Würzburg

Leseranwalt: Wie das Streben nach Gewissheit im Journalismus zur Schwäche wird

Gerade in der Corona-Pandemie berichten Journalisten regelmäßig über neueste Forschungsergebnisse. Studien lassen erkennen, welche Probleme dabei auftreten können.
Virologe Christian Drosten steht neben weiteren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern für die Erklärung wesentlicher Erkenntnisse in Pandemie-Zeiten. Aber wurden seine Erklärungen in Medien korrekt berichtet - oder fehlinterpretiert?
Foto: Jörg Carstensen, dpa | Virologe Christian Drosten steht neben weiteren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern für die Erklärung wesentlicher Erkenntnisse in Pandemie-Zeiten.

Wissenschaft ist wichtig – auch in den Medien. Die Corona-Pandemie hat dies besonders verdeutlicht. Gezeigt hat sie auch, dass die korrekte Bewertung dessen, was Forschende herausgefunden haben, gerade für den Journalismus entscheidend ist. Es lohnt sich, zuvor die unterschiedliche Herangehensweise an Veröffentlichungen von Wissenschaftlern und  Journalisten näher zu betrachten.

Erkenntnisse dazu hielt die Professorin für Wissenschaftskommunikation, Senja Post vom Karlsruher Institut für Technologie, schon 2013 nach Studien fest. Sie befragte 134 leitende Print-Journalistinnen und -Journalisten (J.) und 163 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (W.). Post erkannte aus dem Ergebnis ihrer Befragung ein journalistisches Gewissheitsstreben. Denn weitaus weniger Journalisten als Wissenschaftler waren bereit, Beiträge mit ungeklärten Fragen noch gut zu finden.     

Journalistinnen und Journalisten haben höhere Ansprüche

Und so sah nach drei konkreten Fragen danach, was einen guten Beitrag ausmacht, das Ergebnis aus: 90 Prozent der W. sprachen von einem guten Beitrag, wenn er diskutiert, wie verlässlich eine Erkenntnis ist. Weniger J. (64 Prozent) hielten das auch dann noch für einen guten Beitrag. Deutlich machen, wo noch Recherche- oder Forschungsbedarf besteht, fanden 79 Prozent der W. gut und 38 Prozent der J.. Keine ungeklärten Fragen aufkommen lassen wollten 38 Prozent der J. und nur sieben Prozent der W.. Das zeige, so folgert Post, dass Journalistinnen und Journalisten an die Gültigkeit ihrer Erkenntnisse höhere Ansprüche stellen als Forschende. Ich lese aus ihrer Folgerung die Gefahr heraus, dass Journalistinnen und Journalisten auch aus Forschungsergebnissen unsichere Faktoren verdrängen könnten.

Was sozialpsychologische Studien sagen

Wenn die Neurowissenschaftlerin Maren Urner erklärt, dass das menschliche Gehirn Ungewissheiten nicht mag, lässt das umgekehrt ebenfalls ein Gewissheitsstreben erkennen. In Köpfen von Journalistinnen und Journalisten führe das dazu, sagt Senja Post, dass sie in ambivalenten Situationen Bestätigung bei Kolleginnen und Kollegen suchen. Überhaupt wisse man, dass Menschen in diesen Situationen in Austausch miteinander treten. Sie bildeten dann gemeinsame Urteilsnormen, die sich gegenseitig bestätigen und sogar als verbindlich anerkannt werden. Das alles zeigen sozialpsychologische Studien.

Folglich ergibt sich daraus sogar die Gefahr, dass Journalistinnen und Journalisten Kollektiv-Irrtümer begehen, sich also unkorrekte Bewertungen über mehrere Medien verbreiten. Vorbeugend empfiehlt Post den Journalistinnen und Journalisten, zu hohe Ansprüche an wissenschaftliche Erkenntnisse zu senken. Sonst könne ihr Streben nach Gewissheit zur Schwäche werden. Es sollte besser gezeigt werden, was unerforscht geblieben ist. So könnten Journalistinnen und Journalisten häufiger informieren, wo sie weiter recherchieren sollten. Dafür spricht auch die folgende Studie.

Mangelnde Kommunikation über Unsicherheiten

In ihrer empirischen Studie zu Berichten von elf überregionalen Medien wie FAZ.net, Spiegel.de oder ARD-Tagesschau über die Corona-Pandemie erkennen die Wissenschaftler Marcus Maurer, Simon Kruschinski (beide Mainz) und Carsten Reinemann (München) ebenfalls einen für Krisenzeiten typischen Mangel an Kommunikation von Unsicherheit. Sie vermissen zudem Einordnungen statistischer Informationen. Abweichungen von Qualitätsstandards, wie eine der Lage nicht angemessene Berichterstattungsmenge, erklären die Wissenschaftler unter anderem mit eingeschliffenen redaktionellen Auswahlkriterien wie dem Fokus auf Negatives oder der Überzeugung, Leserinnen und Leser würden komplexe Zusammenhänge nicht verstehen.

In der Studie, die den untersuchten Medien insgesamt kein schlechtes Zeugnis ausstellt, wird Journalisten empfohlen, einem konstruktiven Ansatz zu folgen. Demnach sollte die Berichterstattung nicht nur Probleme aufwerfen und Fehler der Handelnden kritisieren, sondern auch Erfolge thematisieren und Lösungen aufzeigen. Dies mindere, "nach allem, was wir bisher wissen, Angst und Resignation, verstärkt das Gefühl, dass sich Probleme lösen lassen, und erhöht die Handlungsbereitschaft der Rezipientinnen und Rezipienten", kurzum der Leserschaft, lautet die Begründung von Maurer, Kruschinski und Reinemann.

Manche Forschungsergebnisse sind auch für Wissenschaftler unzweifelhaft

Die Studie befasst sich jedoch nicht mit regionalen und lokalen Medien. Ob die Aussagen der drei Wissenschaftler also auch auf diese Zeitung zutreffen, sei nach den vorliegenden Erkenntnissen nun den Einschätzungen ihrer Leserschaft und der Selbstreflexion ihrer Journalistinnen und Journalisten überlassen.

Und noch etwas ist wichtig, damit keine Missverständnisse entstehen: Es gibt viele Forschungsergebnisse, die auch für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unzweifelhaft sind. Dazu zählt, dass der Klimawandel überwiegend menschengemacht ist. Das erklärt auch Senja Post in einem Vortrag über Beiträge von Medienschaffenden und Forschenden zur Politisierung von Wissenschaft in öffentlichen Kontroversen um Umwelt und Technologie. Dabei wirft sie Schlaglichter auf das Verhältnis zwischen Öffentlichkeit, Wissenschaft und Politik.

Das Science Media Center

Und noch einen Ratschlag gibt die Professorin für Wissenschaftskommunikation: Sie empfiehlt den Kontakt zum Science Media Center Germany (SMC). Dabei handelt es sich nach eigenen Angaben um eine unabhängige und gemeinwohlorientierte, journalistisch arbeitende Institution. Das SMC unterstützt kostenfrei Medienschaffende in ihrer Berichterstattung bei Themen mit Wissenschaftsbezug. Die SMC-Redaktion verspricht, zeitnahe Expertise aus der Wissenschaft zu tagesaktuellen Geschehnissen zu liefern und bei komplexen und vielschichtigen Themen Überblick und Hintergrundwissen zu bieten. Ein Angebot, das nicht nur Journalistinnen und Journalisten zugute kommt. 

Quellen für diesen Beitrag: Digitaler Vortrag Senja Post am 21.10.21 vor der Vereinigung der Medien-Ombudsleute und ihr Aufsatz in "Streitlust und Streitkunst" (2020, H.v.Halem Verlag) mit dem Titel "Einmütig in Krisenzeiten. Konformitätsdruck durch Gewissheitsstreben".

Anton Sahlender, Leseranwalt

Siehe auch Vereinigung der Medien-Ombudsleute e.V.

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