Würzburg/München

Samstagsbrief: Liebe Eltern, löst die Schulprobleme vor Ort!

Corona macht den Schulalltag nicht leicht. Minister-Bashing allerdings hilft da nicht, meint unser Autor. Warum er sich über einen Elternbrief arg geärgert hat.
Schule in Corona-Zeiten verlangt allen Beteiligten einiges ab. Das Bild entstand nach den Sommerferien in einer Klasse in Schleswig-Holstein.
Foto: Gregor Fischer, dpa | Schule in Corona-Zeiten verlangt allen Beteiligten einiges ab. Das Bild entstand nach den Sommerferien in einer Klasse in Schleswig-Holstein.

Sehr geehrte Frau Arndt,

als Vorsitzende der Landes-Elternvereinigung haben Sie gemeinsam mit dem Bayerischen Elternverband Anfang der Woche einen, wie Sie es nennen, "Brandbrief" an Kultusminister Michael Piazolo geschrieben. Als ich las, mit welcher Vehemenz, mit welch deftiger Wortwahl Sie da gegen vermeintliche Mängel der Schulpolitik wettern, habe ich mich arg geärgert. Und gedacht: Corona macht uns allen den Alltag nicht leicht. Warum aber tun die organisierten Eltern so, als seien sie die einzigen, denen die Pandemie viele Unbequemlichkeiten abverlangt. In diesen Zeiten läuft eben auch Schule alles andere als planmäßig.

Auf die Bildungspolitik pauschal einzuprügeln, das finde ich arg billig. Weit mehr wäre den Kindern geholfen, wenn Mütter und Väter mäßigend eingreifen, wenn irgendwo an einer Schule über das Ziel hinausgeschossen wird - und ihre Kinder sauer sind. Eltern sollten für mehr Gelassenheit im Schulalltag gerade auch dann plädieren, wenn es Probleme gibt. Und von denen gibt es vielerlei angesichts von Corona.

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Ja, ich habe gut reden. Meine beiden Kinder haben ihre Schulzeit vor vier und sieben Jahren glücklich beendet. Allerdings ist mir diese Zeit noch nah genug, um mich an einige arg übermotivierte Eltern zu erinnern, die im Streiten um das Wohl ihres eigenen Kindes manchmal das große gemeinsame Ganze an einer Schule ganz schön aus den Augen verloren. In diesen Zeiten aber ist solch Egoismus noch hinderlicher als sonst, da ist Gemeinsinn gefragt.

Öffnung von Kitas und Schulen ist Konsens

Es war und ist Konsens von Politik, Lehrern, Schülern und Eltern: Egal, wie sehr die Corona-Zahlen auch steigen, Kitas und Schulen sollen so lange wie irgend möglich offen bleiben. Ein Lockdown bei der Bildung wie im Frühjahr soll sich nicht wiederholen. Und ja, natürlich haben Sie recht, die Kultusbürokratie hat seit März tatsächlich einiges an Zeit verstreichen lassen, um vernünftige Konzepte für die Digitalisierung, für bauliche Veränderungen, aber auch für ein Abspecken von Lehrplänen auf den Weg zu bringen.

Susanne Arndt (links) ist Vorsitzende der Landes-Elternvereinigung (LEV) in Bayern. Das Bild entstand im März, als die LEV in Karlstadt ihr 70-jähriges Bestehen feierte. Mit dabei waren (von links) Anette Kreim vom Staatsinstitut für Schulqualität, Staatssekretärin Anna Stolz und Walter Fronczek, Leiter des Johann-Schöner-Gymnasiums.
Foto: Günter Roth | Susanne Arndt (links) ist Vorsitzende der Landes-Elternvereinigung (LEV) in Bayern. Das Bild entstand im März, als die LEV in Karlstadt ihr 70-jähriges Bestehen feierte.

Aber gerade deshalb erwarte ich von den Eltern, dass sie sich, statt beim Minister zu beschweren und auf landesweit kompatible Regelungen zu warten, unbürokratisch mit den Verantwortlichen ihrer Schule zusammensetzen – und Lösungen im Kleinen finden. Wenn Sie klagen, dass Schüler an einem Tag fünf Stegreif-Aufgaben schreiben müssen, weil Lehrer fürchten, bis zum nächsten Lockdown nicht genügend Noten zu haben: Was spricht dagegen, darüber vor Ort mit den Pädagogen zu reden? Da braucht es keinen Piazolo. Zumal zur Wahrheit auch gehört, dass es Eltern waren, die nach dem Lockdown im Frühjahr jammerten, dass es zu wenige Tests und Abfragen als Basis für Zeugnisnoten gab. Womöglich waren es die gleichen, die sich jetzt über das "goldene Kalb der Notengebung" und zu enge Lehrpläne beschweren.

Öfter mal einen Pullover oder Schal anziehen

Die Tränen sind mir gar gekommen, als ich in Ihrem Brief las, dass Kinder von Garmisch bis Coburg "frieren, sich erkälten und erkranken", weil die Klassenzimmer durchgelüftet werden. Zu meiner Schulzeit wären wir froh gewesen, wenn wir die Fenster in den überhitzten Räumen öfter mal hätten öffnen dürfen. Mein Gott, was ist dabei, wenn die kälteempfindlichen Mädchen und Buben jetzt halt mal einen Wollpullover oder einen Schal zusätzlich anziehen? Soll das allen Ernstes der Kultusminister regeln? Da traue ich Eltern und Lehrern schon Lösungskompetenz zu.

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Apropos Lehrer. Ich kann mir vorstellen, dass in diesen Krisenzeiten Klassen auch mal geteilt werden, um die Abstände zwischen den Schülern zu vergrößern. Das heißt, einige Lehrer, gerade in den Kernfächern, müssten zusätzlichen Unterricht halten, vielleicht ab und an auch mal am Nachmittag ran. Lehrer leiden nicht wie selbstständige Gastronomen und Kulturschaffende oder angestellte Arbeitnehmer, die in Kurzarbeit müssen, wirtschaftlich an Corona. Der Beamtenstatus ist ein Privileg, das sei jedem Lehrer gegönnt, vor allem den vielen engagierten. Sie, liebe Eltern, dürfen da ruhig mal mutig Ansprüche stellen. Aber bei diesem Thema bleibt Ihr Brandbrief auffallend still.

Liebe Frau Arndt, ich habe wohlwollend zur Kenntnis genommen, dass Sie beim Schulgipfel diese Woche dann doch verbal etwas abgerüstet haben. Faire Lösungen findet man eben nur gemeinsam. Und man findet sie am Besten vor Ort, in jeder einzelnen dieser viel beschworenen Schulfamilien mit Schülern, Eltern und Lehrern. Packen Sie es an und kommen Sie alle gesund durch Corona.

Beste Grüße aus Würzburg,

Michael Czygan, Redakteur 

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