Würzburg

Kurz vor der Wahl: So schauen junge Unterfranken auf Europa

Europa toll finden, aber nicht wählen gehen. Wie passt das zusammen? Die Antwort einer Friseurin, einer Schülerin, eines Auszubildenden und zweier Studenten.
Luftlinie trennen Unterfranken und Straßburg, dem Sitz des Europäischen Parlaments, nur etwas mehr als 200 Kilometer. Und trotzdem liegen vor der Wahl bisweilen Welten dazwischen. 
Foto: Zbynek Pospisil | Luftlinie trennen Unterfranken und Straßburg, dem Sitz des Europäischen Parlaments, nur etwas mehr als 200 Kilometer. Und trotzdem liegen vor der Wahl bisweilen Welten dazwischen. 

Es ist die Generation, die in die Europäische Union hineingeboren ist. Freies Reisen, eine einheitliche Währung und Urlaube auf dem ganzen Kontinent sind für die unter 30-Jährigen zur Selbstverständlichkeit geworden – vielleicht zu selbstverständlich?

Bei den Europawahlen 2014 ist weniger als ein Drittel der Wahlberechtigten unter 30 Jahren wählen gegangen. Das Paradoxe: Eigentlich sind die jungen Leute in Deutschland begeisterte Europäer. Das zeigen die Eurobarometer-Umfragen. Um herauszufinden, wie das zusammen passt, hat die  Redaktion fünf junge Unterfranken gefragt, mit welchen Gefühl sie auf Europa und die Wahl am Sonntag, 26. Mai, schauen. 

Johanna Kestler, 20, Studentin an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt (Soziale Arbeit)

'Die Grenzen zwischen den EU-Staaten existieren nur in unserem Köpfen.'
Foto: Johanna Kestler | "Die Grenzen zwischen den EU-Staaten existieren nur in unserem Köpfen."

"Ich bin vor knapp sieben Jahren zum ersten Mal mit Europa in Berührung gekommen – über ein Austauschprogramm an meiner Schule. Ich hatte die Chance, einige Zeit in einer griechischen Gastfamilie zu leben und junge Menschen aus ganz Europa kennen zu lernen. Und das Beste: Das ganze Programm wurde von der EU finanziert.

Über die Zeit sind so Freundschaften entstanden – von Deutschland über Spanien und die Schweiz bis Griechenland – und mir ist klar geworden: Die Grenzen zwischen den EU-Staaten existieren nur in unserem Köpfen. Auch deshalb gehe ich nächsten Sonntag wählen. Wir dürfen es nicht zulassen, dass nationalistische Kräfte wieder Mauern und Zäune in Europa errichten. Als wir damals alle gemeinsam an dem Programm teilgenommen, war es einfach egal, ob jemand aus der Parallelklasse oder aus Athen kam."

Marielle Beck, 26, Friseurmeisterin in Zellingen 

'Die Wahlbenachrichtigung habe ich weggeschmissen. Ich wüsste einfach nicht, was ich ankreuzen soll.'
Foto: Marielle Beck | "Die Wahlbenachrichtigung habe ich weggeschmissen. Ich wüsste einfach nicht, was ich ankreuzen soll."

"Ich muss ehrlich sagen, dass ich mich bisher kaum mit der Wahl beschäftigt habe. Egal ob in meinem Bekanntenkreis oder bei uns im Friseursalon: Europa spielt da eigentlich keine Rolle – was auch daran liegt, dass Politik für junge Leute einfach nicht attraktiv ist. Es fehlen die Angebote. Warum wird nicht viel mehr über die sozialen Netzwerke informiert? 

Natürlich weiß ich, warum wir die EU brauchen und wie wichtig es ist, dass die Länder in unserer Nachbarschaft zusammenhalten. Das wird auch jeden Morgen im Radio erzählt. Doch richtig informiert fühle ich mich trotzdem nicht. Die Wahlbenachrichtigung habe ich mittlerweile weggeschmissen. Ich wüsste einfach nicht, was ich ankreuzen soll. Und ich glaube, es geht vielen in meinem Alter so. Was schade ist, denn letztlich geht Europa ja uns alle an."

Maren Naujoks, 16, Schülerin am Karlstadter Gymnasium

'Viele in meinem Alter haben angefangen nachzudenken – über den Klimawandel und über die Freiheit im Internet.'
Foto: Maren Naujoks | "Viele in meinem Alter haben angefangen nachzudenken – über den Klimawandel und über die Freiheit im Internet."

"Ich glaube, Europa ist im Alltag junger Menschen nicht präsent genug. Umso schlimmer, dass auch im Wahlkampf kaum über Inhalte gesprochen wird. Die meisten Plakate sind nichtssagend. Wenn ich über die Straße gehe und lese 'Europa. Die beste Idee, die Europa je hatte', frage ich mich, wen die Parteien damit erreichen wollen.

Dabei haben die letzten Monate gezeigt: Meine Generation ist politisch wie lange nicht mehr. Viele in meinem Alter haben angefangen nachzudenken – über den Klimawandel und über die Freiheit im Internet. Das sind alles europäische Themen, doch den wenigsten ist das bewusst. Deswegen sollte die EU endlich Teil der Lehrpläne werden. Hätte ich mich nur über die Schule informiert, wüsste ich nicht, was das Europäische Parlament eigentlich macht."

Aurelian Völker, 22, Politikstudent an der Uni Würzburg

'Europa ist unsere Friedensgarantie. Nie gab es eine so lange Periode ohne Krieg auf diesem Kontinent.'
Foto: Aurelian Völker | "Europa ist unsere Friedensgarantie. Nie gab es eine so lange Periode ohne Krieg auf diesem Kontinent."

"Es ist gut, dass Europa in den letzten Jahren – auch in meiner Generation – wieder an Bedeutung gewonnen hat. Zum ersten Mal sagt in Umfragen wieder eine Mehrheit, dass ihre Stimme etwas zählt. Und ich hoffe, dass sich das am kommenden Wochenende auch an der Wahlurne bemerkbar macht. Denn nur bei der Europawahl können wir direkt auf die EU-Politik Einfluss nehmen.

Dabei ist der wichtigste Punkt überhaupt: Europa ist unsere Friedensgarantie. Nie gab es eine so lange Periode ohne Krieg auf diesem Kontinent. Doch weder Medien noch Parteien schaffen es, das richtig in die Öffentlichkeit zu tragen. Keine Frage: Die EU hat viele Baustellen, doch wir sollten aufhören, dieses großartige Projekt nur auf Verordnungen für Gurken und Glühlampen zu reduzieren."

Simon Niedermeyer, 21, Auszubildender (Technischer Assistent für Informatik)

'Niemand denkt mehr über Passkontrollen nach.'
Foto: Simon Niedermeyer | "Niemand denkt mehr über Passkontrollen nach."

"Ich erinnere mich noch gut an meine Abschlussfahrt an der Realschule. Es ging nach London. Wir sind mit dem Bus gefahren – quer durch Belgien und Frankreich bis zum Ärmelkanal. Das freie Reisen in Europa ist für meine Generation selbstverständlich, niemand denkt mehr über Passkontrollen nach. 

Doch der gemeinsame Markt und der Euro als einheitliche Währung sind hoffentlich erst der Anfang. Ich würde mir wünschen, dass Europa in den nächsten Jahren noch viel stärker zusammenwächst. Wir brauchen die 'Vereinigten Staaten von Europa'. Doch diese Vision erreichen wir nur mit mehr Transparenz und Mitbestimmung in der EU. Europäische Parteien und ein starkes Parlament wären ein erster Schritt. Dann hätten auch junge Leute das Gefühl, sie können mit ihrer Stimme etwas bewegen." 

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