Würzburg

Grippeimpfung: Im Landkreis Würzburg ist der Impfstoff knapp

Im Oktober wirbt Gesundheitsminister Jens Spahn für die Grippeimpfung. Doch den Hausärzten  geht der Impfstoff aus. Die Patienten sind verärgert.
Das Ministerium für Soziales und Gesundheit in Niedersachsen wirbt in diesem Jahr verstärkt für die Grippeimpfung (Symbolbild).
Foto: Julian Stratenschulte, dpa | Das Ministerium für Soziales und Gesundheit in Niedersachsen wirbt in diesem Jahr verstärkt für die Grippeimpfung (Symbolbild).

Viele Bürger folgen dem Aufruf des Gesundheitsministers, auch im Landkreis Würzburg. Bei den lokalen Hausärzten steigt die Nachfrage: "Bis November verimpfen wir sonst knapp 100 Impfdosen. In diesem Jahr haben wir schon doppelt so viele Menschen geimpft. Vor allem mehr chronisch kranken Patienten wollen sich impfen lassen", sagt der Ochsenfurter Hausarzt Dr. Wolf-Dieter Eckl.

"Wir haben derzeit keinen Impfstoff, aber deutlich mehr Bedarf als letztes Jahr, deswegen führen wir eine Warteliste. Aber Risikopatienten haben Vorrang", sagt Dr. Christian Pfeiffer, unterfränkischer Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) und Hausarzt in Giebelstadt.

Der Würzburger Hausärztin Dr. Nandini Jain ergeht es ähnlich, auch sie setzt Prioritäten: "Die Patienten haben uns überrannt. Als wir gemerkt haben, dass sich immer mehr Menschen impfen lassen wollen, mussten wir priorisieren. Risikopatienten werden zuerst geimpft."

Eigentlich ist die Zahl der Grippeimpfungen kalkulierbar. Im Corona-Jahr ist das anders. Zu den Stamm-Patienten, die sich jedes Jahr gegen die Grippe impfen, kommen neue Patienten hinzu. Der Grippeimpfstoff wird zur Mangelware. Vor allem Menschen mit erhöhtem Krankheitsrisiko wollen auf Nummer sicher gehen: "Gerade viele ältere Menschen, denen es gesundheitlich gut geht, die aber aufgrund ihres Alters zur Risikogruppe zählen, lassen sich sicherheitshalber impfen", sagt Pfeiffer.

Zu ihnen zählt auch das Rentner-Ehepaar Henning aus Versbach: "Wir sind nun in dem Alter, in dem man Risikopatient ist, da überlegt man schon, wie man gegen Corona vorsorgen kann", sagt Ursula Henning.

Warum der Grippeimpfstoff knapp ist

Mit seinem Aufruf hat Jens Spahn einen Ball ins Rollen gebracht, der bei den Ärzten abgebremst wird. Der Grippeimpfstoff kann nicht nach Belieben gekauft werden, sondern wird von den Ärzten Anfang des Jahres bestellt. Die Herstellung ist zeitaufwendig und der Impfstoff ist nur eine Saison lang haltbar. Wer sich also im November impfen lässt, kann mit einem Grippeschutz bis Februar rechnen.

Deswegen bestellen die Ärzte nur so viel, wie sie auch verimpfen werden. Wie viel das ist, machen die Ärzte an der Zahl des Vorjahres fest. Ansonsten bleiben die Ärzte auf den restlichen Impfdosen sitzen und damit auf den Kosten: "Wenn wir die Impfstoffe nicht innerhalb einer Saison aufbrauchen, bleiben wir auf den Regresskosten sitzen", erklärt Pfeiffer. 

Obwohl einige Ärzte schon während des Jahres den Impfstoff nachbestellt haben, reicht es trotzdem nicht, wie auch in der Praxis von Nandini Jain: Im Frühjahr habe sie 70 Impfdosen bestellt, aber aufgrund der hohen Nachfrage dann mehr geordert. Die nachbestellte Menge lässt auf sich warten: "Von den 150 bestellten Impfdosen haben wir mittlerweile 90 Dosierungen erhalten", sagt sie.

Auch bei der Estenfelder Ärztin Dr. Margharethe Fuchsberger kommt der nachbestellte Impfstoff nur etappenweise an: "Wir haben von den 300 Dosierungen bisher nur die Hälfte erhalten. Die erste Lieferung war noch vollständig, bei der Zweiten kam nur die Hälfte der bestellten Menge, und bei der letzten Nachbestellung haben wir nur ein Viertel erhalten."

Das haben auch die Hennings erlebt. Vergeblich haben sie bei mehreren Ärzten in Versbach nachgefragt: "In keiner Praxis gab es noch Impfstoff. Es hieß ja, man solle sich Mitte November impfen lassen, und jetzt fehlt der Impfstoff. Das finde ich schon bedenklich", sagt Ursula Henning.

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Auch bei den Händlern kommt weniger Impfstoff an

Wie die Normalverbraucher auch, ordern Arztpraxen ihre Medikamente und Impfstoffe bei den Apotheken. Diese bestellen bei Großhändlern oder direkt beim Hersteller. Doch auch den Apotheken geht der Impfstoff aus, sagt der Unterfranken-Sprecher des Bayerischen Apothekenverbandes und Inhaber der Glocken-Apotheke in Würzburg, Dr. Wolfgang Schiedermair: "Wir haben schon in den letzen Jahren mehr als das Doppelte vom Bedarf bestellt, doch dieses Jahr hat das nicht gereicht. Aktuell haben wir keinen einzigen mehr im Haus".

Ähnlich sieht es in der Nikolaus Apotheke in Veitshöchheim aus, die rund sieben Veitshöchheimer Arztpraxen beliefert: "Wir haben bereits im Februar die Bestellung inklusive Puffer-Menge aufgegeben und trotzdem bekommen wir nicht die volle Bestellmenge. Die Hersteller verteilen den Impfstoff nach dem Gießkannen-Prinzip", sagt Apothekerin Susanne Möller. Soll heißen: Die Hersteller verteilen den Impfstoff möglichst gleichmäßig an die Apotheken.

Der Apotheker und pharmazeutische Biologe Schiedermair betrachtet Spahns Aufruf zum Impfen mit Argwohn: "Es ist sinnvoll, fürs Impfen Werbung zu machen. Dann sollte das aber zu einem Zeitpunkt geschehen, an dem man die Produktionsmenge noch beeinflussen kann."

"Es sinnvoll fürs Impfen Werbung zu machen. Dann sollte das aber zu einem Zeitpunkt geschehen, an dem man die Produktionsmenge noch beeinflussen kann."
Dr. Wolfgang Schiedermair, Inhaber der Glocken-Apotheke Würzburg

Warten auf den Impfstoff - Patienten sind verärgert

Während die Ärzte auf den Impfstoff warten, wächst der Unmut bei den Impfwilligen: "Die Patienten sind angespannt, vor allem Risikopatienten und Vorerkrankte sorgen sich. Aufgrund der hohen Nachfrage müssen auch schwer Erkrankte auf den Impfstoff warten. Das war im vergangenen Jahr noch nicht der Fall", sagt Nandini Jain. Der Estenfelder Hausärztin Dr. Margharethe Fuchsberger geht es ähnlich: "Seit drei Wochen beschwichtigen wir unsere Patienten und bitten sie um Geduld. Viele waren ziemlich sauer."

Deswegen will die Kassenärztliche Vereinigung Bayern (KVB) nun den Ärzten unter die Arme greifen und die Impf-Reserven des Freistaates Bayern einfordern. Bis zum 18. November konnten die Ärzte ihren zusätzlichen Bedarf bei der KVB anmelden, erklärt Margarethe Fuchsberger: "Die Kassenärztliche Vereinigung macht zusätzlich Druck bei der Regierung, was gut ist, aber versprechen können die nichts."

Schützt eine Grippeimpfung vor Corona?

Rentnerin Ursula Henning hofft, mit der Impfung besser gegen die Corona-Erkrankung gewappnet zu sein: "Wenn man sich gegen Grippe impfen lässt, dann könnte der Corona-Verlauf nicht so schlimm werden, hieß es." 

Doch vor dem Coronavirus schützt auch keine Grippeimpfung, sagt Hausarzt Christian Pfeiffer: "Wenn jemand geimpft ist und Grippe-ähnliche Symptome hat, können wir die Grippe mit hoher Wahrscheinlichkeit ausschließen und von einer Corona-Erkrankung ausgehen." Mit der Impfung lässt sich der Grippevirus schneller ausschließen, nicht aber der Schutz vor Covid-19 erhöhen. 

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Das Renterpaar Henning setzt weiterhin auf die Grippeimpfung: "Nachdem die Bayerische Regierung nun den Impfstoff freigibt, werden wir es in zwei Wochen nochmal versuchen."

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