Rieneck

Als Rienecks Narren im "Üwerzuch" von Haus zu Haus zogen

In der Faschingshochburg im Sinngrund sollte heuer eigentlich "500 Jahre Fasenacht" gefeiert werden. Doch dann kam Corona. Die Göikel haben sich einen Ersatz einfallen lassen.
Früher zogen die Rienecker Narren in kleinen Gruppen im "Üwerzuch" von Haus zu Haus und feierten mit ihren Gastgebern. Das wurde aktuell im Schaufenster des Rienecker Heimatmuseums von Rita Maiberger und Tochter Manuela Ruppert (Foto) in Szene gesetzt.
Foto: Helmut Hussong | Früher zogen die Rienecker Narren in kleinen Gruppen im "Üwerzuch" von Haus zu Haus und feierten mit ihren Gastgebern.

Eigentlich wollte man in der Faschingshochburg im Sinngrund heuer eine besondere Fasenacht, wie das bunte Treiben in Rieneck schon eh und je genannt wird, feiern. 500 Jahre Rienecker Fasenacht waren angesagt. Die Vorbereitungen dafür liefen schon seit mehr als zwei Jahren. Doch auch dieses närrische Spektakel muss dem Schutz vor Corona weichen. Alle geplanten Veranstaltungen sind abgesagt.

Für die im Januar ausgefallene Jubiläumssitzung der Rienecker Fasenachtskomitees (RFK) wollen die Verantwortlichen nun eine "virtuelle" Prunksitzung anbieten. "Wir werden an diesem Wochenende eine Zusammenfassung der besten Szenen der Elferratsitzungen der vergangenen sieben Jahre in Youtube hochladen", kündigt RFK-Vorsitzender Fabian Hörnis an. Die RFK-Prinzengarde hat ferner das Schaufenster im ehemaligen Einrichtungshaus Wirth mit Kostümen, Orden und weiterem Fasenachtsutensilien dekoriert.

Im Schaufenster des Rienecker Nahversorgungsladens 'RienEck' ist der Jubiläumsüberzug der Rienecker Fasenacht, den es dort zu kaufen gibt, ausgestellen. Daneben erinnern Vergrößerungen alter Schwarzweiss-Bilder an das frühere Fasenachtstreiben.
Foto: Helmut Hussong | Im Schaufenster des Rienecker Nahversorgungsladens "RienEck" ist der Jubiläumsüberzug der Rienecker Fasenacht, den es dort zu kaufen gibt, ausgestellen.

Auch der "Historische Fasenachtszug" entfällt

Im Jahr 1521 soll der damalige Graf von Rieneck durch drei Herolde zum "großen Narrentag" eingeladen haben. Bis auf die Gemündener Lindenwiese sollen dabei die Rienecker mit einem Umzug gegangen sein. Wenngleich das historisch nicht belegbar ist, wollten die Gruppen in und um den Verein "IG Brauchtum und Kultur" an kommenden Samstag (6. Februar) mit einem "Historischen Fasenachtszug" mit 14 Motivgruppen diese geschichtliche Begebenheit nachstellen.

In früheren Zeiten gab es kaum große bunte Fasenachtsumzüge. Vielmehr prägten viele kleine Gruppen Rienecker Bürger als "Masken" im "Üwerzuch" mit verschleiertem Gesicht das Straßenbild. Sie zogen teilweise mit Musikinstrumenten von Haus zu Haus und von Gastwirtschaft zu Gastwirtschaft. Daran erinnert aktuell eine  anschauliche Szene, die Rita Maiberger und Tochter Manuela Ruppert im Schaufenster des kleinen Rienecker Heimatmuseums aufgebaut haben.

Früher war der (Bett-)Überzug und meist einfache Masken die traditionelle Bekleidung der Rienecker Narren im Fasenachtstreiben am Faschingsdienstag. So zogen die Narren in kleinen Gruppen durch die Straßen.
Foto: Archiv Gabi Hepp/Helmut Hussong | Früher war der (Bett-)Überzug und meist einfache Masken die traditionelle Bekleidung der Rienecker Narren im Fasenachtstreiben am Faschingsdienstag. So zogen die Narren in kleinen Gruppen durch die Straßen.

Die Narren mit Masken und Überzug (meist Bettücher) spielten der Hausfamilie auf und machten allerlei Gaudi und Späßchen. Mit verstellter Stimme "gatzten" sie dabei in hoher Stimmlage, um nicht gleich erkannt zu werden. Meist gab es den in Rieneck obligatorischen "Moust" (Apfelwein) zu trinken. Man aß und trank mit den Gastgebern und diese mussten raten, wer sich hinter der Verkleidung verbarg. Vielfach gaben sich die Narren dann am Ende des Besuchs durch Abnehmen der Maske zu erkennen.

Auf der Treppe der früheren Gastwirtschaft 'Fingerhut' posieren hier Rienecker Narren für diese nicht datierte Aufnahme (Fotograf unbekannt).
Foto: Privat/Helmut Hussong | Auf der Treppe der früheren Gastwirtschaft "Fingerhut" posieren hier Rienecker Narren für diese nicht datierte Aufnahme (Fotograf unbekannt).

Fastnachtsbrauch wieder aufleben lassen

Auch diese Rienecker Straßenfastnacht will die IG Brauchtum und Kultur wieder aufleben lassen. So war vorgesehen am Fasenachtsdienstag an Stelle des bisher üblichen Faschingszuges der Rienecker Göikel wieder in kleinen Gruppen im "Üwerzuch" von Haus zu Haus zu ziehen. Anlässlich des Jubiläums "500 Jahre Rienecker Fasenacht" ist der Verein in Vorleistung gegangen und hat einen besonderen Stoff für einen Überzug in Auftrag gegeben. Dafür bekam die IG Brauchtum und Kultur sogar einen Zuschuss aus dem Regionalbudget der Sinngrundallianz.

Unabhängig von Corona kann jeder Fasenachter dieses Kostüm aktuell im Nahversorgungsladen "RienEck" erwerben. Ein Model des Jubiläumsüberzuges ist in den Schaufenstern des Ladens ausgestellt. Daneben hängen in Schwarzweiß vergrößerte Bilder mit Gruppen der Straßenfaenacht aus vergangenen Zeiten. Manch älterer Bürger wird sich noch an die eine oder andere "Maske" erinnern können. Alle anderen vermögen sich so ein Bild zu machen, wie es früher war.

Dieses Foto vom Fasenachtstreiben auf Rienecker Straßen dürfte etwa aus dem Jahr 1938 stammem.

Archiv Werner Simon
Foto: Archiv Werner Simon/Helmut Hussong | Dieses Foto vom Fasenachtstreiben auf Rienecker Straßen dürfte etwa aus dem Jahr 1938 stammem. Archiv Werner Simon

"Aufgeschoben ist nicht aufgehoben", meint Andreas Czerny, der im Rahmen der Jubiläumsvorbereitungen für die Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich zeichnet. Die Feier werde auf jeden Fall nachgeholt. Ob es schon im nächsten Jahr ist oder erst in der darauf folgenden Fasenacht, da will er sich nicht festlegen. Schließlich muss der Jubiläumszug erneut organisiert werden. Unabhängig davon werde man auf jeden Fall baldmöglichst die Straßenfasenacht an Faschingsdienstag mit den Überzügen wieder aufleben lassen. Dazu soll es im kommenden Jahr noch Jubiläumsüberzüge im Kindergrößen geben.

Wie die Rienecker Göikel zu ihrem Namen kamen

Weil die Ritter in ihren Rüstungen und unter ihren das Gesicht verhüllenden Helmen nicht zu erkennen waren, achtete man darauf, welches Wappen jemand auf beziehungsweise – wie es sprichwörtlich wurde – "im Schilde führte". So konnte man Freund und Feind unterscheiden. Die Grafen von Rieneck trugen ihr Wappentier als Helmzier: einen stolzen Schwan.
Diesen soll "Fritz" von Thüngen mit lauten Kikeriki-Rufen beim "Narrentag auf HerrenFasenacht"  1521 als Gockel (=Hahn) verunglimpft haben. Im fränkischen Dialekt heißt der Chef im Hühnerstall "Göügel". Diesen Kosenamen behielten die Bürger Rienecks mit der entsprechenden lokalen Sprachfärbung bei – nämlich Göikel. 
Quelle: Bernd Schneider
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