Schweinfurt

Vesperkirche: Die Menschen warten darauf

Die Vesperkirche ging nach 22 Tagen zu Ende.
Foto: Vladimir Budin | Die Vesperkirche ging nach 22 Tagen zu Ende.

Um halb drei nachmittags, als sich in Sankt Johannis die Reihen beträchtlich geleert hatten, beendeten Dekan Oliver Bruckmann und Pfarrer Andreas Grell mit einem Gebet offiziell die diesjährige Vesperkirche.

Am Vormittag war der letzte der vier Sonntagsgottesdienste während der Vesperkirchenzeit gehalten worden. In seiner Begrüßung der Gemeinde fasste Diakoniewerk-Vorstand Pfarrer Jochen Keßler-Rosa die Stimmung nach 22 Tagen gut zusammen: „Manche sind erschöpft, andere dankbar, manche traurig, dass es vorbei ist, andere sind glücklich, erstaunt und manche alles gleichzeitig.“

Lesen Sie hier den Bericht über die Eröffnung

Anhand eines Textes des kult- und sozialkritischen Propheten Amos predigte er über das Thema „Gerechtigkeit“: „Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“ (Amos 5,24). Keßler-Rosa fragte: „Müsste uns Amos heute auch so hart ansprechen?“ Denn leider gehe vieles hierzulande „nicht mit rechten Dingen“ zu. Unter anderem zählte er auf: Familien mit vielen Kindern seien von Armut bedroht, ärmere Menschen hätten schlechtere Chancen auf gute Bildung und Gesundheit, die Zahl der Rentner habe sich seit 2003 auf eine Million verdoppelt.

Sodann die Einsamkeit vieler mitten in der Stadt und Menschen auf der Flucht.

Nicht wegschauen und nur fromme Lieder singen

Sache eines Christen sei nicht, wegzuschauen und unbeeindruckt fromme Lieder zu singen, sondern Gottesdienst am Sonntag und im Alltag müsse sich mit der Gerechtigkeit beschäftigen: „Der richtige Gottesdienst beginnt mit dem Hinschauen, zunächst auf Gott und dann auf die Mitmenschen. Und er setzt sich fort in der Nächstenliebe, in der fürsorglichen Nachbarschaftshilfe, in der liebevollen Pflege kranker, alter Menschen, in der Lebensmittelausgabe der Tafel.“ Was schon Amos beklagt habe, dass Arme ärmer und Reiche immer reicher würden, sei nämlich kein Naturgesetz, sondern schlicht ein Skandal.

„Wir wollen Gerechtigkeit, mehr Gerechtigkeit. Das hat uns doch vor vier Jahren angetrieben, die Vesperkirche zu veranstalten.“ Doch dürfe sie ebenso wenig wie das Kirchenasyl, wie gute Altenpflege und Kinderbetreuung nicht zu Stolz oder Zufriedenheit führen. Nein, „wir sind und bleiben in heilsamer Unruhe“ und sollten mit Gottes Hilfe konkrete Schritte tun. Heute ende zwar für dieses Jahr die Vesperkirche, aber „morgen geht es weiter.

“ Dann wurde das Heilige Abendmahl an den Tischen beziehungsweise als Wandelkommunion in den Bankreihen gefeiert und der Gottesdienst mit dem passenden Choral „Nun danket alle Gott“ beschlossen.

Nett zueinander sein, dann kommt das Vesperkirchengefühl von ganz allein

Zwar in heiterem Reim, dem Faschingssonntag geschuldet, aber doch mit ernstem Unterton griff Punkt 13 Uhr im „Wort zur Mitte“ St. Johannis-Pfarrer Andreas Grell den Appell „Weiter!“ des Diakoniechefs auf: „A Stück Himmel auf Erden ham wir erlebt, und wir können was dafür tun, dass es weitergeht. Sich unterm Jahr freundlich grüßen und nett zueinander sein, dann kommt das Vesperkirchengefühl von ganz allein.“ Kirchenmann Grell selbstkritisch: „Als Kirch wolln wir nah beim Menschen sein, sonst hock mer hier ja bald ganz allein.“

Noch einmal taten sechzig Gastgeber und -geberinnen als Serviceteam ihren über fünfstündigen freiwilligen Tagesdienst. Überhaupt hatten sich insgesamt um die 300 Ehrenamtliche drei lange Wochen um das leibliche wie seelische Wohl der Gäste gekümmert. Unter denen waren etliche „Stammkunden“, die keinen Mittagstisch verpassten und die abwechslungsreichen Gerichte aus der Leopoldina-Küche in höchsten Tönen lobten.

So zeigte sich Vesperkirchen-Organisator Diakon Norbert Holzheid froh und erleichtert über den reibungslosen Ablauf, der dem eingespielten Helferteam zu verdanken sei. Die Gastgeber-Gemeinschaft werde von Jahr zu Jahr spürbar intensiver. Nicht zu vergessen die vielen Menschen im Hintergrund, zum Beispiel die Kuchenspender, die zum Gelingen dieser vierten Vesperkirche entscheidend beitrugen. Etliche Schulklassen, auch wenn sie nur einen Tag mithalfen, hätten sich beeindruckt gezeigt und als genauso „vollwertige Gastgeber“ erwiesen.

410 Mahlzeiten am Tag

Holzheid resümierte: Maximal 410 Mahlzeiten habe man täglich ausgegeben, nur an drei schneereichen Tagen gingen nicht so viele Essensbons über den Verkaufstresen. Auch das abwechslungsreiche Beiprogramm sei sehr gut angenommen worden. Als besondere Renner hätten sich die Angebote Pediküre, Haarschneiden und Blutdruckmessen erwiesen. Und natürlich wirkte die Kinderbetreuung attraktiv, zumal in der Faschingszeit Schminken angesagt war.

Überhaupt machte der Diakon die Beobachtung, dass diesmal viele Familien zum Essen gekommen seien. Auch berichtete er von Gästen aus Mainz, die nach Schweinfurt reisten, einfach um dem Karneval zu entfliehen, und sich touristisch die Sankt Johanniskirche anschauen wollten. Wie positiv überrascht sie über die Vesperkirche gewesen seien und beim Essen wie beim anschließendem Kaffee gute Gespräche geführt hätten. Deren spontane Reaktion: „Endlich haben wir eine echte Kirchengemeinschaft erlebt!“

Viele – sowohl Gastgebende als auch Gäste – wären traurig darüber, dass die Zeit schon wieder zu Ende sei, und würden geradezu sehnsüchtig der nächsten Vesperkirche entgegenfiebern. Freiwillige Helfer hätten sich bereits wieder vormerken lassen. Holzheid: „Die Menschen warten darauf.“

Siegfried Bergler ist Pfarrer und im Dekanat für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. 

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