Wülfershausen

Mit dem Rennrad von Wülfershausen nach München

Am Ziel: Arno Albert (von links), Alex Klemm, Heiko Zirkelbach und Marco Benkert – vier Radler aus Wülfershausen, Heustreu und Hollstadt – fuhren in knapp zwölf Stunden von zu Hause nach München.
Foto: Heiko Zirkelbach | Am Ziel: Arno Albert (von links), Alex Klemm, Heiko Zirkelbach und Marco Benkert – vier Radler aus Wülfershausen, Heustreu und Hollstadt – fuhren in knapp zwölf Stunden von zu Hause nach München.

Schon der Start ist hart, was die Uhrzeit betrifft: Am Samstag, 9. Juni, früh um drei treffen sich Heiko Zirkelbach, 46, Arno Albert, 53 (beide aus Wülfershausen), Marco Benkert, 42 (Heustreu), und Alexander Klemm, 29 (Hollstadt), in Wülfershausen am Milchhäusle. Ihr Ziel: Mit den Rennrädern nach München radeln – und das an einem Tag.

„Etwas bescheuert muss man schon sein“, witzelt Heiko Zirkelbach. Der Siemens-Techniker zählt zur Radsportgruppe „Hollschter Mädels“. Die Gruppe, die aus Sportlern des TSV Hollstadt mit verschiedenen Ansprüche und Alter („von 22 bis 66!“) besteht, geht mittwochs ab April bis Oktober in zwei Leistungsgruppen ab 18 Uhr je nach Witterung on Tour.

Früher setzte man sich aufs Motorrad

„Wir wollen aber auch immer etwas Großes unternehmen“, sagt Zirkelbach. Die täglichen Fahrten zur Arbeit nach Bad Neustadt oder Bad Königshofen, die Ausritte zum Kreuzberg oder nach Vierzehnheiligen, beim Kuppenritt oder die 280-km-Siemens-Tour nach Erlangen und zurück zählen für die Burschen zum Trainingsalltag.

Drei der vier Jungs haben 2017 mit dem MTB die Alpen von Oberstdorf nach Riva überquert. „16 000 Höhenmeter, 350 Kilometer, dabei das Bike 20 Kilometer tragen und schieben – das waren vor einem Jahr unsere Eckdaten“, erinnert sich der 46-Jährige. Und dieses Mal? „Früher sind wir schon mal für ein Bier mit dem Motorrad nach München gefahren. Warum jetzt nicht mit dem Rennrad?“, hatte er heuer nach einer Radtour in die Runde geworfen.

Ehemaliger Sportmuffel übernimmt Planung

Schnell ist die Vierer-Gruppe gebildet. Planung und Guiding übernimmt der ehemalige Sportmuffel Zirkelbach. Er hatte erst 2006 nach Bandscheibenvorfall und Meniskusoperation bei einer Reha in Ohlstadt mit Bergwandern und Hüttentrekking begonnen zu sporteln. „Früher wog ich 110 Kilo, war in der Schule sport- und bei der Bundeswehr marsch- und außendienstbefreit. Und ich regte mich noch über die MTBler auf, die in den Bergen unterwegs waren. Heute bin ich selber einer!“

Die konkrete Planung der Tour sieht vor: gut ausgebaute Radwege und wenig befahrene Straßen, gerade vor München kein einfaches Unterfangen. Auch den Ballungsraum Nürnberg wollten die Grabfelder umfahren. „Wichtig war das gesunde Ankommen am Ziel und nicht das Erreichen irgendwelcher Bestmarken“, so die Vorgabe. Also wird ein Lineal zwischen Wülfershausen und München angelegt, ein Strich gezogen und heraus kommt eine Tour von 325 Kilometern.

Zum Training nach Vierzehnheiligen

Zur Vorbereitung geht's mal „kurz“ über Umwege und 210 Kilometer nach Vierzehnheiligen, selbstverständlich mit Kerze-Anbrennen. Auch sonntags um 7 Uhr mal schnell 100 Kilometer trainingshalber abspulen, gehört für die Vier dazu. O-Ton von Heikos Frau Birgit: „Für's Fahrradfahren kannst du früh raus, anders kommst du nicht aus der Falle!“

Für derlei Ereignisse wie die München-Fahrt schon. Bei nahezu perfekten Bedingungen (17 Grad) verlassen die Vier Wülfershausen mit dem Ziel Hofheim und Zeil am Main zu nachtschlafender Zeit. Gegen Mittag – zwischen Schwabach und Brombachsee steigt die Temperatur auf 30 Grad. Im Altmühltal zieht sich der Himmel etwas zu. „Irgendwo regnet es wohl, weil sich die Hitze reduziert. Anscheinend ist immer dort Regen, wo wir gerade nicht sind“, erinnert sich Zirkelbach. Und: Bei Weißenburg kommt der Trainingspartner „Gegenwind“ dazu. „Das ist nicht schön nach 200 Kilometern auf dem Rad. Aber besser als Regen u n d Gegenwind!“, lacht der Wülfershäuser. „Wir sind wie so ein Lanz Bulldog oder ein Schiffsdiesel: großer Hubraum, geringe Drehzahlen und lange Distanzen. Das ist unsere Disziplin!“

Schnell hellwach

Fast wäre das Vorhaben schon nach knapp einer Stunde Fahrzeit im Haßgau gescheitert, als etwa fünf Meter vor dem zuerst Fahrenden ein Reh die Fahrbahn querte. „Nicht auszudenken, was hätte passieren können. Danach waren wir hellwach“, so Zirkelbach. Bananen, Riegel, Gel, Bratwürste vom Vorabend aus der Trikottasche, Leberkäsweck und Kuchen gleichen das Kohlehydratdefizit aus. „Offensichtlich hat das geklappt: kein Krampf, kein Muskelkater, kein Popo-Weh“, erzählt Zirkelbach. Jedoch: „Nach sechs Bananen hängen sie dir zum Hals raus.“

Da kommt bei Höchstadt/Aisch eine erfreuliche Begebenheit genau richtig: Ein netter Dorfbäcker gibt jedem Grabfelder Radler eine Salzbrezel, die Spezialität seines Hauses, kostenlos als Wegzehrung mit. Auch die Trinkflaschen sind immer kostenlos gefüllt worden. „Das sind die Sachen, die im Kopf hängen bleiben!“, so der Wülfershäuser.

Enttäuschung am Marienplatz

Über Ingolstadt, Pfaffenhofen und Unterschließheim erreichen die vier wackeren Rennradfahrer gegen Abend München. Die Enttäuschung ist zunächst groß. Am Marienplatz gibt es kein freies Plätzchen für das Ziel-Weißbier. „Flugs sind wir ums Eck zum Viktualienmarkt. Dort haben wir unser Versprechen eingelöst“, erzählt Zirkelbach.

Mal über die deutsche Grenze hinaus

Nach einer Nacht im Hotel, das erst fünf Kilometer vor München gebucht wurde, geht es am Sonntag mit dem Zug zurück. „Etwas durchgeknallt muss man schon sein, um so eine Tour zu machen. Aber schön war's. Und nächstes Jahr gibt es wohl wieder etwas Ähnliches, vielleicht auch mal über die deutsche Grenze hinaus“, blickt Zirkelbach voraus. Und vergisst nicht, sich bei denen zu bedanken, die am meisten Verzicht üben müssen. „Das sind unsere Frauen und Familien. Ohne deren Zutun könnten wir unser Hobby nicht so intensiv ausleben.“

Von Wülfershausen nach München

Zahlen: 328 Kilometer, etwa 2800 Höhenmeter, 12:08 Stunden im Sattel; 25 km/h im Schnitt; 12 000 kcal (= 24 Tafeln Schokolade), 10 bis 12 Liter Flüssigkeit, ohne das Bier am Viktualienmarkt.

Streckenführung: Wülfershausen - Happertshausen (25 km, 4 Uhr), - Zeil (50 km, 5 Uhr) - 30 min Pause, - Burgebrach (75 km, 6.30 Uhr), - Höchstadt/Aisch (100 km, 7.30 Uhr) - 1h Pause, - Cadolzburg (125 km, 9.30 Uhr), - Schwabach (150 km, 10.30 Uhr) - 1h Pause, - Mühlstetten/Brombachsee (175 km, 12.30 Uhr), - Weißenburg (200 km, 13.30 Uhr), - Eichstätt (215 km, 14.10 Uhr) - 1h Pause, - Ingolstadt (240 km, 16.10 Uhr), - Pfaffenhofen (275 km, 17.30 Uhr) - 1h Pause, - Unterschleißheim (300 km, 19.30 Uhr), - München Marienplatz (325 km, 20.15 Uhr).

Am Radweg bei Wülfershausen verewigt.
Foto: Heiko Zirkelbach | Am Radweg bei Wülfershausen verewigt.
Erschöpft, aber zufrieden: Marco Benkert, Arno Albert, Alex Klemm und Heiko Zirkelbach in ihrer Hollschter Tracht an ihrem Zielort München.
Foto: Heiko Zirkelbach | Erschöpft, aber zufrieden: Marco Benkert, Arno Albert, Alex Klemm und Heiko Zirkelbach in ihrer Hollschter Tracht an ihrem Zielort München.
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