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Messerattacke: So arbeitet die Redaktion in Ausnahmesituationen

Für Journalisten ist der Messerangriff eine Herausforderung: Die Reporter müssen über furchtbares Leid berichten und sich dabei permanent selbst überprüfen.
Main-Post-Reporter Thomas Fritz (Dritter von links) am Freitagabend bei der kurzfristig anberaumten Pressekonferenz mit Innenminister Joachim Herrmann.
Foto: Silvia Gralla | Main-Post-Reporter Thomas Fritz (Dritter von links) am Freitagabend bei der kurzfristig anberaumten Pressekonferenz mit Innenminister Joachim Herrmann.

Wir waren auf dem Weg in ins Wochenende, als uns am Freitag um 17.22 Uhr die Nachricht erreicht, dass es einen "Amoklauf" in Würzburg gibt. Innerhalb von Minuten finden sich Reporter, Blattmacherin, Fotograf, Grafikerin, Digitalmanagerin und Chefredaktion in einem digitalen Raum zusammen. Die ersten Kollegen fahren zum Barbarossaplatz. Wir sehen Videos und Bilder in den Sozialen Medien. Für uns ist das noch keine sichere Quelle, eine Falschmeldung wäre jetzt fatal. Wir legen um 17:30 Uhr einen Liveblog an, in dem wir bis heute aktuelle Meldungen tickern.

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Die erste Meldung, die wir per Pushnachricht auf die Handys unserer Leserinnen und Leser schicken lautet um 17.49 Uhr: "Würzburger Innenstadt meiden! Großeinsatz in Würzburg nach Gewalttat". Mittlerweile ist klar, dass wir eine lange Nacht und ein intensives Wochenende vor uns haben. Das Team ist sensibilisiert und kennt die Regeln: Wir zeigen keine Bilder oder Videos vom Täter, weil wir ihm diese Art der Aufmerksamkeit nicht geben werden und weil es Nachahmer motivieren kann. Wir berichten Opferzahlen und andere Fakten nur, wenn wir sicher wissen, dass die Informationen stimmen. Es gelten unsere journalistischen Leitlinien, wir lassen uns nicht treiben von der Informationsflut.

An diesem Freitag gibt die Pressestelle der Polizei bis in den späten Abend hinein keine Auskunft. Als wir die Informationen zu den Opfern aus drei unterschiedlichen, inoffiziellen polizeiinternen Quellen erfahren, veröffentlichen wir. Zu unseren eigenen Aufgaben kommen Anfragen anderer Medienhäuser. BILD möchte Fotos von uns. Machen wir nicht. Das ZDF möchte einen Reporter von uns in fünf Minuten in die Live-Schalte nehmen. Machen wir.

Was die Reporter erfahren und beschreiben müssen, ist furchtbar

Irgendwann kommt die offizielle Information, dass der Täter einen kleinen Junge schwer verletzt hat und seinen Vater oder seine Mutter (das ist noch unklar) getötet hat. Am Samstag korrigiert sich die Polizei: Es war kein kleiner Junge, sondern ein elfjähriges Mädchen, das verletzt wurde. Seine Mutter ist umgebracht worden. Was wir erfahren und beschreiben müssen, ist furchtbar. Doch das Team funktioniert und ist bis Mitternacht im Einsatz. Eine Kollegin sagt: "Erst als ich ins Bett bin, ist mir klar geworden, was da passiert ist."

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Die meisten von uns schlafen schlecht. Um 8 Uhr am Samstag geht es weiter. Die Lage ist jetzt übersichtlicher. Wir haben Zeit, unsere Berichterstattung zu reflektieren: Sind wir genau? Treffen wir den angemessenen Ton? Stellen und beantworten wir die richtigen Fragen? Mit der Pressekonferenz von Polizei und Staatsanwaltschaft bringt der Samstag viel traurige Gewissheit. Es ist bei so einer Tat absolut ungewöhnlich, dass es nach 24 Stunden schon eine so klare Lage gibt. Inhaltlich hilft das der Redaktion, emotional macht es kaum einen Unterschied.   

Warum wir ab sofort vom "Täter" schreiben

Am Sonntagmorgen beginnt die Planung für die Printausgabe am Montag. Die Chefredaktion entscheidet nach intensiver Diskussion, dass wir ab sofort vom "Täter" schreiben, nicht mehr vom "mutmaßlichen Täter". Mit dem Wort "mutmaßlich" wird eine Vorverurteilung ausgeschlossen. Denn in Deutschland gelten Verdächtige vor dem Gesetz so lange als unschuldig, bis ihre Schuld bewiesen ist. Der Pressekodex, dem sich unsere Redaktion verpflichtet hat, kennt aber Ausnahmen: "Die Presse darf eine Person als Täter bezeichnen, wenn sie ein Geständnis abgelegt hat und zudem Beweise gegen sie vorliegen oder wenn sie die Tat unter den Augen der Öffentlichkeit begangen hat."

Für Mittwoch planen wir einen Podcast, in dem wir ausführlich über die Arbeit der Redaktion in Folge der Messerattacke informieren werden. Schreiben Sie mir, was Sie interessiert. Auch über kritische Rückmeldung zu unserer bisherigen Arbeit freue ich mich: ivo.knahn@mainpost.de

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