Oberelsbach

In Schweden gefangen, in der Rhön ausgewildert: Was es mit der Aktion um 24 seltene Birkhühner auf sich hat

Die Helfer sind wieder zurück aus Schweden. Was ist der Sinn dieser Aktionen, sind sie erfolgreich und wie steht es um den Bestand des Birkwilds in der Rhön?
Eindrucksvolle Bilder von balzendem Birkwild boten sich den Rhöner Helfern an ihrem Fangplatz in Schweden. Ein Vogel ist dabei schon in die Falle gegangen.
Foto: Thomas Kuhn | Eindrucksvolle Bilder von balzendem Birkwild boten sich den Rhöner Helfern an ihrem Fangplatz in Schweden. Ein Vogel ist dabei schon in die Falle gegangen.

Torsten Kirchner von der Wildland-Stiftung Bayern kümmert sich seit rund 20 Jahren um den Schutz und den Erhalt des Birkwild-Bestands in der Rhön und ist für die jährlichen Birkwildzählungen in der Langen Rhön verantwortlich. Der Gebietsbetreuer im größten Rhöner Schutzgebiet organisiert daneben die Fahrten ehrenamtlicher Helfer nach Schweden, die dort Birkwild fangen, das dann in der Rhön ausgewildert wird. Dieser Tage ist er wieder von einer Schweden-Tour zurückgekehrt.

Frage: Wieder zurück vom Birkwildfang in Schweden. Wie war die Fahrt und hat alles geklappt?

Torsten Kirchner: Wie immer gab es einige Schwierigkeiten. So fiel ein Fahrzeug am Abfahrtstag wegen eines Kupplungsschadens aus und musste ersetzt werden. Beim Versuch, die Tiere nach Deutschland auszuführen, griffen plötzlich neue EU-Regelungen, die erfüllt werden mussten. Das hat viele Nerven gekostet, aber letztlich hat dann doch wieder alles geklappt. Wir waren mit zehn Leuten unterwegs und haben vor Ort mit anderen Gruppen aus Belgien und Holland kooperiert, die dort ebenfalls auf Birkwild-Fang waren. Alle sind müde, aber wohlbehalten in der Rhön zurück.

Wie viele Tiere wurden gefangen und in der Rhön ausgewildert?

Kirchner: Zehn Hähne und 14 Hennen. Die Tiere sind alle unversehrt in der Rhön angekommen, wo sie umgehend von den Rangern Maik Prozeller und Daniel Scheffler ausgewildert wurden.

Alle Fahrten werden über Spenden finanziert und ehrenamtlich unternommen?

Kirchner: Neben wenigen hauptamtlichen Fachleuten war die Mehrzahl der Helfer ehrenamtlich dabei. Die Autos wurden gestellt, die Benzinkosten zum größten Teil über Spenden von privaten Sponsoren und über die Jagdabgabe finanziert. Auch der Landkreis unterstützte mit einem Fahrzeug.

Die wievielte Fahrt war das und wie viele sind noch geplant?

Kirchner: Wir sind im elften Fangjahr seit 2010, nachdem im vorletzten Jahr die Fahrt wegen Corona abgesagt werden musste. Wir haben - einschließlich 2022 - eine Genehmigung für drei Jahre. Dabei dürfen insgesamt 75 Tiere gefangen werden.

Was haben die bisherigen Fahrten gebracht?

Kirchner: Die genetische Auffrischung des Birkwildbestands in der Rhön ist gelungen. Nachweislich hat es auch Verpaarungen mit hiesigen Tieren und die erfolgreiche Aufzucht von Jungtieren gegeben. Die ausgewilderten Vögel nehmen die Rhön als Lebensraum an. So ist noch immer ein besenderter Hahn unterwegs, der 2019 in die Rhön kam. Auch Vögel, die im vergangenen Jahr besendert wurden, sind noch nachweisbar. Der Knackpunkt scheint das Überleben der Aufzucht zu sein. Wissenschaftliche Erkenntnisse über die Gründe dafür werden gerade erarbeitet.

Wildland Gebietsbetreuer Torsten Kirchner beobachtet seit rund 20 Jahren die Entwicklung des Birkwilds in der Langen Rhön.
Foto: Thomas Pfeuffer | Wildland Gebietsbetreuer Torsten Kirchner beobachtet seit rund 20 Jahren die Entwicklung des Birkwilds in der Langen Rhön.
Da fahren jedes Jahr Leute nach Schweden und bringen Birkhühner in die Rhön. Was soll das überhaupt?

Kirchner: Ziel der Aktion ist es, zu versuchen, den Bestand so lange zu halten, bis es Verbesserungen beim Lebensraum gibt. Es geht nicht nur um das Birkwild. Es ist ein Anzeiger, der Defizite sichtbar macht, unter denen auch manche andere, unauffälligere Arten leiden. Mit dem Verweis auf das Birkhuhn können in der Rhön viele Schutzmaßnahmen durchgeführt werden, die sonst nicht möglich wären – das Aussterben des Birkhuhns wäre aus meiner Sicht ein großer Verlust.

Vor der Fahrt nach Schweden stand die traditionelle Birkwildzählung in der Langen Rhön?

Kirchner: Wir haben wieder im Corona-Modus gezählt. Das bedeutet, dass nur etwa ein Viertel der sonst üblichen Zählplätze besetzt wurden und die traditionellen Absprachen am Vorabend sowie das gemeinsame Frühstück nach dem Zählen ausfielen.

Wie war das Ergebnis?

Kirchner: Es wurden elf Hähne und zwei Hennen gezählt. Die registrierte Zahl der Hennen ist dabei nicht repräsentativ. Die Sicht war zwar gut, aber es wehte ein sehr kalter, scharfer Wind. So waren auf einigen Plätzen keine Vögel zu sehen und zu hören. Zudem ließen sich vermutlich viele Hennen deshalb nicht sehen, weil sie schon auf dem Nest saßen.

Wie gestaltet sich aktuell die Situation des Birkwilds?

Kirchner: Durch die Auswilderung ist der Bestand stabil, aber auf niedrigem Niveau und deswegen nicht befriedigend.

Wie sind die Perspektiven?

Kirchner: Ich bin überzeugt davon, dass es ohne die verschiedenen Maßnahmen keine Birkhühner mehr in der Rhön geben würde und so das Aussterben verhindert wurde. Allerdings sind das keine Projekte für die Ewigkeit und werden wohl irgendwann beendet.

Birkwild-Zählung

Ende der 1960er Jahre soll es 350 balzende Birkhähne auf der Rhön gegeben haben. Allerdings sind diese Zahlen nicht durch wissenschaftliche Zählungen belegt. Seit 1977 wird der Birkwildbestand von Jägern, Ornithologen und Naturfreunden am letzten Wochenende im April (seit 2010 auch im Herbst) nach einem standardisierten Verfahren von jeweils etwa 120 Helfern gezählt. Wegen Corona wurde in den vergangenen drei Jahren in stark reduziertem Umfang gezählt. Wurden bei den ersten Zählungen Ende der 70er Jahre zwischen 40 und 50 Birkhähne gezählt, nahm die Population Jahr für Jahr ab. Der Tiefpunkt mit nur vier Hähnen war 2010 erreicht. Der Bestand in der Rhön war genetisch isoliert und zur Reproduktion offenbar nicht mehr in der Lage. Ab 2010 wurden Birkhühner in Schweden gefangen und in der Rhön ausgesetzt. Seither hat sich der Bestand auf niedrigem Niveau stabilisiert, ein richtiger Durchbruch lässt auf sich warten. Wissenschaftler gehen davon aus, dass dafür mehr geeigneter Lebensraum zur Verfügung stehen müsste. Zu den Problemen gehören ebenso ein hoher Bestand an natürlichen Feinden sowie ein stark geändertes Freizeitverhalten der Besucher.
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