Würzburg

Wirkt sich die Corona-Krise auf meine  Altersvorsorge aus?

Sich jetzt um die eigene Altersvorsorge zu kümmern? Eine Verbraucherberaterin erklärt, warum Sparen gerade in der Krise wichtig ist - und sich der Einstieg in Aktienfonds lohnt.
Was passiert mit meiner Altersvorsorge durch die Corona-Krise? Welche Geldanlagen sind auch in wirtschaftlich schlechten Zeiten eine Option?
Foto: Getty Images | Was passiert mit meiner Altersvorsorge durch die Corona-Krise? Welche Geldanlagen sind auch in wirtschaftlich schlechten Zeiten eine Option?

Kurzarbeit, weniger Aufträge, weniger Kunden: Viele Arbeitnehmer und Selbstständige haben in der anhaltenden Corona-Wirtschaftskrise finanzielle Einbußen hinzunehmen. Bei vielen machen sich allmählich die Sorgen breit: Wie werden die kommenden Monate verlaufen, wenn weiterhin Ebbe auf dem Konto herrscht? Was passiert mit meiner Altersvorsorge? Soll ich jetzt tätig werden und mit dem Sparen beginnen? Finanzberaterin Judit Maertsch vom Verbraucherservice Bayern in Würzburg weiß, welche Anlagen auch in Coronazeiten gut laufen - und sie erklärt, warum Sparen auch in wirtschaftliche schlechten Zeiten wichtig ist.

Judith Maertsch ist unabhängige Finanzberaterin beim Verbraucherservice Bayern in Würzburg.
Foto: Silvia Gralla | Judith Maertsch ist unabhängige Finanzberaterin beim Verbraucherservice Bayern in Würzburg.
Wenn das Geld knapp wird - kann und sollte man auch in wirtschaftlich schlechten Zeiten sparen?

Judit Maertsch: Selbstverständlich. Die Notfall-Reserven sollten sogar auf drei bis sechs Netto-Monatsgehälter aufgestockt werden, damit die Folgen eines eventuellen Jobverlustes finanziell überbrückt werden können. Wenn Sie in Kurzarbeit sind, können Sie Ihre monatlichen Sparbeiträge reduzieren. Aber hören Sie nicht auf zu sparen. Die gesetzliche Rente ist zwar gesichert und darf nicht sinken. Sie wird aber in den nächsten Jahren kaum mehr steigen. Daher ist es wichtig, privat für das Alter vorzusorgen.

Statt zu sparen: Sind Billigkredite eine Alternative?

Judit Maertsch: Es ist nicht ratsam, in wirtschaftlich unsicheren Zeiten neue Schulden zu machen. Der Verlust des Arbeitsplatzes oder die Kurzarbeit kann schnell zu Überschuldung und Privatinsolvenz führen. Zahlen Sie lieber alte Kredite zurück. Wenn Sie ihre aktuellen Kreditraten nicht bedienen können, sprechen Sie rechtzeitig mit Ihrer Hausbank. Sie werden gemeinsam eine Lösung finden.

Sind das Geld auf dem Sparbuch oder das Festgeld sicher? Auch bei ausländischen Banken?

Judit Maertsch: Ja, allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen. Wir raten, die Einlagen auf 100 000 Euro je Kontoinhaber und Geldinstitut zu begrenzen und nur Institute mit europäischer Einlagensicherung zu wählen. Dann hat man einen ähnlichen Schutz wie auch bei deutschen Banken. Sollte es zu einer erneuten Bankenkrise kommen, kann die Einlagensicherung in einigen Ländern unter Umständen an ihre Grenzen stoßen. Dann ist es fraglich, ob und wann Sie ihr Geld wiederbekommen.

Wie sollte ich meine Altersvorsorge eventuell umschichten?

Judit Maertsch: Breit gestreute, weltweit angelegte langfristige Wertpapiersparpläne sind auch in der Krise ein sehr geeignetes Geldanlagemittel. Aber: Behalten Sie die Kosten der Geldanlageprodukte im Blick. Wählen Sie keine teuren Fondssparpläne. Für viele Fonds kommen Kosten für Management, Depot, Ausgabeaufschlag und noch vieles mehr auf den Anleger zu. Es gibt teilweise sehr teure Konstruktionen, die die gesamte Rendite aufbrauchen. Besser ist es, wenn Sie in großen, breit gestreuten, börsengehandelten Indexfonds wie zum Beispiel den Weltaktienindex MSCI World investieren. Da haben Sie eine sehr breite Streuung und langfristig eine gute Rendite.

Wer finanziell in der Enge ist, muss seine Lebensversicherung nicht gleich kündigen. Man kann sich auch beitragsfrei stellen lassen. So wird die Prämie gespart, aber der Vertrag bleibt bestehen. 
Foto: Andrea Warnecke | Wer finanziell in der Enge ist, muss seine Lebensversicherung nicht gleich kündigen. Man kann sich auch beitragsfrei stellen lassen. So wird die Prämie gespart, aber der Vertrag bleibt bestehen. 
Was ist mit meiner privaten Renten- oder Lebensversicherung?

Judit Maertsch: Garantieleistungen einer privaten Rentenversicherung sind nicht in Gefahr. Die Turbulenzen auf den Märkten drücken aber die Überschüsse der Verträge weiter nach unten. Sollte es in Folge einer schweren Rezession zu einer erneuten Bankenkrise kommen, kann man nicht ausschließen, dass auch Garantieleistungen herabgesetzt werden. Aktuell sieht es nicht danach aus, aber die Auswirkungen des Coronavirus sind für uns alle neu. Bei fondsgebundenen Renten- oder Lebensversicherungen sind hingegen auch sehr hohe Verluste möglich. Informationen zur Anlage der Ersparnisse findet man in den jährlichen Standmitteilungen sowie in der Versicherungspolice. Nach wie vor problematisch an den Versicherungsprodukten ist, dass sie mit hohen Abschluss- und Verwaltungskosten verbunden sind.

Was ist mit Riester-Sparplänen, wie kommen sie durch die Krise?

Judit Maertsch: Riester-Verträge müssen laut Zertifizierung das eingesetzte Kapital inklusive Förderung am Ende der Laufzeit garantieren. Verluste müssen ausgeschlossen sein. Daher versuchen die Anbieter, Risiken zu minimieren. Gehen die Aktienkurse in den Keller, schichten Sie in sichere Anlagen um, meist in Rentenfonds oder Barvermögen. Erst nach Erholung der Märkte kann die Aktienfondsquote wieder erhöht werden. Das ganze Hin und Her zur Risikosteuerung geht aber zu Lasten der Rendite. Unter Umständen kann es sinnvoll sein, Riester-Verträge mit hohen Kosten und niedrigen Renditeaussichten beitragsfrei zu stellen und zu einem anderen Anbieter zu wechseln.

Nach dem Crash an den Aktienmärkten fragen sich Anleger, wie es weitergeht und was sie tun sollen: verkaufen, kaufen oder einfach liegenlassen?

Judit Maertsch: Die Aktienmärkte sind im März in Folge der Corona-Pandemie weltweit eingebrochen. In kurzer Zeit hat sich der Wert der im Deutsche Aktienindex DAX enthaltenen Unternehmen um rund 40 Prozent reduziert. Mittlerweile haben sich die Märkte erstaunlich gut erholt. Aber wir wissen nicht, ob das so bleibt. Trotz der dramatischen Auswirkungen des Corona-Schocks zeigt der Blick in die Vergangenheit, dass die globale Wirtschaft sich nach jeder Krise relativ rasch erholt. Jetzt ist sogar ein sehr guter Zeitpunkt, um in das langfristige Sparen mit Aktienfonds vorsichtig einzusteigen.

Wie man sein Geld auch in Krisenzeiten gut anlegen kann, erklärt die unabhängige Finanzberaterin Judit Maertsch vom VerbraucherService Bayern.
Foto: Getty Images | Wie man sein Geld auch in Krisenzeiten gut anlegen kann, erklärt die unabhängige Finanzberaterin Judit Maertsch vom VerbraucherService Bayern.
Sind Aktienfonds also immer noch ein Tipp?

Judit Maertsch: Ich empfehle Aktien-ETFs. Exchange Traded Funds (ETFs) sind börsengehandelte, breitgestreute Indexfonds, die die Wertentwicklung eines Börsenindex wie beispielsweise des Euro Stoxx oder MSCI World abbilden. Hier spart der Anleger mit flexiblen Sparraten ab 25 Euro im Monat bereits Kosten, weil es keinen Manager gibt, der die Fonds aktiv verwaltet. ETFs minimieren durch die breite Streuung die Kursrisiken. Die Kursschwankungen fallen moderater aus als bei einzelnen Aktien. Auch die langfristigen Renditen aus Kursgewinnen und Dividenden sind sehr attraktiv. 

Sind Aktien von bestimmten Branchen, zum Beispiel Pharmaunternehmen, jetzt besonders attraktiv?

Judit Maertsch: Führende Pharma- und Medienunternehmen und der Onlinehandel sind möglicherweise Profiteure der Pandemie, genau wie Firmen, die künstliche Intelligenz, Software für Videokonferenz oder Cybercrime-Abwehr produzieren. Deshalb sind deren Kurse auch weniger stark gefallen, bei einigen sogar gestiegen. Aber wie sich die Kurse dieser Branchen entwickeln, können wir nicht genau vorhersagen. Wir sind hier im spekulativen Bereich. Für den Vorsorgesparer sind eher eine breite Risikostreuung über alle Unternehmen, Länder und Branchen sowie geringe Kosten wichtig.

Das Interesse der Anleger an Gold hat in den vergangenen Wochen deutlich zugenommen. 
Foto: Sven Hoppe, dpa | Das Interesse der Anleger an Gold hat in den vergangenen Wochen deutlich zugenommen. 
Gold gilt in Krisenzeiten als sichere Geldanlage. Würden Sie Gold empfehlen?

Judit Maertsch: Als Beimischung würde ich Gold empfehlen, aber nur als physisches Gold – also Goldbarren oder Goldmünzen. Es ist ganz wichtig, dass Sie Gold bei namhaften und etablierten Goldhändlern und nicht bei irgendjemand kaufen. Es gibt sehr viel falsches Gold auf dem Markt. Und: Umso kleiner die Anteile, die Sie kaufen, umso teurer ist der Preis.

Zeiten der Verunsicherung sind immer auch Zeiten für Geschäftemacher und dubiose Angebote. Ihr Rat?

Judit Maertsch: Vor Produkten am Grauen Kapitalmarkt, geschlossenen Fonds oder Beteiligungen warne ich die Verbraucher ausdrücklich. Diese Geldanlagen sind intransparent, sie bergen hohe Risiken und sind ungeeignet für Kleinanleger oder für die Altersvorsorge.

Beratung zur Altersvorsorge

Der VerbraucherService Bayern berät zu den Einzelthemen der Altersvorsorge und Geldanlage, prüft Angebote und Verträge. Die gesetzliche Rente wird der heutigen Erwerbsgeneration als alleinige Altersvorsorge in Zukunft nicht mehr ausreichen. Umso wichtiger ist es, geschickt und möglichst früh für das Alter vorzusorgen. Eine halbe Stunde Beratung kostet 30 Euro, eine Stunde 60 Euro. Kontakt: wuerzburg@verbraucherservice-bayern.de, Telefon: (0931) 30 50 80.
Die Verbraucherzentrale Bayern bieten ebenfalls eine kostenpflichtige Beratung zum Thema Altersvorsorge und Geldanlage an. Sie prüft Angebote und Verträge und berät zu Einzelthemen der Altersvorsorge und Geldanlage. Eine halbe Stunde Beratung kostet 30 Euro, jede weitere Viertelstunde 15 Euro. Einen persönlichen Beratungstermin kann man online buchen unter www.verbraucherzentrale-bayern.de oder unter Telefon (0931) 59 18 6. 
Quelle: clk
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