die Mauer in den Köpfen wachse sich mit ihrer Generation aus, meint sie. Die Oma sagt immer: "Hätten sie mal die Grenze gelassen". Aber die junge Generation mache keinen Unterschied mehr zwischen Ost und West. "Über das Lohngefälle wird geschimpft, das sollte nach 30 Jahren wirklich zu Ende sein."

Studie spricht von Einheitsmentalität

Eine Entwicklung Richtung "Einheitsmentalität" hat die anfangs erwähnte Studie festgestellt, besonders bei Binnenemigranten seien die Unterschiede kaum noch identifizierbar. Ost- und Westdeutsche stimmen heute wesentlich häufiger zu, dass der "eigene" Landesteil doch von der Wende profitiert hat, als dies noch 1990 der Fall war, sagt die Studie. In der Zufallsumfrage wurde genau wie in der Studie mehrfach geäußert, dass die Mauer mehr gegenwärtig ist, je älter der Befragte ist. Für die "Nachwendegeneration" wird sie wahrscheinlich in einigen Jahren keine Rolle mehr spielen, die Unterschiede werden sich immer mehr angleichen.

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