Schweinfurt

Schweinfurts Handel: Weihnachtsgeschäft ist überlebenswichtig

Einen zweiten Lockdown werden einige Geschäfte in Schweinfurt nicht überstehen. Warum die nächsten Wochen ganz entscheidend für die Zukunft der Innenstadt sind.
Wie geht es weiter für die Schweinfurter Geschäfte? Fest steht, dass weniger Laufkundschaft kommt, wenn Inzidenzwerte steigen. Einen zweiten Lockdown, auch wenn er 'nur' die Gastronomie betrifft, würden wohl einige Geschäfte nicht überstehen.  
Foto: Anand Anders | Wie geht es weiter für die Schweinfurter Geschäfte? Fest steht, dass weniger Laufkundschaft kommt, wenn Inzidenzwerte steigen.

Die Infektionszahlen mit dem Coronavirus kennen in der Tendenz aktuell nur eine Richtung – sie gehen nach oben. Die niedrigen Fallzahlen im Sommer waren nur die Ruhe vor dem Sturm. In vielen Landkreisen steht die Corona-Ampel schon auf Dunkelrot, wie in Stadt und Landkreis Schweinfurt. Auch wenn noch vieles in der Schwebe steht, eines ist klar: Ein zweiter Lockdown wie im Frühjahr hätte schlimme Folgen für den Handel und die Innenstadt von Schweinfurt, sagt Citymanager Thomas Herrmann. Das Gespräch wurde vor der Verkündigung des sogenannten "Lockdown Light", der am kommenden Montag beginnen soll, geführt.

Der coronabedingte Rückgang der Passantenfrequenz von durchschnittlich 30 Prozent sei ohnehin schon dramatisch, gehe bei vielen Geschäften an die Substanz und bedrohe deren Existenz. "Einen zweiten Lockdown würden viele Geschäfte nicht überleben", ist sich Herrmann sicher. Nicht nur kleine und mittlere Einzelhändler, auch einige große Geschäfte kämen bereits jetzt angesichts des deutlich geringeren Kundenaufkommens an ihre Grenzen. Jede neue Beschränkung habe weiteren Kundenverlust zur Folge. Seit zum Beispiel in der Kesslergasse Maskenpflicht herrscht, sind dort noch weniger Menschen und damit potentielle Kunden unterwegs. Die Menschen weichen aus, nehmen beispielsweise die Spitalstraße, wo Maskentragen noch nicht Pflicht ist. Solche Maßnahmen spüren Geschäfte in der Keßlergasse dann direkt – in ihren Ladenkassen.         

Etwa 300 Einzelhändler und Dienstleister

Etwa 300 Einzelhändler und Dienstleister gibt es in der Stadt. 40 bis 50 davon, so schätzt Herrmann, würden wahrscheinlich dicht machen, wenn die Läden wieder dicht machen müssten. Die Folgen wären leere Geschäfte in der Innenstadt, aber zum Beispiel auch Leerstände in der Stadtgalerie. Immer noch besser als ein totaler Lockdown wie im Frühjahr wäre, bei steigenden Fallzahlen auf Zutrittsbeschränkungen zurückzugreifen, so der Citymanager. Also ein ähnliches Verfahren wie nach der schrittweisen Wiedereröffnung der Geschäfte im Frühjahr, als sich in einem Geschäft immer nur gleichzeitig eine an der Ladenfläche ausgerichtete Personenzahl aufhalten durfte. Und so, wie es in diesem Monat vermutlich wieder sein wird.

Für die Existenz vieler Geschäfte sei enorm wichtig, wie und in welchem Umfang das Weihnachtsgeschäft stattfinden kann. "Das Weihnachtsgeschäft ist überlebenswichtig", so Thomas Herrmann. Es wird umso wichtiger vor dem Hintergrund, dass seit Ausbruch der Pandemie ohnehin teilweise enorme Umsatzeinbußen zu verzeichnen sind. Aber: Je höher die Infektionszahlen, je dunkler die Corona-Ampel und die damit verbundenen Einschränkungen, desto niedriger die Kauflaune. Ein möglicher Ausweg sei der regionale Online-Handel. "Wir müssen jetzt die Weichen stellen, damit die Menschen ihre Weihnachtseinkäufe nicht bei Amazon & Co" erledigen, so der Citymanager. Online-Bestellungen seien aber eine große Herausforderung für den regionalen Handel. Die Stadt biete deshalb Hilfestellung, wenn es darum geht die "Händler zu digitalisieren".   

Axel Schöll, Kreisvorsitzender des Bayerischen Handelsverbandes, in seinem Schuhfachgeschäft in Schweinfurt.
Foto: Helmut Glauch | Axel Schöll, Kreisvorsitzender des Bayerischen Handelsverbandes, in seinem Schuhfachgeschäft in Schweinfurt.

"Die Kunden haben es durch ihr Einkaufsverhalten in der Hand", so Thomas Herrmann. Wie die Geschäftslandschaft in der Stadt in den kommenden Jahren ausschaut, hänge ganz wesentlich von der Zahl der Menschen ab, die sich trotz Einschränkungen beim Einkaufen für das Geschäft vor Ort entscheiden.

Weihnachten 2020 – "Wir wollen nicht, dass es Nichts gibt" 

Auch wenn es sicherlich keinen Weihnachtsmarkt wie gewohnt geben wird, habe man die Schweinfurter Stadtweihnacht auch angesichts hoher, aber im Augenblick stagnierender Inzidenzwerte noch nicht ganz abgeschrieben. "Wir wollen nicht, dass es Nichts gibt", zeigt sich Thomas Herrmann verhalten optimistisch. Wie das aussehen könnte, zum Beispiel mit einzelnen Buden an verschiedenen Plätzen, darüber macht man sich zur Zeit Gedanken. "Es wird aber auf jeden Fall so etwas wie eine weihnachtliche Stimmung in der City geben", verspricht Herrmann.  

Von Umsatzeinbußen in Höhe zwischen 20 und 40 Prozent in den Geschäften der Kolleginnen und Kollegen spricht auch Axel Schöll, Schweinfurter Kreisvorsitzender des bayerischen Handelsverbandes und Inhaber des gleichnamigen Schuhfachgeschäfts in der Rückertstraße. Wobei es aber auch Branchen gebe, die mitunter sogar von der Krise profitierten. Zu nennen wären da die Vollsortimenter im Lebensmittel-Einzelhandel, alles was irgendwie mit "Outdoor" zu tun hat, wie der Bereich Camping, die Baumärkte  und die Fahrradbranche. "Die Leute konnten nicht in Urlaub fahren, waren stattdessen Wandern oder mit dem Fahrrad unterwegs, oder haben zuhause etwas im Garten oder am Haus gerichtet", so Schöll.

Doch die meisten Geschäftsinhaber werden das Minus, das sie seit dem ersten Lockdown vor sich herschieben nicht mehr aufholen. Auch die Zeit nach dem Lockdown war nicht berauschend. "Die Monate Mai, Juni, Juli waren auch ruhig, wer Pari gemacht hat in dieser Zeit kann sich schon 'von und zu' schreiben", so Schölls Einschätzung. "Die Lust am Einkaufen war nie richtig da", fasst er zusammen. Das Einkaufen als Erlebnis habe es einfach schwer in Zeiten von Masken und Abstandsregeln.

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Der Oktober sei dann zunächst ganz gut angelaufen, mit den rasant steigenden Infektionszahlen kam wieder der Einbruch. Die Höhe der Infektionszahlen übertrage sich sozusagen sofort auf die Kundenfrequenz. "Als Schweinfurt bei 180 war, war 'tote Hose' auf den Straßen." 

Wichtig wäre jetzt, so Schöll, langsam wieder ein bisschen Normalität ins Leben zu bringen. Es nütze nichts, auch von Seiten der Politik, immer wieder mit neuen Zahlen neue Panik zu verbreiten. "Keine Frage, die Pandemie ist schlimm und es ist sehr wichtig die Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten, aber wir werden auch irgendwann mit Corona leben lernen und uns anpassen müssen", so die Einschätzung von Axel Schöll. Im Handel drohe, anders als zum Beispiel im privaten Bereich bei Feiern oder Hochzeiten, kaum die Gefahr der Infektion, weil alle Ladenbesitzer die Hygieneregeln einhalten. Es sei jetzt nicht die Zeit unverhältnismäßige Regelungen "herauszuhauen".        

Bürokratiewahn abbauen und Einkaufsflächen fokussieren

Wichtig sei auch, den "Bürokratiewahn" im Zusammenhang mit den gewährten Corona-Hilfen und Überbrückungshilfen abzubauen. Der habe viele Gewerbetreibende, die das Geld gut hätten gebrauchen können, so abgeschreckt, dass sie die Hilfen nicht einmal beantragt hätten.  "Da müssen deutlich einfachere Modelle her."  

Für Schweinfurt wünscht er sich, "Einkaufsflächen zu fokussieren". Konkret meint er damit Inhabern von Geschäften in Straßen, in denen es nur noch wenige Läden gibt, auch finanziell zu helfen, die von der Lage her deutlich attraktiveren Leerstände in der City wieder zu beleben. Das hätte mehrere Vorteile. Kürzere Wege für die Kunden, ein insgesamt vielfältigeres Ladenangebot in der City, die Beseitigung von Leerständen und bessere Anbindung der Geschäfte an die Laufkundschaft.         

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