Ostheim

Kein Mangel bei Bier aus dem Landkreis

Lagerung: Stephan Kowalsky im Lagerraum, in dem die Rhönpiratenbiere bei permanent null Grad reifen – der Bekömmlichkeit wegen.
Foto: Herbert | Lagerung: Stephan Kowalsky im Lagerraum, in dem die Rhönpiratenbiere bei permanent null Grad reifen – der Bekömmlichkeit wegen.

Es gibt Gegenden, in denen es keine Brauerei mehr gibt. Da sind die Menschen auf Massenware aus Großbrauereien angewiesen. Rhön-Grabfeld gehört sicher nicht zu diesen Regionen. Bei elf Brauereien im Landkreis ist die Versorgung mit lokalem Gerstensaft gewährleistet. Für Rhön-Grabfelder Biertrinker müssen keine mit Bierfässern oder Bierpaletten beladenen Laster quer durch Deutschland kurven.

Die meisten Brauereien haben sich in der Initiative „Wir sind Rhöner Bier“ mit der Mälzerei in Mellrichstadt und zwei Landwirten aus dem Landkreis zusammengetan, die die Braugerste liefern. Total lokales Malz also und das Wasser kommt auch von hier. Schwieriger wird es beim Hopfen. Der kommt normalerweise als Pellets aus der Hallertau. In der Rhön wird bekanntlich kein Hopfen angebaut – auch wenn es bei der Oberelsbacher Pax-Bräu schon einige Sude gab, denen Hopfen aus einem Bischofsheimer Privatgarten die nötige Würze gab. Eine Ausnahme.

Die kleineste, inzwischen aber recht erfolgreiche Brauerei im Landkreis ist die von Stephan Kowalsky in Ostheim. Sie gehört nicht zu „Wir sind Rhöner Bier“, will ihre Eigenständigkeit wahren. Rhönpiraten nennt sie sich ein bisschen rebellisch. Ein teilautomatisierter 200-Liter-Sudkessel steht in der ehemaligen Waschküche des Privathauses von Kowalsky in der Friedenstraße in Ostheim. Den befüllt der studierte Braumeister inzwischen fünf Mal pro Woche mit Malz von der Mellrichstädter Mälzerei und Ostheimer Wasser. Daraus wird der Sud gekocht, die Würze, aus der durch Vergärung mit Hilfe von Hefe das Bier wird. Wochenproduktion: zehn Hektoliter.

Dass das Malz von hier kommt ist für Kowalsky selbstverständlich. Erstens natürlich wegen der kurzen Wege und zweitens weil der Mälzer auch mal kurzfristig auf Sonderwünsche eingehen kann und man ständig wegen der Qualität im Gespräch bleibt. Für Kowalsky übrigens in Ökoqualität, denn seine Biere sind ökozertifizieret und das müssen natürlich auch die Zutaten sein. Die Hopfenpellets ebenso wie die Hefe.

Angefangen hat alles, nachdem Bionade an die Oetker-Gruppe verkauft war. Da war Stephan Kowalsky, mit seinem Bruder Peter in der Geschäftsführung. Als studierter Braumeister wollte Stephan danach wieder brauen – nicht irgend ein Bier, sondern Bier, wie es früher gebraut wurde, eines das sich abhebt von den Massenbieren. Mit mehr Zeit zum Reifen, nach altem Rezept.

„Das macht so viele Biere so ähnlich im Geschmack. “
Stephan Kowalsky zur Filterung

Den ersten Sud, den für ein Weizenbier, hat Kowalsky am 18. April 2012, seinem Geburtstag angesetzt. Gerade mal 50 Liter waren das. „Das war damals eigentlich nur zur Selbstversorgung und nur einmal im Monat“. Dann hat seine Mutter Sigrid Peter-Leipold das Tanzbergstüberl, das ihr gehört, in Ostheim generalsaniert. Sohn Stephan sorgte für das Bier. Zur Eröffnung gab es das zum ersten Mal. Ab da ging es los mit fünf Suden pro Woche. Die gären in entsprechenden Containern im ehemaligen Partykeller der Kowalskys. Was ja irgendwie passend ist.

Danach kommt der Prozess, der für die Bekömmlichkeit des Bieres von größter Bedeutung ist, so Kowalsky: die Lagerung. Dafür hat er einen Raum, in dem Sommer wie Winter 0 Grad Celsius herrschen. In der Regel bleibt das Bier da vier Wochen, Bockbier sogar drei Monate. In Großbrauereien wird diese Zeit so kurz wie möglich gehalten, erklärt der Brauer. Denn dafür muss teuere Energie investiert werden.

Nach der Lagerung sind die sechs Piratenbier-Sorten fertig zum Abfüllen in Fässer oder in Halbliter-Bügelflaschen. Die verkauft Kowalsky in der klassischen Holzkiste. Entweder direkt bei sich zu Hause in der Friedenstraße – in dem Haus mit der Piratenfahne davor. Mit etwas Glück ist ein Gespräch mit dem leidenschaftlichen Brauer inklusive. Sein Bier gibt es aber auch in einigen Supermärkten in der Nähe. „Die erste Idee, nur bei uns daheim zu verkaufen, habe ich aufgegeben. Die Leute wollen, dass wir zu Ihnen kommen“. Bald soll das Rhönpiratenbier außerdem online zu bekommen sein.

Seine Biere sind Biere wie vor 100 Jahren, erklärt Kowalsky. Da war es üblich, dass Bier nicht gefiltert wurde, sondern naturtrüb war, mit allen guten Inhaltsstoffen. Die Filterung kam in erster Linie, damit das Bier immer genau gleich schmeckt. Außerdem hat man den Geschmack des heutigen Massenbieres so hingetrimmt, dass es möglichst vielen Menschen schmeckt, klagt Kowalsky. „Das macht so viele Biere so ähnlich im Geschmack. Ohne Charakter“, sagt der Ostheimer Braumeister.

Kowalskys Biere heben sich ab von der Massenware: sein Kellerbier, ein pilsartiges Vollbier; das naturtrübe Weizen, das untergärige Dunkle; das stark gehopfte, untergärige Spezial und der Pirator, ein untergäriger Doppelbock. Und dann ist da noch das Indian Pale Ale. Das klang Kowalsky zunächst ein wenig zu modern. Doch dann hat er nachgelesen. Indian Pale Ale ist ein altes Bierrezept. Erfunden haben es die Engländer, die für ihre Kolonie ein gut zu transportierendes, lange haltbares Bier brauchten. Das erreichten sie mit einer starken Hopfengabe – nicht nur beim Kochen sondern auch als sogenannte kalte Hopfengabe in den Lagertanks. Das wiederum sorgt für einen fruchtigen Geruch und Geschmack des Biers.

Offenbar geht Kowalskys Konzept auf. Jedenfalls stößt er zuhause an Kapazitätsgrenze. Da, so erklärt er, gibt es dann zwei Möglichkeiten. Die Kapazität erweitern oder mehr Personal. Derzeit hilft ihm ein polnischer Kollege. Tomasz Ciecierega hat mit Kowalsky an der Fachakademie Doemens in Gräfelfing bei München Brauereiwesen studiert. Man kennt sich, hat gemeinsame Ziele. Außerdem helfen noch zwei Teilzeitkräfte mit, die vorher bei Bionade waren.

Dass gutes, mit Leidenschaft gebrautes Bier nicht ganz so billig sein kann wie das aus Großbrauereien liegt auf der Hand. Das ist bei anderen Brauereien, die weggehen vom Massenbier hin zu eigneständigen Bieren, nicht anders. Je nach Sorte gibt es die Kiste Rhönpiratenbier mit zwölf Halbliterflaschen zu Preisen zwischen 14,70 und 18,36 Euro.

Klassisch: Rhönpiratenbiere In der Holzkiste in Bügelflaschen.
Foto: Herbert | Klassisch: Rhönpiratenbiere In der Holzkiste in Bügelflaschen.
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