Unterm Strich: Magie der Maskerade

Es ist eine Eigenart des Schicksals, dass es manchmal in bittersüßer Ironie daherkommt. So ist kürzlich ausgerechnet jener Mann, der uns in dieser weltumspannenden Krise Mut und Hoffnung hätte geben können, von uns gegangen – der Vergänglichkeit anheim gefallen wie einst seine Kunst, die sich dadurch auszeichnete, dass am Ende alles so war wie zuvor. Dieser Mann liebte das große Spektakel, doch von seinem Werk blieb: ein monumentales Nichts. Renoir schuf großartige Gemälde, Beuys hinterließ Fettkleckse oder eine Badewanne, in der die Frauen eines SPD-Ortsvereins einst den Abwasch erledigten. Doch was bleibt von diesem Christo Wladimirow Jawaschew? Jenem Mann, der 1971 eine Ansichtskarte des Berliner Reichstags erhielt und dann 24 Jahre brauchte, um den riesigen Kasten in feines Tuch zu packen, nur um ihn später wieder zu entpacken. Ein Illusionist, nicht so zauberhaft wie Copperfield, der ganze Eisenbahnwagen verschwinden ließ, eben ein Magier auf seine Art. Wieso gerade er in dieser düsteren Zeit ein Licht der Hoffnung hätte senden können? Nun, Christo war nicht nur Verhüller, der Gebäude, ja sogar Inseln, mit seinen sich bauschenden Stoffen bezog, er war auch Enthüller. Einer, der seinen Objekten nach einer Wirkzeit den Schleier wieder herunterriss. Welch ermunterndes Signal in Zeiten staatlich verordneter Maskerade! Christo als Erlöser, der jetzt zu seiner größten Tat hätte schreiten können: der Welt bei einer Art Maskenball mit einem Mal alle Fratzen vom Gesicht reißen. Das hätte ihm gefallen, dafür hätten wir ihn geliebt und mit einem Denkmal geehrt – garantiert unverhüllt.

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