Unterm Strich: Ein Flughafen probt den Ernstfall

In der Hauptstadt Berlin findet in den nächsten Wochen ein besonderes Schauspiel statt. Auf einem 1470 Hektar großen Gelände proben Vertreter unterschiedlicher Gruppen den Ernstfall. Sie bereiten sich auf ein Szenario vor, das bis vor kurzem noch so utopisch klang, wie das sagenhafte Inselreich Atlantis als Zufluchtsort in der Corona-Krise aufzusuchen. Polizei, Zoll, Bodenpersonal, Dienstleister, sie alle tun so, als gäbe es den neuen Berliner Flughafen BER schon heute. Als könnte dort Ende Oktober tatsächlich der Flugbetrieb starten nach – Moment, ich muss googeln! – gerade mal 14 Jahren Bauzeit. Kann das stimmen? Kann man in der Kürze dieser Zeit ein solch gigantisches Projekt aus dem Boden stampfen? Ja, man kann. Und die Erbauer hätten sämtliche Rekorde gebrochen, wären ihnen nicht ständig Brandschützer, Statiker oder andere Schlaumeier mit kleinkarierten Bedenken gekommen. Dass jeder dritte der 4000 Räume falsch nummeriert ist, dass die Stromanschlüsse für die Automatiktüren fehlten, dass die Decken der Parkhäuser durchhängen, weil der Beton zu wenig Stahl enthält, dass die Feuermelder in einigen Zwischendecken so dick mit Mörtel und Staub überzogen sind, dass sie im Brandfall nicht anschlagen – ach Gottchen, hat nicht jeder schon mal gebaut? Man braucht darüber keine Witze zu machen wie ein Spielehersteller, der 40 Quartettkarten mit den schönsten Pannen am BER bedrucken ließ. Und dass ein Schulbuchverlag den Berliner Flughafen in einem seiner Geografiebücher seit 2012 für eröffnet erklärte, war gewiss nur perspektivischem Weitblick geschuldet.

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Eike Lenz
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