Lohr

Wenn die Spielstätte Impfzentrum wird und Sportler heimatlos sind

In der Lohrer Spessarttorhalle sollen künftig Menschen ihr Serum gegen das Coronavirus erhalten. Das lässt viele hoffen, sorgt aber bei Sportlern für Nebenwirkungen.
Ein Bild aus dem Frühjahr 2020: Hallenwart Michael Imhof während der ersten Phase der Corona-Beschränkungen in der leeren Spessarttorhalle Lohr. Künftig soll die Sportstätte als Impfzentrum genutzt werden.
Foto: Burkard Nadler | Ein Bild aus dem Frühjahr 2020: Hallenwart Michael Imhof während der ersten Phase der Corona-Beschränkungen in der leeren Spessarttorhalle Lohr. Künftig soll die Sportstätte als Impfzentrum genutzt werden.

Was viele über Monate erhofft haben, scheint nun Realität zu werden: Mehrere Impfstoffe gegen das Coronavirus stehen kurz vor ihrer Zulassung. Bundesweit richten Landkreise und kreisfreie Städte Impfzentren ein, in denen die Seren verabreicht werden sollen. In Main-Spessart fiel die Wahl des Landratsamts für den Standort des Impfzentrums auf die Spessarttorhalle in Lohr. 

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Doch was vielen Hoffnung macht, hat andere weniger begeistert. "Es war ein Schlag in die Magengrube", gibt Carmen Burk zu, die stellvertretende Vorsitzende und Geschäftsführerin beim Hauptverein des TSV Lohr ist. Schließlich hatten sie beim mit rund 2500 Mitgliedern größten Verein im Landkreis gehofft, nach Ende der gegenwärtigen Corona-Beschränkungen in der Sportstätte wieder trainieren und spielen zu können. Doch das wird auf absehbare Zeit nicht möglich sein.

"So ein Impfzentrum ist natürlich absolut notwendig. Dass es jetzt genau uns trifft, ist trotzdem bitter", sagt Carmen Burk. So arbeiten sie derzeit an einem Plan, wie die Handballer, Basketballer, Turner und Badmintonspieler des TSV auf andere Hallen verteilt werden können. Besonders die Nägelseehalle, in der die Handballer noch bis Anfang der 1990er Jahre ihre Heimspiele austrugen, steht im Mittelpunkt der Überlegungen. Allerdings ist die Ausweich-Spielstätte nicht frei, sondern wird von anderen genutzt. "Genauere Pläne können wir noch nicht machen, weil wir nicht wissen, wann und zu welchen Bedingungen es wieder losgeht", sagt die TSV-Geschäftsführerin.

Als Grund dafür, dass das Impfzentrum in der Spessarttorhalle seinen Platz finden wird, gab das Landsratsamt an, dass die Sportstätte bei einer Prüfung als bestmöglicher Standort ausgemacht worden sei. "Ausschlaggebend war dabei unter anderem die Nähe zum Klinikum Main-Spessart sowie der Umstand, dass die Spessarttorhalle eine Einrichtung des Landkreises ist. Eine ebenso geeignete Örtlichkeit, die nicht zu Einschränkungen beim Schul- und Vereinssport geführt hätte, stand leider nicht zur Verfügung", heißt es in einer Antwort des Landratsamts auf einer Nachfrage dieser Redaktion zum Impfzentrum. Für den Schulsport, der bisher in der Spessarttorhalle stattfindet, würden derzeit Ausweichmöglichkeiten organisiert. "Wie lange die Spessarttorhalle als Impfzentrum genutzt werden wird, ist derzeit – allein schon, weil noch nicht bekannt ist, wann ein Impfstoff zur Verfügung stehen wird – noch nicht absehbar", so das Landratsamt.

"Stich ins Herz"

Besonders trifft der Wegfall der Spiel- und Trainingsstätte die Handball-Abteilung des TSV Lohr, die über drei Männer- und acht Jugendmannschaften sowie über ein Frauen-Team verfügt. Die müssen derzeit wegen des Verbots des Amateursports pausieren. In den Zeiten vor Corona kamen im Schnitt rund 500 Zuschauer zu Bayernliga-Spielen der ersten Männer-Mannschaft in die Spessarttorhalle, in der die TSV-Handball-Teams nahezu alle Trainingseinheiten abhalten. "Ein Stich ins Herz" sei die Nachricht gewesen, dass wegen der Umwidmung in ein Impfzentrum auch nach dem Ende der gegenwärtigen Beschränkungen in der Halle nicht trainiert werden könne, sagt Maximilian Schmitt. Er ist Trainer der ersten Männer-Mannschaft und stellvertretender Vorsitzender des Handball-Bezirks Unterfranken mit der Zuständigkeit "Talentförderung".

Maximilian Schmitt, Trainer der ersten Lohrer Männer-Mannschaft und stellvertretender Vorsitzender des Handball-Bezirks
Foto: Uli Sommerkorn | Maximilian Schmitt, Trainer der ersten Lohrer Männer-Mannschaft und stellvertretender Vorsitzender des Handball-Bezirks

"Noch härter als uns bei der ersten Mannschaft trifft es unsere Jugend", sagt Schmitt. Denn die Handballer und Handballerinnen aus Aktiventeams seien mobil und könnten auch zu Übungseinheiten fahren, wenn diese beispielsweise in benachbarten Hallen wie in Burgsinn oder in Marktheidenfeld stattfänden. Dagegen liefe man Gefahr, Kinder und Jugendliche zu verlieren, wenn man ihnen vor Ort auf Dauer kein Angebot machen könne oder nur eines, das unzureichend sei.

Dass seine Befürchtung nicht aus der Luft gegriffen ist, belegt eine in dieser Woche veröffentlichte Statistik des Bayerischen Landessport-Verbands (BLSV). Der verzeichnet in diesem Jahr einen Mitgliederrückgang bei Kindern und Jugendlichen in den Sportvereinen im Freistaat von rund vier Prozent. Wobei der BLSV befürchtet, dass sich dieser Trend bei anhaltenden Corona-Beschränkungen fortsetzt und dass er bis zum Jahresende über 100 000 seiner insgesamt 4,5 Millionen Mitglieder verloren haben wird.

Etwas besser als die Handballer scheint die Basketball-Abteilung des TSV Lohr mit der Situation zurechtzukommen. "Es war ja schon vorher so, dass Teile unseres Spiel- und Trainingsbetriebs in der Nägelseehalle stattgefunden haben", sagt Jürgen Kriegbaum, der Trainer der ersten Männermannschaft ist. Seine Frau Birgit ist verantwortlich für die drei Jugendteams des TSV, daneben gibt es eine zweite Männermannschaft, die aber wegen Corona in dieser Saison nicht am Spielbetrieb teilnimmt. "Mit etwas Flexibilität werden wir das schon schaffen", erklärt Jürgen Kriegbaum. Eine Möglichkeit sei zum Beispiel, das Training von erster und zweiter Mannschaft zusammenzulegen.

Fußballer zeigen Solidarität

In der vergangenen Woche hat es eine Konferenz mit der Lohrer Vereinsführung und den Abteilungsleitungen gegeben. Carmen Burk versichert, dass an einer Lösung gearbeitet werden solle, mit der alle leben könnten. Und sie ist angetan von der Solidarität unter den Abteilungen: "Ich fand es toll, dass die Fußballer ihre Trainingszeiten im Winter an die Handballer abgegeben haben." Das macht ihr Hoffnung, dass sie beim TSV die Inbeschlagnahme ihrer Sportstätte überstehen werden, auch wenn noch nicht klar ist, wie lange der Zustand dauern wird.

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