Würzburg

Förster gegen Naturschützer: Wie können wir unseren Wald retten?

Unterfrankens Bäume leiden extrem unter dem Klimawandel. Doch was hilft? Sollte man den Wald sich selbst überlassen oder weiter Bäume fällen? Ein Streitgespräch.
Blick von oben: Auf dieser aktuellen Drohnenaufnahme eines Waldstücks bei Thüngersheim sieht man vertrocknete und abgestorbene Bäume.
Foto: Johannes Kiefer | Blick von oben: Auf dieser aktuellen Drohnenaufnahme eines Waldstücks bei Thüngersheim sieht man vertrocknete und abgestorbene Bäume.

Seit zwei Jahren vertrocknen im Raum Würzburg und Schweinfurt immer mehr Buchen. Eichen werden von Insekten kahl gefressen, Fichten verschwinden zusehends und Kiefern sterben teils flächig aufgrund einer Pilzerkrankung ab. Dazu sei es in Teilen Unterfrankens zuletzt zu einer Massenvermehrung des Schwammspinners gekommen, teilt eine Sprecherin des Bayerischen Landwirtschaftsministeriums mit.

Der Wald leidet in ganz Bayern unter enormem Klima-Stress. Allein im ersten Halbjahr 2020 fielen laut des Ministeriums geschätzt 4 861 000 Festmeter Schadholz an, davon 591 000 in Unterfranken, verursacht durch Trockenheit, Stürme oder Insekten. Auch wenn die Schadholzmengen in kühleren und niederschlagsreicheren Regionen Bayerns teils noch höher sind, seien die Auswirkungen des Klimawandels in Unterfranken am deutlichsten zu spüren, sagt die Ministeriumssprecherin.

Drohnenaufnahme von abgestorbenen Bäumen im Landkreis Würzburg. 
Foto: Fabian Gebert | Drohnenaufnahme von abgestorbenen Bäumen im Landkreis Würzburg. 

Wie ist der Wald zu retten? Sollte man ihn sich selbst überlassen oder weiter bewirtschaften? Darüber diskutieren Ulrich Mergner von den Bayerischen Staatsforsten und Steffen Jodl vom Bund Naturschutz.

Frage: Ist es überhaupt noch vertretbar, gesunde Bäume aus wirtschaftlichen Gründen zu fällen?

Ulrich Mergner: Wir haben auf die dramatische Lage reagiert und nutzen nur Bäume, die weniger vital sind, auch wenn wir dadurch Abstriche bei der Qualität in Kauf nehmen. Wir laufen bis zu drei Mal um einen Baum, um seine Belaubung zu beurteilen. Wir - damit meine ich die Förster und Försterinnen im Staatswald - gehen sehr sensibel vor.

Steffen Jodl: Das sehe ich anders. Ich wünsche mir, dass der Einschlag reduziert wird. Denn je mehr Licht in einen Wald hineinfällt, desto stärker wird die Austrocknung forciert und desto höher ist die Gefahr, dass die noch vorhandenen Buchen Sonnenbrand bekommen. Und dass im Landkreis Würzburg immer noch Rodungen genehmigt werden, um Muschelkalk abzubauen oder dass bei Aschaffenburg über zehn Hektar Bannwald für den Ausbau der B469 gerodet werden sollen, ist für mich nicht nachvollziehbar. Das muss aufhören!

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Herr Mergner, ist im Staatswald doch nicht alles so rosig wie beschrieben?

Mergner: Im letzten Punkt stimme ich Herrn Jodl zu. Doch wir werden den Wald in der Fläche nur erhalten, wenn wir einen Wald unterschiedlich alter Bäume aufbauen. Auf natürliche Weise verjüngen sich die Pflanzen aber nur, wenn Licht auf den Boden fällt. Dadurch trocknet der Wald nicht automatisch aus. Laubwälder verfügen über einen Unter- und Zwischenstand, der in ihrem Inneren für Windstille, Kühle und Feuchtigkeit sorgt. Einfach zu sagen "Wir machen gar nichts mehr" greift für mich zu kurz.

Ulrich Mergner vom Forstamt Ebrach plädiert für eine sensible Bewirtschaftung unserer Wälder.
Foto: Thomas Obermeier | Ulrich Mergner vom Forstamt Ebrach plädiert für eine sensible Bewirtschaftung unserer Wälder.
Einige fordern, den Wald im Klimawandel sich selbst zu überlassen...

Mergner: Das lehne ich ab. Natürlich sollten wir auf bestimmten Flächen die natürlichen Prozesse beobachten. Dafür gibt es die Naturflächen. Doch die Wälder denken keine 100 Jahre voraus. Sie kennen die Klimaprognosen unserer Wissenschaftler nicht. Deshalb ist es sinnvoll, dass wir ihren Anpassungsprozess unterstützen.

Was würde denn Ihrer Meinung nach passieren, wenn wir den Wald nicht mehr bewirtschaften?

Mergner: Wir beobachten in allen fränkischen Mittelgebirgen, im Spessart, im Steigerwald und auf der fränkischen Platte, dass sich dort, wo zu wenig Licht in den Wald dringt, nur die Buche verjüngt. Die Dominanz der jungen Buchen ist so stark, dass sie alle anderen Baumarten verdrängt. Dabei ist die Eiche für heimische Pflanzen und Tiere wichtig. Wenn wir die Artenvielfalt ernst nehmen, brauchen wir die Bewirtschaftung. Mit dieser Realität müssen sich Naturschützer endlich auseinandersetzen.

"Warum gibt es keinen Nationalpark Steigerwald?"
Steffen Jodl vom Bund Naturschutz
Herr Jodl, wollen Sie als Naturschützer unsere Wälder zu 100 Prozent stilllegen?

Jodl: Natürlich nicht. Wir wünschen uns aber, dass größere Bereiche aus der Nutzung genommen werden. Denn gerade für die Artenvielfalt sind große zusammenhängende Schutzgebiete wichtig.

Gibt es in Unterfranken keine Schutzgebiete, die groß genug sind?

Jodl: Nein. In Unterfranken gibt es zwar zwei neue Naturwaldflächen, eine bei Knetzgau und eine bei Würzburg. Das sind aber nur kleine bis mittlere Flächen von 500 bis 800 Hektar. Bei rund 89.000 Hektar Staatswald muss es doch möglich sein, auch 2000 Hektar am Stück zu schützen. Warum gibt es keinen Nationalpark Steigerwald?

Steffen Jodl vom Bund Naturschutz fordert größere Wald-Schutzgebiete in Unterfranken.
Foto: Patty Varasano | Steffen Jodl vom Bund Naturschutz fordert größere Wald-Schutzgebiete in Unterfranken.
Herr Mergner, was spricht gegen größere Schutzgebiete: Sind es rein wirtschaftliche Interessen?

Mergner: Die Meinung, je größer desto besser, ist falsch. Wissenschaftlich belegt ist, dass viele Kleinflächen, die aus der Nutzung genommen werden, sinnvoller sind als wenige große Flächen.

Jodl: Es gibt Studien, die genau das Gegenteil belegen. Seit 1950 sind etwa 20 von 86 Urwaldreliktarten verschwunden. Das Trittsteinkonzept im Steigerwald ist wertvoll. Aber wie der Name schon sagt: als Trittsteine. Sie verbinden Lieferbiotope miteinander. Das sind größere Flächen, in denen eine Reproduktion der Arten stattfinden kann. Trittsteine sind dafür da, von einer wertvollen Fläche zur anderen zu gelangen.

Mergner: Wie erklären Sie dann, dass sich sehr seltene Käfer zum Teil in Einzelbäumen in einem Park, am Bahnhof oder in Klosterwäldern gehalten haben? Auch in unseren Wäldern finden wir immer wieder solche Urwaldreliktarten: nicht in der Naturwaldfläche sondern im bewirtschafteten Bereich. Forstexperten aus ganz Europa informieren sich über unser Trittsteinprojekt, zu dem auch Totholz, Biotopbäume und kleine Naturwaldflächen gehören. Spenderflächen, in denen sich Arten vermehren, müssen nicht zwingend ein Naturwaldreservat sein, sondern können auch in einer kleinen Fläche liegen. Daher ist es besser, eine große Fläche auf viele kleine zu verteilen.

Auch ein Waldstück bei Hettstadt zeigt das Ausmaß der Trockenschäden in Folge des Klimawandels.
Foto: Fabian Gebert | Auch ein Waldstück bei Hettstadt zeigt das Ausmaß der Trockenschäden in Folge des Klimawandels.
Aber schützen wir in Unterfranken, insgesamt gesehen, tatsächlich eine große Fläche?

Mergner: Wir haben Naturwaldreservate mit bis zu 180 Hektar, zwei Naturwaldflächen mit bis zu 850 Hektar und Tausende Hektar an Trittsteinflächen in ganz Unterfranken.

Jodl: Eben, es werden zahlreiche kleine Flächen aufaddiert. Das klingt dann viel. In der Realität sind es aber oft kleine Inseln.

Mergner: Die Urwaldforschung zeigt aber, dass sich in Laubwäldern nach 30 Hektar alle Prozesse wiederholen. Daher sind kleine Schutzgebiete wichtig. Dazwischen kann man Holz machen.

Jodl: Je kleiner ein Gebiet ist, desto größer sind die Störeffekte von außen. Es gibt keine Ruhebereiche. Alle fünf Jahre werden unsere Wälder intensiv durchforstet. Da kann ich leider keine vorsichtige naturnahe Bewirtschaftung erkennen. 

"Wir müssen die natürliche Anpassung der Wälder unterstützen, indem wir schärfer jagen."
Ulrich Mergner vom Forstamt Ebrach
Müssen wir die Forstwirschaft verändern?

Mergner: Wir müssen die natürliche Anpassung der Wälder unterstützen, indem wir schärfer jagen. Es ist fatal, wenn wir genetisches Potenzial verlieren, weil gesunde Buchen, die sich mit dem Klima arrangieren, vom Rehwild abgefressen werden und verschwinden. Wir müssen die genetische Vielfalt und die Baumartenvielfalt erhöhen und heimische mit trockenresistenten Arten wie der Orientbuche ergänzen.

Jodl: Es gibt noch mehr zu verändern, etwa die Abstände zwischen den Rückegassen, die sich Tausende von Kilometern durch unsere Wälder ziehen. Sie werden von schweren Maschinen befahren. Dabei wird der Boden verdichtet, Niederschläge versickern schlechter und weniger neues Grundwasser bildet sich. Ferner wird das Wasser auch über Gräben aus dem Wald  hinausgeleitet. Dank der Forstreform 2005 gibt es zu wenig Förster und Waldarbeiter. Heute brauchen wir dringend mehr Personal für eine naturverträgliche Bewirtschaftung der Wälder.

Brauchen wir die Holzwirtschaft im Klimawandel?

Mergner: Um den Klimwandel zu stoppen, müssen wir die Kohlenstoffemissionen senken. Das geht nur, wenn wir fossile Brennstoffe wie Kohle und Öl ersetzen. Zudem können wir in Holzprodukten Kohlenstoff langfristig speichern. Der Eichenschrank hinter mir ist über 100 Jahre alt und speichert immer noch den Kohlenstoff, den der Baum einst der Luft entzogen hat.

Jodl: Wir sollten aber nicht vergessen, dass auch alte Wälder Kohlendioxid in der unterirdischen Bodenmasse über Hunderte von Jahren speichern. Über 50 Prozent des gespeicherten CO2 befindet sich im Boden.

Mergner: Aber wenn wir in unseren Breiten Wälder lange Zeit nicht bewirtschaften, stellt sich irgendwann ein Gleichgewicht zwischen der Entnahme von Kohlenstoff aus der Luft und den Emissionen durch Verrottungsprozesse ein. 

Jodl:  Das ist widerlegt. Aber natürlich sind Möbel oder Holzhäuser nicht das Problem - im Gegenteil. Wir verbrauchen in Deutschland etwa so viel Papier wie ganz Afrika und Südamerika zusammen. Den Holzverbrauch für diese kurzlebigen Produkte müssen wir senken.

Mergner: Da haben Sie Recht. Tatsächlich nutzt Deutschland etwa 250 Millionen Kubikmeter Holz jedes Jahr. Davon produzieren wir etwa 80 Millionen Kubikmeter im eigenen Land und importieren die doppelte Menge aus Ländern, die weit weniger ökologisch wirtschaften wie wir. Daher sollten wir Modelle wie unser Ebracher Trittsteinkonzept, das zeigt, wie man Wälder vorsichtig nutzt, exportieren - und keine Stilllegungskonzepte.

Jodl: Aber Ursachen für Waldrückgang und Übernutzung auf internationaler Ebene sind doch konkurrierende Nutzungen, Preisunterschiede, Neuerschließungen und fehlende Zertifizierungen – nicht die wenigen Schutzgebiete bei uns.

Ulrich Mergner und Steffen Jodl

Ulrich Mergner ist seit 1980 im Forstbereich tätig und seit 2005 Betriebsleiter des Forstbetriebs Ebrachs der Bayerischen Staatsforsten. Er gilt als Vater des Trittsteinkonzepts im Steigerwald, zu dem er auch ein Buch veröffentlicht hat. Der 65-Jährige ist verheiratet und hat drei Kinder. 
Steffen Jodl ist Biologe und arbeitet seit 1993 als Geschäftsführer der Kreisgruppe Würzburg beim Bund Naturschutz. Seit Oktober 2020 ist er Regionalreferent für ganz Unterfranken. Zudem ist er Mitglied im Klimabeirat der Stadt Würzburg. Der 54-Jährige ist verheiratet und hat einen Sohn.
Quelle: akl

Anmerkung der Redaktion: Wir haben die  Leser-Umfrage  "Ist es sinnvoller, den Wald im Klimawandel still zu legen?" entfernt, da Leser aufgrund eines technischen Fehlers zeitweise mehrfach abstimmen konnten. Dies hat möglicherweise das Abstimmungsergebnis verfälscht, das wir aus diesem Grund nicht weiter verwenden werden. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen. 

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