Würzburg

"Eltern stehen auf": So gefährlich sind Würzburger Corona-Leugner

Die Würzburger Gruppe "ElternStehenAuf" gibt sich besorgt um die Demokratie und lobbyiert bis ins Landratsamt. Intern kursieren hingegen Antisemitismus und Gewaltfantasien.
Die Würzburger Gruppe 'ElternStehenAuf' fällt auf ihren Demonstrationen und im Internet immer wieder mit gefährlichem Gedankengut auf.
Foto: Fabian Gebert | Die Würzburger Gruppe "ElternStehenAuf" fällt auf ihren Demonstrationen und im Internet immer wieder mit gefährlichem Gedankengut auf.

Marcel H. (Name geändert) strebt nach Freiheit und will Markus Söder steinigen. Der Mann aus dem südlichen Landkreis Würzburg ist Mitglied der Gruppe "ElternStehenAuf" (ESA), die in der Region Würzburg so etwas wie die Zentrale der Corona-Leugner ist. Hier sammeln sich jene, die nicht an die Existenz der Pandemie glauben, dafür aber an eine geheime Verschwörung, mit der die deutsche Bevölkerung versklavt werden soll. Nach außen gibt die Gruppe sich besorgt um Demokratie und Grundrechte. Intern gärt dort ein gefährliches Gemisch aus Antisemitismus und Gewaltfantasien.

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Marcel H. ist wütend. "VERBRECHER..!! Alles KRIMINELLE...!!", schreibt er auf dem Online-Nachrichtendienst Telegram. Wenn er glaubt, Ministerpräsident Markus Söder könnte neue Corona-Maßnahmen beschließen, lodert seine Wut besonders heftig. "STEINIGT SIE....!!!", brüllt der Vater dann in Großbuchstaben ins Internet. Weil seine Tochter in der Schule Maske tragen muss. Und weil er glaubt, dass Söders Corona-Politik in Wirklichkeit ein Deckmantel für ein vermeintliches Verbrechen ist. Bis zu den Recherchen dieser Redaktion war H.'s Aufruf zur Gewalt viele Monate lang zu lesen. Niemand hat widersprochen.

Viele ESA-Gruppenmitglieder äußern Gewaltbereitschaft

Die Online-Plattform Telegram hat im letzten Jahr große Bekanntheit erlangt. Ähnlich dem Kurznachrichtendienst WhatsApp können Nutzer hier Nachrichten verschicken und sich in Chat-Gruppen austauschen. Experten zufolge wird der Dienst häufig für illegale Aktivitäten genutzt. Rechtsextremismus, Pornografie und Drogenhandel seien keine Seltenheit. Die öffentliche Chat-Gruppe "ElternStehenAufWürzburg", in der Mordfantasien wie die von H. teilweise seit Monaten einsehbar sind, hat über 600 Mitglieder. Auf der ESA-Webseite wird sie als offizieller Kanal aufgeführt.

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Ein dominierendes Thema in der ESA-Chat-Gruppe ist Angst. Nicht die vor dem tödlichen Virus, das weltweit über zwei Millionen Todesopfer gefordert hat. Sondern vor der Maskenpflicht, die in der Gruppe gerne "Maulkorb" genannt wird. Viele Gruppenmitglieder fürchten, das Tragen einer Maske könnte ihnen schaden. Diese Angst führt zu Aggression. Ein Gruppenmitglied, das sich selber als "gewaltbereiter Pazifist" bezeichnet, droht Söder Rache für den Maskenzwang an. Die Hasstirade stammt aus dem Dezember. Auch hier hat niemand widersprochen.

Zwischen Pandemieskepsis und Demonstrations-Organisation sind in der Telegram-Chatgruppe 'ElternStehenAufWÜRZBURG' auch solche Hasstiraden zu lesen.
Foto: Screenshot Aaron Niemeyer | Zwischen Pandemieskepsis und Demonstrations-Organisation sind in der Telegram-Chatgruppe "ElternStehenAufWÜRZBURG" auch solche Hasstiraden zu lesen.

Experte: Viele Verschwörungsmythen sind antisemitisch

Angst haben viele ESA-Mitglieder außerdem vor einer ominösen Vereinigung, der sie unterstellen, die deutsche Bevölkerung versklaven zu wollen. "Wir werden mit Corona schöön abgelenkt daheim gehalten usw", ist etwa im ESA-Kanal zu lesen (Formulierung so im Original). "Weil wir die echte Wahrheit nie erfahren dürfen (...) ein System, das seit Jahrzehnten uns versklavt."

Die Gruppe hat viele Namen für die, denen sie diesen bösen Plan andichtet. "Deep State" nennen einige sie. Von "Rothschilds" und "Zionisten" raunen andere. Doch wen meinen sie damit? "Nennen wir das bei Namen, es ist Chuzpe, und wir alle wissen, wer das am liebsten treibt", schreibt eine Mutter aus Veitshöchheim. Chuzpe ist ein jüdisches Wort, es bedeutet Dreistigkeit.

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"Das ist ganz klar antisemitisch", sagt Professor Markus Appel, Leiter des Lehrstuhls für Kommunikationspsychologie und Neue Medien an der Universität Würzburg. Seit dem Mittelalter gebe es falsche Erzählungen über Juden, die im Geheimen die Geschicke der Welt lenkten. Der Begriff "Jude" würde heute zwar vermieden, so Appel. Genutzt würden stattdessen eindeutige Codes wie "Zionisten", mit denen dann häufig unverholen zur Gewalt aufgerufen würde.

"ElternStehenAuf" hat erfolgreich im Würzburger Landratsamt lobbyiert

Gegründet wurde der Würzburger Ableger von "ElternStehenAuf" im vergangenen Sommer als Teil einer deutschlandweit agierenden Initiative. Die Gruppenmitglieder kommen nach eigenen Aussagen neben Würzburg etwa aus den Gemeinden Kürnach, Eibelstadt und auch aus Veitshöchheim und Ochsenfurt. Ihr antidemokratisches Treiben beschränkt die Gruppe nicht auf das Internet: Aktuell ermittelt die Staatsanwaltschaft im Umfeld der Gruppe wegen des Verdachts auf Volksverhetzung. Auf einer Demonstration vor der Würzburger Residenz hatte ein Redner den Holocaust verharmlost.

Zusätzlich zu den regelmäßigen Demonstrationen versuchte die Gruppe in der Vergangenheit mehrfach durch Lobbying Einfluss auf die Politik zu nehmen – teilweise mit Erfolg. So blieb zwar ein Telefonat mit Würzburgs Oberbürgermeister Christian Schuchardt (CDU) ohne Ergebnis, wie von seinem Sprecher zu erfahren ist. Anders war es bei einem Hintergrundtreffen mit Landrat Thomas Eberth (CSU) und Johann Löw, dem Leiter des Würzburger Gesundheitsamts, das eine ESA-Verantwortliche auf Telegram als "ein sehr offenes und aufklärendes Gespräch" beschreibt.

Eine Demonstration der 'Gruppe ElternStehenAuf' im Oktober vor dem Würzburger Landratsamt.
Foto: Fabian Gebert | Eine Demonstration der "Gruppe ElternStehenAuf" im Oktober vor dem Würzburger Landratsamt.

Landrat hat Verständnis für Gruppe und lässt wichtige Fragen unbeantwortet

"Das Gespräch fand am 15. Oktober 2020 im Landratsamt statt", bestätigt die Pressestelle des Landratsamts. Am gleichen Tag hatte die Gruppe vor dem Gesundheitsamt demonstriert. Demnach "sprach Landrat Thomas Eberth mit den Sprecher*innen der Demonstration, äußerte auch Verständnis für deren Anliegen und Sorge um die Gesundheit ihrer Kinder", heißt es in der Antwort auf eine Anfrage dieser Redaktion. Anschließend habe der Landrat "Kontakt mit einigen Schulen" aufgenommen und schlug einen "konstruktiven Umgang mit der Maskenpflicht vor, etwa mit Maskenpausen im Freien".

Die Frage, ob der Landrat im Gespräch auch das problematische Weltbild der Gruppe thematisierte, lässt das Landratsamt unbeantwortet. Ebenso eine Frage nach Übergriffen an Würzburger Schulen, mit denen sich etwa Vater H. auf Telegram brüstet.

"Ich habe mich mit der Schule meiner Tochter angelegt", schreibt H. auf Telegram. Mithilfe eines Anwalts habe er gegenüber der Schule durchgesetzt, dass seine Tochter von eigentlich verpflichtenden Corona-Maßnahmen ausgenommen wurde. Aufgrund seiner Vorstöße sei ihm nun zwar jeglicher Zugang zur Schule verwehrt. Zufrieden sei er trotzdem: "Alles war gut, auch ohne Test konnte meine Kurze wieder in die Schule."

Schule antwortet nur ausweichend, Ministerium empfiehlt Schweigen

Wiederholte telefonische Anfragen, ob H.'s Aussagen stimmen, beantwortete die Schule nicht. In schriftlicher Form fragte diese Redaktion die Schule und das zuständige Ministerium, ob es im Rahmen der Corona-Maßnahmen Konflikte mit einem Vater gab und ob ein Anwalt involviert war.

Darauf antwortete die Schule: "Selbstverständlich finden an einer Schule – auch bei uns – jederzeit und immer wieder Elterngespräche statt, seit letztem Schuljahr natürlich auch zum Thema Corona. Bisher ist es uns immer gelungen, Meinungsverschiedenheiten auf gutem und diplomatischem Wege in Einklang zu bringen." Bisher hätten "private Einstellungen bzw. Gesinnungen zu keiner Beeinträchtigung des Schulalltags geführt". Aus dem Ministerium kam zudem die Antwort, dass man der Schule empfehle, "keine Angaben mehr zu machen". 

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Experte: Gewaltfantasien können im echten Leben zu Gewalt und Mord führen

Dass Angriffe auf Schulen aus dem Umfeld von "ElternStehenAuf" denkbar sind, daran lässt die ESA-Chat-Gruppe keinen Zweifel. "Die gehen an unsere Kinder diese Drecksäcke. (...) Wollt ihr euch das noch länger gefallen lassen ?", schreibt dort ein Mitglied. "Wir führen auch eine Liste mit solchen Schulen", heißt es zu Einrichtungen, die als unliebsam ausgemacht werden. Und auch Handlungen werden thematisiert: "Was haltet ihr davon wenn wir zu jeder Schule einmal geschlossen hingehen", antwortet ein Gruppenmitglied auf die Idee eines Vaters, die Schule seines Sohnes zu stürmen.

Im August 2020 versuchten Gegner der Corona-Maßnahmen auch in Deutschland das Parlament zu stürmen.
Foto: Achille Abboud, dpa | Im August 2020 versuchten Gegner der Corona-Maßnahmen auch in Deutschland das Parlament zu stürmen.

"Man muss das sehr ernst nehmen", warnt Kommunikationspsychologe Markus Appel. Zwar würde nicht jede Gewaltfantasie im Internet auch umgesetzt. Häufig seien Chat-Gruppen wie die aus Würzburg jedoch Sammelbecken für Menschen mit psychischen Problemen, die sich dort bis hin zu wirklichen Gewalttaten radikalisierten. Dies hätten Ereignisse wie die Ermordung des ehemaligen hessischen Regierungspräsidenten Walter Lübke und die Erstürmung des Kapitols in den USA gezeigt.

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Vater Marcel H. philosophiert gerne auf Telegram. "Jedem Einzelnen von uns wohnt das Bestreben nach Freiheit und Frieden inne", sinniert er dann etwa. Ob er damit die Art von Freiheit meint, in der Schulen gewaltsam gestürmt und Politiker gesteinigt werden?

Von dieser Redaktion mit seinen Aussagen konfrontiert, schreibt Marcel H.: "Ich rufe zu keiner Zeit gegen Irgendwen zu irgendeiner Art Gewalt auf." In der Auseinandersetzung mit der Schule seiner Tochter sei stets alles "rechtmäßig" gelaufen. Sein Posting mit den Worten "STEINIGT SIE....!!!" wurde inzwischen gelöscht.

Die Verantwortlichen der Telegram-Gruppe von "ElternStehenAufWürzburg" antworten auf eine Anfrage dieser Redaktion zu den antisemitischen und gewaltverherrlichenden Inhalten im Chatverlauf: "Wir bitten um Verständnis, dass wir bei über 600 Personen und täglichen 100 bis 200 Posts, nicht alles mitbekommen können. Dazu sind wir auch rechtlich nicht verpflichtet." Die Grenzen der Meinungsfreiheit seien "sehr weit" und: "Wo Grenzen überschritten werden, schreiten wir auch ein." Die Rachephantasien gegen Markus Söder waren bis Redaktionsschluss weiter einsehbar.

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