WÜRZBURG

„Der Kirche fehlen Sachargumente“

Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, wendet sich in einem Gastbeitrag gegen Bischof Friedhelm Hofmann.

Nach dem Lesen des Beitrags von Bischof Hofmann (gemeint ist der Gastbeitrag von Würzburgs Bischof Friedhelm Hofmann am 19. Januar auf der Meinungsseite dieser Zeitung, Anmerkung der Redaktion) habe ich mich gefragt, ob er ein gestörtes Verhältnis zum 8. Gebot hat: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider Deinen Nächsten“. So hat er den Vorwurf, ich hätte verbindliche Zusagen nicht eingehalten und wäre nicht in der Lage, zeitnah Informationen zur Vorgehensweise zu liefern, offenkundig frei erfunden. Meine unmittelbaren Kooperationspartner der Bischofskonferenz haben mir das jedenfalls nie vorgehalten und hätten dazu auch keinen Anlass gehabt.

Mit Erstaunen lese ich ferner, dem Forschungsprojekt fehle die gebotene Sensibilität bei der Befragung von Opfern sexuellen Missbrauchs. Dank der engagierten Unterstützung des Bistums Hildesheim konnten wir (gemeint ist das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen, Anmerkung der Redaktion) nämlich letztes Jahr dort mit 13 Opfern auf Tonband aufgezeichnete Tiefeninterviews durchführen. Unsere Mitarbeiterin ist dabei durchweg auf überaus auskunftsfreudige und mutige Personen getroffen, die gerne mit ihr gesprochen haben. Zudem melden sich täglich bei uns Missbrauchsopfer, die unseren Fragebogen ausfüllen wollen, damit auch dieser Teil des Forschungsprojekts von uns realisiert werden kann.

Die Wahrheit sieht anders aus

Bischof Hofman behauptet außerdem, es hätte keine ausreichende Vereinbarung zum Datenschutz gegeben. „Auch Priester sind kein Freiwild.“ Doch wieder sieht die Wahrheit anders aus. Auf unserer Homepage www.kfn.de kann jeder nachlesen, was für ein exzellentes Konzept wir gemeinsam mit den engagierten Experten der Kirche zum Schutz der Anonymität von Priestern erarbeitet hatten. Nur deswegen konnten wir dann probeweise in zwei Diözesen Daten erheben.

Falsch ist schließlich die These von Bischof Hofmann, die Kirche hätte unsere Forschung nicht durch Zensurwünsche behindern wollen. Genau das hat sie getan. Nachdem sie mit uns zunächst im Juli 2011 einen wirklich fairen Vertrag abgeschlossen hatte, beanspruchte sie in ihrem Vertragsentwurf vom 7. Mai 2012 plötzlich umfassende Kontrollrechte. Die bei uns entstehenden Forschungstexte sollten nur veröffentlicht werden können, wenn sie von Seiten der Kirche vorher schriftlich genehmigt worden sind. Als wir diese Zensurforderungen zurückwiesen, schwächte die Kirche sie in einem weiteren Vertragsentwurf vom 26. Juni etwas ab. Das Verbot einer Veröffentlichung sollte zulässig sein, wenn „ein wichtiger Grund“ vorliegt. Zusätzlich beanspruchte die Kirche ein Mitspracherecht bei der Auswahl unserer Mitarbeiter.

Wissenschaftliche Forschung ist frei

Wir lehnten beides entschieden ab, weil solche Regelungen mit der Freiheit wissenschaftlicher Forschung nicht vereinbar sind. Wissenschaftlern kann nicht zugemutet werden, beim Schreiben ihrer Texte ständig überlegen zu müssen, ob ihre Formulierungen möglicherweise die Grenzen dessen überschreiten, was der Geldgeber des Projekts akzeptieren wird. Sie sind allein der Wahrheit verpflichtet. Wir hatten deshalb der Kirche angeboten, anstelle einer Zensur im Anschluss an jedes Kapitel des Forschungsberichtes ihre eigene Interpretation der Forschungsbefunde darzustellen. Doch auch das reichte der Kirche nicht.

Die Bischofskonferenz hat nun versucht, mir diese Aussage zu den Zensurwünschen der Kirche gerichtlich verbieten zu lassen. Am 14. Januar hat sie beim Landgericht Hamburg eine entsprechende einstweilige Verfügung beantragt. Mit einem solchen Schritt hatten wir gerechnet. Allen 118 Landgerichten Deutschlands hatten wir eine auch auf unserer Homepage dokumentierte Schutzschrift zugeschickt, die klar belegt, dass wir im Recht sind. Das Landgericht Hamburg war also gut informiert, als es sich mit dem Antrag der Kirche auseinandersetzte. Was es ihr dann gesagt hat, wissen wir nicht. Aber das Ergebnis ist eindeutig. Am 17. Januar hat die Kirche ihren Antrag zurückgezogen. Sie ist damit vor Gericht gescheitert.

Und die nächste Niederlage wird bald folgen. Auf der Homepage der Bischofskonferenz findet sich nämlich seit dem 18. Januar die dreiste Lüge, sie hätte sich im Juni 2012 mit uns auf Vertragsformulierungen geeinigt, die unsere Wissenschafts- und Publikationsfreiheit garantierten. Es sei unredlich von mir, das zu verschweigen. Doch wieder ist das Gegenteil richtig.

Selbstzerstörerisches Trauerspiel

Was die Bischofskonferenz gegenwärtig bietet, ist ein selbstzerstörerisches Trauerspiel. Dabei hätte sie durchaus eine Chance gehabt, das Scheitern des Projekts anständig zu bewältigen. Ich hatte ihr brieflich geraten, der Wahrheit die Ehre zu geben und schlicht die Flucht nach vorn anzutreten. Warum gibt die Bischofskonferenz nicht einfach zu, dass sie Angst vor den möglicherweise unangenehmen Forschungsergebnissen gehabt hat und so auf den falschen Kurs geraten ist, die bei uns entstehenden Forschungstexte kontrollieren und notfalls sogar verbieten zu wollen? Solche Fehler sind doch durchaus menschlich und geschehen auch außerhalb der Kirche gar nicht so selten. „Die Wahrheit wird Euch frei machen“ schreibt Bischof Hofmann zu Recht. Aber nein – er und manche seiner Amtskollegen haben sich stattdessen für den Kurs entschieden, mich persönlich anzugreifen und meine Glaubwürdigkeit herabzusetzen. Doch damit demonstrieren sie nur, dass ihnen die Sachargumente fehlen.

Christian Pfeiffer

Der 68-Jährige ist Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN). Pfeiffer, seit 1969 SPD-Mitglied, war von 2000 bis 2003 Justizminister des Landes Niedersachsen. 2011 fasste die Deutsche Bischofskonferenz einstimmig den Beschluss, dass Kirchenmitarbeiter unter Aufsicht eines Teams des KFN bestehend aus pensionierten Staatsanwälten und Richtern, sämtliche Personalakten der vergangenen zehn Jahre (zusätzlich in neun der 27 Bistümer sogar bis ins Jahr 1945 zurück) auf Hinweise zu sexuellen Übergriffen durchsuchen sollten. Pfeiffer war als Leiter des KFN an dem Projekt maßgeblich beteiligt. Das Projekt wurde im Januar 2013 von der Deutschen Bischofskonferenz gekündigt. Quelle: Wikipedia/Foto: dpa

Christian Pfeiffer       -  Die Deutsche Bischofskonferenz kündigte vorzeitig den Vertrag mit dem Kriminologen Christian Pfeiffer. Foto: dpa/ Archiv
| Die Deutsche Bischofskonferenz kündigte vorzeitig den Vertrag mit dem Kriminologen Christian Pfeiffer. Foto: dpa/ Archiv

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