Gernach

Vom Pfarrer gekränkt: Sie wollte ihr Leid erträglicher machen

Warum ich aus der Kirche ausgetreten bin (Teil 6): Frau E. ist tief verwurzelt in der Kirche. Ihr Glauben ist ihr wichtig. Doch der Ortsgeistliche ist ihr ein rotes Tuch.
Eine Frau drückt auf diesem Symbolbild eine  Wartenummer für den Antrag auf den Austritt aus der Kirche bei einem Amtsgericht. Seit Jahren leiden die Kirchen in Deutschland unter Mitgliederschwund. In den vergangenen Jahren stieg die Zahl der Kirchenaustritte vielerorts rapide an.
Foto: Oliver Berg, dpa | Eine Frau drückt auf diesem Symbolbild eine Wartenummer für den Antrag auf den Austritt aus der Kirche bei einem Amtsgericht. Seit Jahren leiden die Kirchen in Deutschland unter Mitgliederschwund.

Im Juni vergangenen Jahres starb der Ehemann von Frau E. – mit 61 Jahren. Ende Februar hatte er die Diagnose bekommen, dass er unheilbar krank war. Frau E. hat ihren Mann zu Hause gepflegt, die beiden haben sich für die Beisetzung in einem Urnengrab entschieden. Im Raum stand auch noch eine Beisetzung im Familiengrab.

E. fragte ihren Ortsgeistlichen um Rat. Dieser sprach darüber mit einer Verwandten von E. – und gab dann einen völlig anderen Rat als beim ersten Gespräch über dieses Thema. E. empfand dies als Vertrauensbruch – sie war davon ausgegangen, dass der Pfarrer ihr Gespräch vertraulich behandeln würde.

Pfarrer soll im Notfall einspringen – und lehnt ab

Eine zweite Kränkung durch den Geistlichen erlebte sie, als sie diesen fragte, ob er ihrem Mann, der evangelisch war, die Sterbesakramente spenden könnte, falls die evangelische Pfarrerin nicht rechtzeitig kommen könnte. Der Pfarrer antwortete, er wolle der evangelischen Pfarrerin "nicht vorgreifen". Für E. wäre er immer da. Als sie sagte, dass nicht sie ihn bräuchte, sondern ihr Mann, blieb er bei seiner Antwort. Bei E. kam das so an, dass der Pfarrer nicht bereit sei, im Notfall einzuspringen. Dies kränkte sie umso mehr, als sie erlebte, als ihr Mann auf der Palliativstation war, dass evangelische und katholische Seelsorger sich im Notfall ohne Probleme bei der Spendung der Sterbesakramente vertraten.

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Eine dritte Kränkung: Der Ortspfarrer zeigte sich verärgert, weil E. nicht bei ihm persönlich um das Läuten des Sterbeglöckchens gebeten hatte. Sie hatte die Urnenbeisetzung an ein Beerdigungsinstitut übergeben und war davon ausgegangen, dass dieses auch das Läuten der Glocke organisiert.

Die evangelische Pfarrerin leitete die Urnenbeisetzung, die Liturgie fand im Leichenhaus statt. E. hatte dem Pfarrer mitgeteilt, dass sie die Kirche für diesen Abschied von ihrem Mann nicht nutzen wolle. Seine Reaktion: Er lachte. "Herr Pfarrer, hören Sie auf zu lachen. Mir ist nicht zum Lachen zumute", sagte sie. Besonders herzlos fand sie, dass die Orgel in der katholischen Kirche spielte, während der Trauerzug vom Leichenhaus zum Grab an der Kirche vorbeizog.

Gespräch endet anders als erhofft

Ende Juni entschloss sich E., aus der Kirche auszutreten. Sie wollte einer solchen Kirche keine finanzielle Unterstützung mehr bieten. Mit ihrem Ortspfarrer hat sie nicht darüber gesprochen. Anfang Oktober habe er ihr mitgeteilt, dass er ihr einen Brief des Bischofs übergeben müsse. Auf seine Frage, berichtete sie von den erfahrenen Kränkungen. Der Pfarrer antwortete, dass sie ihm das Wort im Mund herumdrehe. Da beendete E. das Gespräch.

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Eine weitere Kränkung erlebte E.: Der Ortsgeistliche beerdigte einen Mann, der aus der Kirche ausgetreten war, ohne priesterliches Gewand und ohne Messe. "Das habe ich als großen Widerspruch zu seiner Weigerung erlebt, meinem Mann im Notfall die Sterbesakramente zu spenden", sagt E.

"Die evangelische Pfarrerin, mit der ich mich gut verstand, sagte dann zu mir: Sie sind kein Typ zum Austreten, sie sind katholisch, reiben Sie sich nicht so an dem Pfarrer." Ihrem Sohn, der auch austreten wollte, riet E. davon ab: "Die katholische Kirche ist sehr mächtig, es wirkt sich ungünstig aus, wenn euer Kind in den katholischen Kindergarten geht, wenn ihr eure Kinder taufen lassen wollt, die Erstkommunion feiern wollt. Das ist alles nicht möglich."

Schikanierungen bei der ökumenischen Hochzeit

Kränkungen hat E. bereits bei ihrer Heirat erlebt: "Wir haben eine ökumenische Trauung gewünscht. Der damalige katholische Pfarrer stand der Eucharistiefeier allein vor. Der evangelische Pfarrer hätte nur die Lesung vortragen dürfen. Ich erhielt die Heilige Kommunion und durfte aus dem Kelch trinken, mein Mann nicht. Mein Mann musste auch versprechen, die Kinder katholisch zu erziehen."

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E. hat ihren Glauben an ihre Kinder weitergegeben. Ihr Sohn war Ministrant. Sie stammt aus einem "erzkatholischen" Elternhaus. "Mein Bruder starb, als ich 16 Jahre alt war, meine Mutter, als ich 21 wurde. Sie hat den Tod meines Bruders nicht verkraftet. Mein Mann war 61, als ich ihn verlor." E. hadert mit Gott, warum sie drei Personen aus ihrer Familie hergeben musste. "Meinen Glauben habe ich trotzdem nicht verloren."

Pfarrer verweigert Ausgetretenen die Heilige Kommunion

Die Mutter von E. war streng im Glauben. Beim Sonntagsgottesdienst durften E. nicht fehlen. Gerne erinnert sie sich an die Osterzeit, an die Gottesdienste in der Karwoche. Das Osterfrühstück war für ihre Familie ein Höhepunkt. Dieses Ritual hat sie in ihrer Familie fortgeführt. E. blieb Kirche und Glauben sehr verbunden. Sie ist verwurzelt in der Kirche, sie erlebt Gott als den gnädigen, aber auch als strengen, strafenden Gott. So ist es für E. eine Gewissensfrage, ob sie zur Kommunion gehen darf, oder die Bußandachten besuchen darf, nachdem der Pfarrer ihr mitgeteilt hat, dass mit ihrem Austritt der Empfang der Kommunion nicht mehr möglich sei.

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Die Osterliturgie hat sie im Fernsehen gesehen, die Papstgottesdienste hat sie verfolgt und mitgefeiert, sie hat sich segnen lassen.

Positive Erfahrungen hat E. mit der Kirche gemacht, als ihr Mann auf der Palliativstation lag. Sie fühlte sich und ihren Mann von der Krankenhausseelsorgerin sehr einfühlsam und gut begleitet. "Sie hat uns beiden viel geholfen in dieser schweren Zeit des Abschieds und nach dem Tod meines Mannes. Ich darf sie auch jetzt noch anrufen, die Krankenhausseelsorgerin ist mir zugewandt, ich fühle mich gestärkt und unterstützt", sagt E.

In der Kirche sitzt sie in der letzten Reihe

Nach ihrem Austritt aus der Kirche nimmt sie den sonntäglichen Kirchgang lockerer. Aber die Gebote sind für sie weiter verbindlich. Doch: "Ich glaube nicht mehr alles, was die Pfarrer sagen." E. geht in ihrer Heimatgemeinde noch in die Kirche, nimmt in der letzten Bank Platz. Immer wieder besucht sie auch Gottesdienste in anderen Gemeinden, oder Bußandachten. Dort ist sie weniger angespannt.

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Rückblickend sagt sie über sich: "Der Schmerz, die Verwundbarkeit wurden größer, als ich meinen Mann verloren habe." Dazu komme die schmerzliche Erfahrung, dass die Kirche, mit der sie sich so verbunden fühlte, sie nicht getröstet, sondern ihr Leid noch vermehrt hat. Vielleicht war der Entschluss, aus der Kirche auszutreten ein Versuch, dieses Leid leichter zu ertragen.

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