Sternberg

Nikolaus-Brauch: Wenn die Herschecloesen mit der Rute kommen

Wie waren die Tage rund um Weihnachten anno dazumal? Reinhold Albert hat in seinen Archiven gekramt. Er fand die rauen Herschecloes-Gestalten in Rhön und Grabfeld.
In der thüringischen Nachbargemeinde von Sulzdorf, in Rieth im Heldburger Unterland,  gehen am Nikolaustag beziehungsweise am 2.  Adventssonntag noch die Herrschecloese durchs Dorf. Heuer fällt die alte Tradition wegen Corona freilich aus. 
Foto: Reinhold Albert | In der thüringischen Nachbargemeinde von Sulzdorf, in Rieth im Heldburger Unterland, gehen am Nikolaustag beziehungsweise am 2.  Adventssonntag noch die Herrschecloese durchs Dorf.

Im Mittelpunkt des Weihnachtsfestes steht heute die Bescherung. Bis ins 16. Jahrhundert jedoch hatte der höchst populäre Sankt Nikolaus am 6. Dezember den Kindern die Gaben gebracht. Unsichtbar über die Häuser reitend, warf er ihnen durch den Kamin Geschenke in bereitgestellte Schuhe.

Die Bescherung am Christtag und das Christkind als Geschenklieferant, diese „Errungenschaften für das Weihnachtsfest“ gehen auf die Reformation zurück. Nachdem die Heiligen im Protestantismus fallen gelassen wurden, durfte nicht ein Heiliger als Gabenbringer erscheinen. Der heilige Nikolaus wurde ersetzt durch einen „Heiligen Christ“.

Blutleer sollte das Christkind nicht sein

Wie wenig allerdings solch blutleerer Anonymus die Volksphantasie befriedigen konnte, zeigte sich in der Verwandlung des katholischen Heiligenbrauchs in ein protestantisches Umgangsspiel, eben den Auftritt der weißgekleideten Lichtgestalt. Aus dem „Heiligen Christ“ wurde ein mädchenhaftes „Christkind“.

So ganz wollte sich das Volk vom liebgewonnenen Heiligen denn doch nicht verabschieden, denn das Christkind wird mitunter vom „Herrschecloes“ begleitet. Diese Bezeichnung ist eine Mundartverschleifung von „Herr Sente Klas“ (Herr St. Nikolaus).

Der eigentliche Erscheinungstermin des Herrschecloes ist denn auch der 6. Dezember. In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts wird die Verkleidung des Herrschecloes in der Rhön wie folgt geschildert: „In umgekehrten Schafspelz oder von Kopf zu Füßen in Erbsstroh, hat eine erschreckliche Maske vor dem Gesicht, auf dem Kopf eine Perücke von Stroh, am Halse eine Kuhschelle, um den Leib als Gürtel eine eiserne Kette; in der Hand führt er eine große Birkenrute, auch wohl eine Rassel, und auf dem Rücken hängt ihm ein großer Sack mit Äpfeln und Nüssen.“

Zeugnisse des Umgangs des oder der Herschecloese im Grabfeld in alter Zeit gibt es genügend, so z.B. aus Kleinbardorf, Irmelshausen oder Rothausen. Aus Irmelshausen wird in den 1960er Jahren überliefert: „Es ist noch nicht lange her, dass hier schon am 6. Dezember der Nikolaus kommt. Es heißt, der Nikolaus wurde erst von den katholischen Dörfern übernommen. Das kann also wohl nur nach dem 2. Weltkrieg geschehen sein, denn vorher war Irmelshausen ganz nach Thüringen orientiert.

Vorher erschien er am Heiligabend. Da hieß er auch noch Herrschekloes. Er hatte einen dicken Fellmantel an und eine Kette um den Bauch. Besonders furchterregend wirkte sein langer struppiger Bart aus Flachs. Er verteilte an die ungezogenen Kinder einige Schläge mit einer Gerte oder Rute, an die braven Kinder Äpfel, Nüsse und Plätzchen. Dann machte er sich wieder auf den Weg.“

Mitunter sah sich die Obrigkeit genötigt einzuschreiten. So erließ der Würzburger Fürstbischof 1756 ein Dekret („Verboth der am H. Christ- und Nicolai-Vorabend getrieben werdenden offentlichen Mummereyen“), in dem er diese Umgänge bei Androhung von Zuchthausstrafen untersagte. 

In der thüringischen Nachbargemeinde von Sulzdorf, in Rieth im Heldburger Unterland,  gehen am Nikolaustag beziehungsweise am 2. Adventssonntag noch die Herrschecloese durchs Dorf. Dieser Brauch wird allerdings in diesem Corona-Jahr auf Eis gelegt. Ein Mädchen der Gruppe kleidet sich in ein weißes Festkleid, um das Christkind darzustellen. Es wird begleitet vom Weihnachtsmann. Zu Diensten sind einige Mägde (die „Tragmädchen“), die in Körben Zuckerzeug und Backwerk mitbringen, welches die Jugendlichen in den vorausgegangenen Tagen gebacken haben. Zur Gruppe gehören die „Herrschecloesen“, die zu ihrer wilden Verkleidung mit Lederriemen bestückte Ruten tragen.

In alter Zeit war auch im Königshöfer Grabfeld der Umgang der Herrrschecloese am Nikolaustag üblich, so u. a. in Kleinbardorf, Irmelshausen oder Rothausen.
Foto: Reinhold Albert | In alter Zeit war auch im Königshöfer Grabfeld der Umgang der Herrrschecloese am Nikolaustag üblich, so u. a. in Kleinbardorf, Irmelshausen oder Rothausen.

Nachdem das Christkind, der „Rupperich“ (Knecht Ruprecht) und die beiden Tragmädchen das Zimmer betreten haben, wird gefragt, ob sich das Kind schon recht gut auf das Weihnachtsfest vorbereitet hat, ob es einen christlichen Vers aufsagen oder ein Lied singen kann, oder ob der Weihnachtsmann die nicht Folgsamen in seinen Sack packen und mitnehmen soll. Die Hauptsache aber ist, dass dem Kind die Frage gestellt wird, was ihm der heilige Christ zu Weihnachten bringen soll.

Und das wird notiert und versprochen für den Fall, dass auch künftig keine Klagen eingehen. Es gibt Süßigkeiten aus den Körben der Mägde und auch die Eltern der Kinder steuern etwas bei, damit bei den nächsten Häusern wieder ausreichend Naschwerk vorhanden ist. Für diesen schönen Dienst wird dem Christkind heimlich ein Geldgeschenk zugesteckt. Nun dringen die „Herrschecloesen“ wild herein und schlagen mit ihren Ruten auf Tisch und Stuhl und versuchen unentwegt, Geldgaben zu erheischen. Wohl fragen sie auch, wer unfolgsam oder böse war, und wer besonders gestraft werden müsse. Dabei sind sie ungehalten, nicht nur Kindern gegenüber, sondern auch zu den Erwachsenen, die dann Mühe haben, die rauen Kerle aus dem Hause zu bringen.

Hinterher fanden sich die Jugendlichen im Dorfwirtshaus ein, um den Erlös aus ihrem Dienst gleich zu verzechen.

Literatur: Reinhold Albert: Silberstrauß und Ringelein, silbern ist das Mägdelein – Bräuche in alter und neuer Zeit und Rhön und Grabfeld, Mellrichstadt 2018.

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