PARIS

Wie man Konzerne zähmt

Spontane Pressekonferenz: Jean Tirole in der Toulouse School of Economics (TSE)
Foto: Remy Gabalda, afp | Spontane Pressekonferenz: Jean Tirole in der Toulouse School of Economics (TSE)

Der diesjährige Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften ist nicht nur kein Amerikaner – anders als in den vergangenen 15 Jahren, in denen die renommierte Auszeichnung jeweils mindestens an einen US-Ökonomen ging. Er ist Franzose, was den französischen Premierminister Manuel Valls zu einer triumphierenden Nachricht im sozialen Internet-Netzwerk Twitter veranlasste: „Glückwunsch an Jean Tirole! Was für eine lange Nase, die da dem French Bashing gedreht wird!“

Unter dem „French Bashing“, also der Dauer-Kritik gerade in wirtschaftlicher Hinsicht leidet Tiroles Heimat momentan gewaltig. Umso euphorischer wurde die Nachricht von der Ehrung der Königlich-Schwedischen Akademie der Wissenschaften für den 61-jährigen Ökonomen aufgenommen, zumal sie auf den Literatur-Nobelpreis für den französischen Schriftsteller Patrick Modiano folgt. Tirole selbst reagierte erfreut auf die „riesige Überraschung“, die ihm ein Preisgeld in Höhe von acht Millionen Schwedischen Kronen (rund 878 000 Euro) einbringt.

Gewürdigt werden die Analysen von Marktmacht, die der promovierte Mathematiker vorgelegt hat. Er hatte zudem am US-amerikanischen Massachusetts Institute of Technology einen Doktorgrad in Wirtschaftswissenschaften erworben. „Der diesjährige Preis handelt vom Zähmen mächtiger Firmen“, sagte der Ständige Sekretär der Wissenschaftsakademie, Staffan Normark. Zurzeit lehrt Tirole an der Wirtschaftshochschule School of Economics im südfranzösischen Toulouse. Tirole sei „einer der größten lebenden Ökonomen“, sagte Jury-Chef Tore Ellingsen.

Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören industrielle Organisation, Banken- und Finanzwesen sowie psychologische Aspekte der Wirtschaftswissenschaft. Eines seiner bekanntesten Werke, „Industrieökonomie“, analysiert strategische Entscheidungen wirtschaftlicher Akteure in Abhängigkeit von Marktstrukturen wie Monopolen (es gibt nur einen Anbieter) und Oligopolen (es gibt nur wenige Anbieter). Er geht davon aus, dass die marktbeherrschende Stellung von Unternehmen nachteilig für eine Gesellschaft sein kann: Kunden müssen höhere Preise bezahlen als bei einem harten Konkurrenzkampf, außerdem kann eingeschränkter Wettbewerb die Innovationsleistung und damit den Fortschritt bremsen.

Als Tiroles Verdienst gilt es dem Preiskomitee zufolge, aufgezeigt zu haben, dass Regulierung bei Monopolen wie bei Oligopolen notwendig sei. Zugleich widerlege er das Vorurteil, dass es dabei Patentrezepte wie Preisobergrenzen oder Kooperationsverbote für Wettbewerber gebe. Denn Patentgemeinschaften, bei der sich mehrere Firmen die Rechte an einer Erfindung teilen, könnten durchaus sinnvoll für die gesamte Gesellschaft sein. So plädiert Tirole für eine Wettbewerbspolitik, die die jeweils speziellen Umstände einer Industrie berücksichtigt.

Anwendbar ist dies beispielsweise auf den Technologiebereich mit einer Dominanz von Unternehmen wie Microsoft oder Google, aber auch auf die Erfahrung der Finanzkrise, bei der Banken, die als systemrelevant („too big to fail“) galten, mithilfe staatlicher Garantien gerettet werden mussten – weil die Finanzmarktregulierung nicht funktioniert hatte. Tirole plädiert für eine verstärkte internationale Kooperation, weil die Frage der Oligopole und ihrer Regulierung nicht allein auf nationaler Ebene gelöst werden könne.

Jean Tirole ist der dritte Franzose, der den Nobelpreis für Wirtschaft erhält. Sein Landsmann Thomas Piketty sorgt derzeit mit seinem Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ weltweit für Furore – eine ganze Phalanx gegen das „French Bashing“.

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