Bad Kissingen

1945: Wie deutsche Forscher über Bad Kissingen in die USA gelangten

Im Zuge des strategischen US-Geheimprojekts "Operation Overcast" wurden nach dem Zweiten Weltkrieg deutsche Wissenschaftler in die USA geschleust - via Bad Kissingen.
Am 2. Mai 1945 stellte sich der Raketen-Ingenieur Wernher von Braun (Dritter von rechts, mit gebrochenem Arm) zusammen mit einigen Kollegen aus seinem Team den US-Streitkräften in einem Hotel im Allgäu. Im August ging es dann nach Bad Kissingen.
Foto: Archiv dpa | Am 2. Mai 1945 stellte sich der Raketen-Ingenieur Wernher von Braun (Dritter von rechts, mit gebrochenem Arm) zusammen mit einigen Kollegen aus seinem Team den US-Streitkräften in einem Hotel im Allgäu.

Als Neil Armstrong am 21. Juli 1969 als erster Mensch den Mond betrat, fieberten auch die Deutschen nachts vor ihrem Fernseher mit. Klar, dass es ein Jahr später in Bad Kissingen eine Riesensensation war, als der "Mann vom Mond" auch zum ersten Mal seinen Fuß auf Bad Kissinger Erde setzte. Doch der Hauch der modernen amerikanischen Raumfahrtgeschichte hatte die Kurstadt 25 Jahre zuvor schon einmal gestreift, als die amerikanischen Streitkräfte 1945, kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs, ihr militärisches Geheimprojekt "Operation Overcast" starteten.

Damit sollten junge deutsche Wissenschaftler aus Nazi-Deutschland rekrutiert und in die USA überführt werden. Inoffizielle Zwischenstation für etliche dieser Intellektuellen war das damalige Hotel Wittelsbacher Hof in Bad Kissingen.

Schlaue Köpfe mit Nazi-Vergangenheit

Die Zahl der Wissenschaftler wurde von den Amerikanern erst einmal auf 350 begrenzt. Sie sollten zunächst für sechs Monate ohne Angehörige in die USA geholt und dort auf die verschiedenen Waffengattungen (Heer, Luftwaffe, Marine) verteilt werden. Die gesamte "Operation Overcast" sollte in acht Etappen (1945 bis 1950) erfolgen, ist in den Geschichtsbüchern nachzulesen.

Wernher von Braun erklärt auf diesem undatierten Archivbild anhand eines Modells die Funktion von Raketen-Raumschiffen.
Foto: Archiv dpa | Wernher von Braun erklärt auf diesem undatierten Archivbild anhand eines Modells die Funktion von Raketen-Raumschiffen.

Unter den ersten Wissenschaftlern, die im August 1945 in dem einstigen Hotel Wittelsbacher Hof, direkt am Bad Kissinger Marktplatz, einquartiert wurden, war auch der Raketen-Konstrukteur Wernher von Braun. Zuvor hatte er in Hitlers Auftrag bereits etliche Großraketen gebaut und hatte während des Nazi-Regimes als Mitglied der NSDAP den Rang eines Sturmbannführers der SS bekleidet.

Sicherung von militärischem Know-how

Doch kurz nach dem Krieg spielten für die Amerikaner NS-Belastungen offenbar keine große Rolle. Vielmehr ging es nach der deutschen Niederlage darum, Spezialisten wie den Raketen-Ingenieur von Braun rechtzeitig zu verpflichten, bevor die anderen Siegermächte (allen voran die UdSSR) ihrer habhaft wurden, und sich derej militärtechnisches Know-how zu sichern. Denn die Deutschen hatten seinerzeit in vielen technischen Bereichen die Nase vorn, so zum Beispiel beim Bau von Stahltriebwerken und deren Einsatz in Raketen und Flugzeugen.

Aus der Zeit in Peenemünde: SS-Sturmbannführer Wernher von Braun im Jahr 1944 mit einem Offizier der Wehrmacht. 
Foto: Archiv dpa | Aus der Zeit in Peenemünde: SS-Sturmbannführer Wernher von Braun im Jahr 1944 mit einem Offizier der Wehrmacht. 

Wernher von Braun war bis zum Ende des Krieges Direktor der Heeresversuchsanstalt Peenemünde auf der Insel Usedom gewesen und hatte dort auch die Entwicklung des Aggregats 4, einer Großrakete mit Flüssigtreibstoff, vorangetrieben. Ab 1943 war diese Rakete in Serie gegangen. Nach ihren ersten Einsätzen in London und Antwerpen im Jahr 1944, galt sie als Hitlers "Wunderwaffe".

Lieber mit Amerikanern statt mit Russen paktieren

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren die deutschen Raketentechniker rund um Wernher von Braun offenbar bestrebt, nicht den sowjetischen Besatzern in die Hände zu fallen. Anfang April 1945 hatten sich einige von ihnen nach Süddeutschland in die Gegend von Oberammergau abgesetzt. Am 2. Mai 1945 stellte sich von Braun, zusammen mit seinen Kollegen, den US-Streitkräften in einem Hotel in Oberjoch im Allgäu. Die Gruppe wurde daraufhin von den Amerikanern nach Bad Kissingen gebracht.

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Den Beobachtungen eines Meteorologen zufolge, der im Sommer 1945 im Wittelsbacher Hof in Bad Kissingen zu Mittag zu essen pflegte, sollen dort letztendlich 120 deutsche "Spezialisten", einige davon sogar mit ihren Familien, Quartier bezogen haben, schrieb einst Franz Kurowski in seinem Buch "Alliierte Jagd auf deutsche Wissenschaftler" (1982).

Der aufmerksame Beobachter im Wittelsbacher Hof

US-Posten hätten das Hotel streng bewacht, schilderte jener Meteorologe später. Dennoch sei es einmal zwei französischen Nachrichten-Offizieren gelungen, unbemerkt in den Wittelsbacher Hof einzudringen. Angeblich gingen sie von Zimmer zu Zimmer und diskutierten mit den Wissenschaftlern. "Sie versprachen ihnen goldene Berge, falls sie nach Frankreich kommen würden", gab der Meteorologe später Auskunft. Als die Amerikaner dies bemerkten und etwas dagegen unternehmen wollten, sei es bereits zu spät gewesen. Einige Wissenschaftler hatten sich überzeugen lassen und waren stehenden Fußes mit den Franzosen abgezogen, berichtete der Wetterfachmann.

Die alte Postkarte zeigt das Hotel Wittelsbacher Hof, in dem die Amerikaner kurz nach dem Zweiten Weltkrieg deutsche Wissenschaftler unterbrachten, die nach Amerika übersiedeln sollten.
Foto: Main-Post-Archiv | Die alte Postkarte zeigt das Hotel Wittelsbacher Hof, in dem die Amerikaner kurz nach dem Zweiten Weltkrieg deutsche Wissenschaftler unterbrachten, die nach Amerika übersiedeln sollten.

In einer anderen Beschreibung des Bad Kissinger Geschehens heißt es hingegen, die deutschen Wissenschaftler hätten trotz ihrer schwerwiegenden Vergangenheit in Bad Kissingen nicht unter besonders großen Sicherheitsvorkehrungen gelebt und sich frei bewegen können. So reisten sie wohl auch ungestört durch die Lande. Ihre Post wurde kaum zensiert, die Telefone wurden nicht abgehört.

Das Codewort hieß "Operation Paperclip"

Das Hotel am Bad Kissinger Marktplatz war seinerzeit also Herberge für zahlreiche dieser Wissenschaftler aus Peenemünde gewesen. Wahrscheinlich wurde in der Kurstadt seinerzeit auch das Codewort "Operation Paperclip" für die Geheimaktion "Operation Overcast" ins Leben gerufen: Die amerikanischen Offiziere hatten nämlich eine Kartei mit Namen von deutschen Raketeningenieuren erstellt. Davon wurden über 100 Karteikarten mit Büroklammern (Paperclips) gekennzeichnet, was bedeutete, dass man diese Fachleute gern in den USA sehen würde. Deswegen gingen die Auswanderer später auch als "Paperclip Boys" in die Geschichte ein.

In jenem Herbst 1945 sollen rund 120 Personen, fast die ganze Kernmannschaft Wernher von Brauns, die ihnen von den Amerikanern angebotenen Verträge angenommen haben. Darunter waren etliche, die es trotz ihrer Nazi-Vergangenheit später zu Rang und Namen brachten, wie zum Beispiel Arthur Rudolph, der maßgeblich an der Konstruktion der Saturn-5-Trägerrakete beteiligt war, die 1969 erstmals Menschen auf den Mond brachte. Allerdings war es auch Arthur Rudolph gewesen, der unter Hitler die unterirdische Rüstungsfabrik des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora in Thüringen geleitet hatte.

Lichtgestalten mit dunkler Vergangenheit

Dort mussten Zig-Tausende von Zwangsarbeitern, unter dem strengen Reglement von deutschen Ingenieuren, wie Rudolph und eben auch von Braun, am Bau der V2 -Rakete zusammenarbeiten. Bis April 1945 sollen etwa 60 000 "Arbeitssklaven" von der SS in die unterirdische Todesfabrik und ihre Außenlager eingesperrt gewesen sein, schrieb Rainer Eisfeld 1996 in seinem Buch "Mondsüchtig". Von Braun hat jedoch, laut Eisfeld, später behauptet, nie im KZ Dora gewesen zu sein.

Neil Armstrong war 1969 der erste Mensch auf dem Mond. 1970 setzte er seinen Fuß auch zum ersten Mal auf Bad Kissinger Boden.
Foto: Archiv Nasa/dpa | Neil Armstrong war 1969 der erste Mensch auf dem Mond. 1970 setzte er seinen Fuß auch zum ersten Mal auf Bad Kissinger Boden.

Wann die Gruppe um Wernher von Braun von Bad Kissingen aus in die USA gebracht wurde, darüber gehen die Meinungen der Historiker auseinander. Während in den Quellen einmal vom Herbst 1945 gesprochen wird, ist auch vom Sommer 1946 die Rede. Möglicherweise hängt diese historische "Ungenauigkeit" damit zusammen, dass die Anwesenheit der nazi-deutschen Wissenschaftler in den USA erst im Oktober 1946 offiziell durch die Medien ging - und in Amerika einen Sturm der Entrüstung auslöste.

Von Braun soll zunächst nach Fort Bliss/Mexico entsandt worden sein, wo von 1946 bis 1951 insgesamt 66 V2-Raketen gestartet wurden. Dann verlegte man diese Starts nach Cape Canaveral/Florida. Aus diesen Raketen-Versuchen im amerikanischen Süden erwuchsen lange danach die bemannten Raumfahrtprogramme, die 1969 schließlich zur ersten Mondlandung führten, bei der übrigens die von Wernher von Braun entwickelte Trägerrakete Saturn V zum Einsatz kam.

75 Jahre Main-Post

Am 24. November 1945 erschien im zerstörten Würzburg die erste Ausgabe der Main-Post. Zum Medienhaus gehören inzwischen auch das Schweinfurter Tagblatt, Volkszeitung und Volksblatt, der Bote vom Haßgau, das Haßfurter Tagblatt sowie das Obermain-Tagblatt. Der 75. Geburtstag der Main-Post ist ein Grund für die Redaktion, zurückzuschauen. Wir veröffentlichen deshalb das ganze Jahr Geschichten aus dieser Vergangenheit.
Quelle: mp
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