Würzburg

Die Baskets und der Sohn von Bruce Hornsby

In Oldenburg kassiert s.Oliver Würzburg die zweithöchste Niederlage seiner Bundesligageschichte. Und nun geht es gleich gegen Bayern München, ein noch größeres Kaliber.
Zwei Generationen in der Bundesliga: Würzburgs 20-jähriger Joshua Obiesie (links) und Oldenburgs 38-jährige Legende Rickey Paulding.
Foto: HMB Media/Julien Becker | Zwei Generationen in der Bundesliga: Würzburgs 20-jähriger Joshua Obiesie (links) und Oldenburgs 38-jährige Legende Rickey Paulding.

Selbstverständlich hat Joshua Obiesie Recht, wenn er - wie am späteren Samstagabend - sagt: "Niemand ist happy, wenn er mit 40 Punkten Unterschied verliert, das ist doch klar. Aber das kann im Basketball passieren. Wir sind jung, und das passiert auch mal guten Teams." Nun, wirklich guten Mannschaften vermutlich eher seltener, und selbst durchschnittlichen wie s.Oliver Würzburg, das in den letzten Jahren stets im gesicherten Mittelfeld der Bundesliga sich eingerichtet hat, kassiert eine derartig heftige Schlappe nicht sehr häufig. Am Samstag aber bei den EWE Baskets Oldenburg war es mal wieder so weit: Die 84:124 (41:64)-Klatsche in Niedersachsen war die zweithöchste Niederlage in der Bundesligageschichte des Klubs (die höchste war ein 54:95 im ersten Play-off-Viertelfinale am 8. Mai 2016 beim damaligen Titelverteidiger Bamberg).

Es wäre eine nette Fleißaufgabe für einen ambitionierten Archivar herauszufinden, ob die Baskets überhaupt schon einmal 124 Punkte eingeschenkt bekamen. Letztlich ist es also ein NBA-Ergebnis geworden, obwohl den Oldenburgern, die offensivstärkste Mannschaft der Klasse, acht Minuten weniger Spielzeit zur Verfügung stehen als den Mannschaften in der stärksten Liga der Welt, in der die Viertel zwölf Minuten dauern und nicht zehn wie in Europa. Jedenfalls hat in dieser Saison noch kein Bundesligist einen derartigen Korbhunger an den Tag gelegt und in einem Spiel so viele Punkte erzielt. Es war das vierte Mal in ihren 15 Partien dieser Runde, dass die Niedersachsen, die gegen Chemnitz gar mit 46 Zählern Differenz (119:73) gewannen und ihren neunten Erfolg in Serie feierten, 100 oder mehr Punkte machten.

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Auch wenn Baskets-Trainer Denis Wucherer sagt, dass es "letztlich doch egal ist, ob du mit 20 oder mit 40 verlierst" - dass der Frust nach so einer Demütigung zumindest direkt im Anschluss auch ein wenig tiefer sitzen kann, konnte man spätestens dann erahnen, wenn man sah, wie direkt nach der Partie Kapitän Felix Hoffmann und Aufbauspieler Cameron Hunt ganz offensichtlich noch dringenden Gesprächsbedarf hatten. Und den noch auf dem Parkett auch befriedigten. Sehr eindringlich redete der 31-jährige Routinier auf das 23-jährige Talent ein. Beobachtete man dessen resignierend wirkende Körpersprache und sicherlich ausbaufähigen Eifer gegen Ende der Partie, kann man sich sehr gut vorstellen, dass Hoffmann das so gar nicht gefiel. Der Kapitän hat sich den Ruf erarbeitet, bis zum letzten Schweißtropfen sich zu engagieren - auch wenn die Lunge leer ist und die Lage hoffnungslos. Und den Kopf hängen zu lassen und sich wehrlos zu ergeben, ist Hoffmann ein absolutes Greuel.

Gesprächsbedarf: Baskets-Kapitän Felix Hoffmann (links) im Dialog mit Cameron Hunt.
Foto: HMB Media/Julien Becker | Gesprächsbedarf: Baskets-Kapitän Felix Hoffmann (links) im Dialog mit Cameron Hunt.

"Es geht auch in solchen Spielen darum", meinte Wucherer am späten Samstagabend, "zu Ende zu spielen und jede Minute zu nutzen, um besser zu werden." Ihm hatte bereits im Vorfeld nichts Gutes geschwant, und zumindest insgeheim hatten ja auch alle den Baskets freundlich gesinnte Menschen so ein kleines Debakel befürchten müssen. Es ging ja nicht wirklich um eine realistische Siegchance, sondern im Grunde lediglich um die Höhe der Niederlage. "Wir mussten damit rechnen, dass es für uns in der momentanen Besetzung gegen eine gute Mannschaft wie Oldenburg sehr schwer werden würde", sagte Wucherer nach der höchsten Niederlage in seiner Würzburger Amtszeit (das war bis dato die 29-Punkte-Differenz-61:90-Heimschlappe gegen die Hamburg Towers am jüngsten Totensonntag, dem 22. November 2020): "Dazu ist Oldenburg einfach zu tief besetzt, zu groß, zu erfahren, zu gut und vor allem zu ausgeruht. Die spielen ums Halbfinale mit", glaubt der Baskets-Trainer. Tja, und bei diesen Voraussetzungen "kann es eben auch mal ein so hohes Ergebnis werden, vor allem, wenn ihre starken Werfer auch noch so toll treffen wie heute".

Bei den Hausherren tat sich da vor allem Keith Hornsby hervor, Sohn von US-Musikant Bruce Hornsby, dreifacher Grammy-Gewinner, der in den Achtzigern mit seiner Band The Range Weltruhm erlangte ("The Way It Is"). Sein Filius machte an seinem 29. Geburtstag 31 Punkte, so viele wie nie zuvor in der Liga, wobei er überragende acht seiner zehn Dreierversuche versenkte. Hornsby erzielte damit alleine mehr Zähler als Würzburgs zwei treffsicherste Schützen, Jonas Weitzel (16) und Obiesie (13).

Jonas Weitzel war - wie in Berlin bereits - erneut Würzburgs treffsicherster Akteur.
Foto: HMB Media/Julien Becker | Jonas Weitzel war - wie in Berlin bereits - erneut Würzburgs treffsicherster Akteur.

Wobei das Duell der Unterfranken in Niedersachsen ein vielleicht nicht ganz so eindimensionales, aber bestimmt auch ziemlich einseitiges gewesen wäre, müssten die Würzburger nicht verletzungsbedingt auf ihre drei Leistungsträger Zach Smith (Schulter), Justin Sears (Kreuzband) und  Brekkott Chapman (Achillessehne) verzichten. "Das heute oder letzte Woche in Berlin waren nicht die Maßstäbe. Wir müssen schauen, dass wir nach dem nächsten Spiel wettbewerbsfähig sind", sagte Wucherer, dem auch gegen Bayern München, das gerade in der Euroleague für Aufsehen sorgt, am Mittwoch (20.30 Uhr) erneut nichts Gutes schwant. "Da müssen wir irgendwie überleben und weiter lernen."

Die ersten Hoffnungen der Baskets ruhen nun erst einmal auf den am Freitag verpflichteten ehemaligen NBA-Profi Perry Jones III., der aber aufgrund der (Liga-)Bestimmungen und der zwei vorgeschriebenen Corona-Tests vermutlich frühestens am nächsten Samstag gegen Göttingen sein Debüt geben kann. Zumindest bis dahin gilt wohl, was Obiesie am Samstag noch sagte: "Wir müssen versuchen, Energie zu haben, um gegen Bayern München zu bestehen." Der 20-Jährige, der in Oldenburg mit 13 Zählern einen persönlichen Punkterekord in der Liga aufstellte, hat seine offenbar wiedergefunden. Nach einigen wohl am ehrlichsten mit unglücklich bis missraten zu umschreibenden Auftritten im Laufe dieser Runde, nutzt der gebürtige Münchner seine Minuten auf dem Parkett inzwischen für leidenschaftlichere und auch kämpferische Vorstellungen. Obiesie machte zuletzt den Eindruck, irgendwie ein Stück weit befreiter und unbeschwerter seiner Arbeit nachzugehen.

Ist in der aktuellen Situation vielleicht nicht die falscheste Herangehensweise - auch für die Baskets.



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