Bad Königshofen

Wenn Geschichte erlebbar wird

Schüler der Klasse 9c des Gymnasiums Bad Königshofen recherchierten über das Schicksal der Familie Katz.
Foto: Michael Petzold | Schüler der Klasse 9c des Gymnasiums Bad Königshofen recherchierten über das Schicksal der Familie Katz.

Eine Annäherung an die Geschehnisse des Holocaust ist für Lehrer wie Schüler keine einfache Angelegenheit. Zu monströs und unvorstellbar erscheinen die Gräueltaten des mörderischen Naziregimes. Zudem gibt es 73 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges immer weniger Zeitzeugen, die aus eigener Erfahrung berichten können. Die Schüler des 9. Jahrgangs des örtlichen Gymnasiums trugen anlässlich des Holocaust-Gedenktages am 27. Januar Informationen über einst in Bad Königshofen lebende Juden zusammen und präsentieren nun die Ergebnisse auf Schautafeln in der Aula.

Die 9.Klässer näherten sich Schritt für Schritt der Geschichte

Im wahrsten Sinne des Wortes Schritt für Schritt hatten sich die Schüler mit ihrem Geschichtslehrer Rainer Seelmann bereits im November vergangenen Jahres dem Thema genähert. Bei einem Rundgang durch die Stadt führte Seelmann die Jugendlichen zu jenen Orten, die vor fast 80 Jahren Schauplätze der staatlich initiierten Pogromnacht am 9. November 1938 waren. Auch in Bad Königshofen gab es gewalttätige Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung. 125 Menschen judaischen Glaubens lebten noch zur Zeit der Weimarer Republik in der Stadt, 1941 gab es niemanden mehr.

Das Schicksal des jüdischen Mitbürgers Josef Friedmann

Auf den Schautafeln wird das Schicksal von 35 deportierten Juden dokumentiert, die in Bad Königshofen geboren wurden oder zumindest zeitweise hier gelebt haben. Wie etwa Josef Friedmann, der als das letzte von sieben Kindern hier das Licht der Welt erblickte und der 1939 mit seiner Familie zunächst nach Amsterdam emigrierte. Dort wurde er am 20. Juni 1943 verhaftet und ins niederländische KZ Westerbork gebracht, das den Nazis als Durchgangslager diente.

Fächerübergreifende Beschäftigung mit dem Thema

Am 8. Februar 1944 wurde Friedmann ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert, wo er am 11. Februar ermordet wurde. Als Quellen für die Ausstellung, in die fächerübergreifend auch der Deutsch- und Kunstunterricht einbezogen waren, dienten unter anderem Seminararbeiten, die in den vergangenen Jahren zum Thema Judenverfolgung von Schülern der 11. Klassen angefertigt worden waren.

Der Brief der Tochter eines Holocaust-Überlebenden

Aber auch Menschen, die sich intensiv mit dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte beschäftigen, wurden befragt. Post kam dazu sogar aus den USA. Hier schilderte die Tochter des 1938 emigrierten Justin Hofmann, wie ihr mittlerweile verstorbener Vater sein ganzes Leben lang seelisch gelitten hat und wünscht sich, dass die Jugendlichen sich mit den Geschehnissen auseinandersetzen.

Wie Simon Glückert aus Saal, der in die 9c geht. Zusammen mit seinen Mitschülern hat er über das Schicksal der Familie Katz recherchiert und die Ergebnisse auf einem Karton auch bildnerisch und grafisch dargestellt. Als „interessant und erschreckend“ bezeichnete er im Gespräch mit dieser Redaktion die Geschichte. Dass so etwas in Deutschland noch einmal passieren könnte, glaubt er nicht, weil es hier doch Toleranz gebe und alles akzeptiert werde.

Für Schüler ist es nicht einfach, die Tragik zu erfassen

„Die Schicksale vor Ort machen das Geschen besser erlebbarer“, weiß Geschichtslehrer Seelmann, dem klar ist, dass es für die Jugendlichen, die sich sehr interessiert gezeigt hätten, nicht einfach ist, die ganze Tragik zu erfassen. Zumal in einem Land, dass sich als freiheitlicher Rechtsstaat begreift. Auch deswegen fahren die 9. Klassen jedes Jahr im Winter nach Weimar in die KZ-Gedenkstätte Buchenwald. Zudem haben Schüler der 9. Klassen am vergangenen Sonntag einen ökumenischen Gottesdienst in der evangelischen Kirche mitgestaltet.

Anregung durch die Initiative Denkort Aumühle

Die Anregung zu der Ausstellung resultiert auch aus der Initiative „Denkort Aumühle“, die daran erinnern will, dass von dem Güterbahnhof bei Würzburg aus 1795 der insgesamt 2068 unterfränkischen Juden deportiert wurden. Darunter auch viele aus Bad Königshofen und dem Grabfeld. Nur 60 der 2068 Deportierten überlebten den Holocaust.

Die Ausstellung in der Aula des Gymnasiums ist noch den Rest der Woche über zu sehen, wird dann wegen Faschingsfeiern abgebaut und danach wieder aufgebaut. Laut Katherina Lehmann, der Fachbetreuerin für Geschichte, ist auch daran gedacht, die Ausstellung zu einem späteren Zeitpunkt im Kulturarsenal Darre zu zeigen.

Zu Zeiten der Weimarer Republik lebten in der Stadt 125 Juden, 1941 gab es keine mehr. Hier exemplarisch der Stammbaum der Familie Joel.
Foto: Michael Petzold | Zu Zeiten der Weimarer Republik lebten in der Stadt 125 Juden, 1941 gab es keine mehr. Hier exemplarisch der Stammbaum der Familie Joel.
Ausstellung in der Aula: Das Foto zeigt Schüler der 9c mit ihrem (von links) Geschichtslehrer Rainer Seelmann und dem stellvertretenden Schulleiter Wendelin Seufert.
Foto: Michael Petzold | Ausstellung in der Aula: Das Foto zeigt Schüler der 9c mit ihrem (von links) Geschichtslehrer Rainer Seelmann und dem stellvertretenden Schulleiter Wendelin Seufert.
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