Schönau

Lebenswege: So war das Leben vor 100 Jahren in Schönau

Schönaus Altbürgermeister Walter Vey hat ein neues Buch geschrieben:  Lebenswege von Schönauer Bürger/innen. In dem Buch beschreibt er eindrucksvolle und bewegende Schicksale. Sonja Rahm freute sich über ein Exemplar.
Foto: Marion Eckert | Schönaus Altbürgermeister Walter Vey hat ein neues Buch geschrieben: Lebenswege von Schönauer Bürger/innen. In dem Buch beschreibt er eindrucksvolle und bewegende Schicksale. Sonja Rahm freute sich über ein Exemplar.

"Lebenswege von Schönauer Bürger/innen" – so lautet der Titel des neuen Buches von Schönaus Altbürgermeister Walter Vey. Eine Hebamme unterwegs im Dorf, Ordensschwestern auf dem Weg in die Mission in Südamerika und Afrika, ein Pfarrer, der auf sein Herz hörte und der Liebe zu einer Frau folgte, ein Dorfjunge der auch ohne Studium Karriere machte und Schönauer Originale, die das gesellschaftliche und politische Dorfleben prägten – entstanden ist eine breite Sammlung abwechslungsreicher, spannender und auch beeindruckender Lebensgeschichten.

Im Zuge der Recherchen für die im Jahre 2005 erschienene Chronik der Gemeinde Schönau stieß Walter Vey auf interessante Lebensgeschichten und Schicksale, die in ausführlicher Form in der Chronik keinen Platz fanden. Damals schon reifte in Vey der Wunsch die Geschichten zu veröffentlichen.

Ein Zeitzeugnis

Schönaus Bürgermeister Sonja Rahm freut sich sehr über das neue Buch mit den eindrucksvollen, lebendig geschilderten Geschichten, die einen Einblick in das Leben früherer Zeit geben. "Dieses Zeitzeugnis ist grade in der heutigen Zeit wichtig, denn so manche Erzählung zeigt doch, wie beschwerlich und herausfordernd das Leben vor nicht einmal 100 Jahren war."

Das Buch eröffnet mit der Geschichte über die Hebammen Agathe Reubuelt und Gisela Baumbach, anhand der Schilderung einer Geburt, wie sie im Jahre 1923 statt gefunden haben könnte. Die wörtliche Rede hat Vey im Dialekt geschrieben, was die Geschichte und damaligen Verhältnisse noch greifbarer mache. Bilder aus unterschiedlichen Familienalben untermalen die Geschichte.

Überhaupt sind Fotos ein wichtiger Bestandteil in Veys neuem Buch. "Die Menschen zu sehen ist noch mal etwas anders als nur die Geschichte zu lesen", befand auch Sonja Rahm.

Reisetagebuch einer Ordensschwester

Die Geschichte von Hermine Mölter, die im Orden den Namen Schwester Kiliana trug, schildert die Überfahrt nach Chile, die sie im Alter von 24 Jahren, im Jahr 1935/1936, mit einem Frachtdampfer unternahm. Seekrankheit, schwere See und Steuerbruch, Gebete und die Faszination der Ankunft in einer neuen Welt prägten den Bericht, dem ihr altes Reisetagebuch zugrunde liegt.

Angelika Griebel, geboren im Jahr 1900, gilt als älteste bekannte Ordensschwester von Schönau. Als Schwester Carina war sie ab 1924 im Zululand in Südafrika wo sie Pionierarbeit beim Aufbau von Missionsstationen, Krankenhäusern und Schulen leistete. Ihr Beispiel nahm Vey in sein Buch auf, weil von ihr folgendes überliefert ist: "Sie war in der Bevölkerung integriert und achtete darauf, dass die Kultur dieses Landes erhalten blieb. Denn gerade zu Beginn der Missionstätigkeit im 18. und 19. Jahrhundert, sei es üblich gewesen, der Bevölkerung die eigene Kultur rigoros beizubringen, weil nur diese als die einzig Richtige angesehen wurde", begründete Vey seine Auswahl. Auch Waltraud Griebel, geboren 1928, ging nach Südafrika. Einen Bericht aus dem Sonntagsblatt über ihr fast 60-jähriges Leben und Wirken als Ordensschwester Elkana konnte Walter Vey übernehmen.

Die Liebe hat Vorrang

Pfarrer Andreas Arnold feierte im August 1909 seine Primiz in Schönau. 1923 wanderte er nach Südamerika aus. Seine Enkelin kam 2015 zu Walter Vey, um näheres über die Familiengeschichte zu erfahren. Walter Vey recherchierte, unter anderem im Diözesanarchiv und konnte letztlich das Bild zusammen fügen. Der junge Pfarrer Andreas Arnold lernte seine spätere Frau Hilde wohl 1915 kennen. Sehr behutsam formuliert Vey die Geschichte, die das junge Paar zunächst nach Brasilien führte wo sie drei Kinder bekamen.

Vey versieht den Bericht mit eigenen Gedanken,  spricht von der "Hartherzigkeit und Unbarmherzigkeit der katholischen Kirche" sowie einer "zwiespältigen Moraltheologie", die zu seelischen Konflikten führen konnte. Vey selbst, der in jungen Jahren ebenfalls den Wunsch hatte Priester zu werden und in einer Klosterschule besuchte, weiß, wovon er schreibt. Der Enkelin von Pfarrer Andreas Arnold gab Vey mit auf den Weg, dass sie auf ihre Großeltern stolz sein könne, besonders auf ihren Opa, der die Liebe zu seiner Frau Hilde nicht enttäuscht habe.

Ausgewandert nach Amerika

Weniger romantisch scheint sich die Geschichte von Viktoria Griebel entwickelt zu haben. Die junge Frau wurde unehelich schwanger, ihr Sohn Heinrich kam 1877 zu Welt.  Die Zusammenhänge kennt heute niemand mehr. Bekannt ist lediglich, dass die junge Frau schließlich ohne ihren Sohn nach Amerika auswanderte. Die Passagierliste konnte Vey mit Hilfe seiner Enkelin im Auswanderer Haus in Bremerhaven ausfindig machen. Ob Viktoria Griebel je in Amerika ankam bleibt im Dunkel. Ihr Sohn wurde in Schönau von Pflegeeltern groß gezogen.

Sprachlos schauen Sonja Rahm und Walter Vey auf die Geschichte. "Es war eine harte Zeit für Frauen, die nicht ins Schema passten und funktionierten. Von Zusammenhalt keine Spur", konstatierte Sonja Rahm.

Familienschicksale

Die Geschichte von Heinrich Schmalz, geboren 1926, zeigt, dass die Lebenswege und Schicksal auch immer eingewoben in Familienschicksale sind. Sein Vater starb 1939 durch einen Unfall. Heinrich Schmalz war 13 Jahre alt. Er hinterließ seine Ehefrau mit sechs Kinder, drei waren im Säuglingsalter verstorben. Die Mutter, sie war 42 Jahre alt, musste die kleine Landwirtschaft, die einzige Existenzgrundlage schultern und die Kreditschulden abtragen. Beeindruckend die Geschichte wie sie ihren Kindern ihre eigenen Weg ermöglichst. Heinrich Schmalz machte Karriere in der Diözese Würzburg, war letztlich Leiter der Landvolkshochschule Münsterschwarzach.  

Persönliche Eindrücke

Mit dem großen Engagement von Werner Kiesel für seinen Heimatort und einem Nachruf auf Gregor Märkert schließt dieses außergewöhnliche Buch, das den Leser sehr persönliche Eindrücke in Lebenswege ermöglicht.

Erhältlich ist das Buch bei Walter Vey oder im Igros-Dorfladen in Schönau.

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