Unsleben

Ein Koffer erinnert an die Deportation der Unslebener Juden

1942 wurden die letzten Juden aus dem Ort vertrieben. Wie ein von Künstler Paul Diestel angefertigter Koffer an deren Schicksal erinnern soll.
Feierliche Enthüllung des Koffers in Unsleben. Er soll an die Deportation der Juden im Ort erinnern. Von links: Benita Stolz, Initiatorin des Projekts DenkOrt Deportationen, Unslebens Bürgermeister Michael Gottwald und stellvertretender Landrat Bruno Altrichter.
Foto: Florian Karlein | Feierliche Enthüllung des Koffers in Unsleben. Er soll an die Deportation der Juden im Ort erinnern. Von links: Benita Stolz, Initiatorin des Projekts DenkOrt Deportationen, Unslebens Bürgermeister Michael Gottwald ...

Obwohl 1942 die letzten 19 Juden Unsleben verlassen haben, lassen sich in dem Ort auch heute noch zahlreiche Zeugnisse jüdischen Lebens finden. Die ehemalige Synagoge steht mitten im Dorf und dient mittlerweile als Veranstaltungsraum der Gemeinde. Direkt daneben wurde vor 15 Jahren ein Denkmal errichtet und wenn man durch die Flur des Ortes spaziert, kann man dort den jüdischen Friedhof mit seinen alten Grabstätten entdecken. Seit vergangenem Sonntag erinnert nun auch ein Koffer im direkten Umfeld der ehemaligen Synagoge und des Denkmals an die Fahrt der Unslebener Juden in den Tod.

Symbolische Verbindung zwischen Würzburg und Unsleben

Nachdem im Juni diesen Jahres bereits in Würzburg das zentrale jüdische Denkmal mit mehreren Koffern am Hauptbahnhof eröffnet worden war, fand nun in Unsleben die feierliche Enthüllung des passenden Gegenstückes statt. Die Grundidee des Vereins "DenkOrt Deportationen" besteht darin, Gepäckstücke zum zentralen Symbol für die Deportation zu machen und sie symbolisch mit einem zweiten Gepäckstück in den Herkunftsgemeinden der Opfer zu verknüpfen. "Ich freue mich, dass Unsleben einer der ersten Orte ist, in dem das passende Gegenstück öffentlich enthüllt wird. Hoffentlich werden weitere Dörfer in Unterfranken folgen", sagte Benita Stolz, Initiatorin des Projekts.

Für Unslebens Bürgermeister Michael Gottwald war es "eine Selbstverständlichkeit, sich an diesem Projekt zu beteiligen. Auch die Unslebener mussten erst lernen, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen." Dies sei ein schmerzhafter Prozess gewesen, der jedoch gelang. Er erinnerte an das Schicksal der letzten 19 Juden, die im Jahr 1942 das Dorf verlassen hatten. "Mein Opa hat mir in meiner Kindheit davon erzählt, wie die Juden in ihrem Heimatort geächtet und festgenommen wurden." Lediglich mit ein paar Koffern und Taschen bepackt ging es für die Unslebener Juden nach Würzburg und von dort eng zusammen gepfercht in  Güterzügen in die Arbeits- und Konzentrationslager im besetzten Polen. "Für die Juden war es eine Fahrt in den Tod, die sie auch noch selbst bezahlen mussten", machte Gottwald deutlich.

Koffer zeigt Leere und Nacktheit der jüdischen Bevölkerung

Der Koffer sei daher ein mahnendes Zeichen und erinnere an die letzten Stunden der Juden im Dorf. Gottwald dankte dem Unslebener Künstler Paul Diestel, der sich von Beginn an offen für dieses Projekt gezeigt und den Gemeinderat schließlich mit seinen Vorstellungen überzeugt hat. "Ich war sehr ergriffen von der Idee", sagt Diestel. Während das zentrale Denkmal in Würzburg an die Deportation der Juden im Großen erinnere, seien die Denkmäler in den Orten als Symbol der individuellen Einzelschicksale zu betrachten. "Ich habe auf dem Dachboden einen alten Koffer gefunden und nach langem Überlegen die Seitenwände entfernt. Der Koffer zeigt dadurch die Leere und Nacktheit der jüdischen Bevölkerung", erklärt Diestel. Dadurch werde die verloren gegangene Würde und letztlich die Auslöschung des Lebens inszeniert.

Durch das Entfernen der Seitenwände erinnert der Koffer an die verloren gegangene Würde der jüdischen Bevölkerung.
Foto: Florian Karlein | Durch das Entfernen der Seitenwände erinnert der Koffer an die verloren gegangene Würde der jüdischen Bevölkerung.

Bei der Feierstunde an der ehemaligen Synagoge konnte aufgrund der Corona-Pandemie nur ein kleiner Kreis von geladenen Gästen anwesend sein. Unter ihnen war auch Oded Baumann, Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde in Unterfranken. Seine Familie war selbst betroffen von der Judenverfolgung im Dritten Reich. "Ich freue mich daher über diese würdige Veranstaltung. Vor allem, da Antisemitismus weltweit leider wieder im Kommen ist." Pfarrerin Susanne Ress von der evangelischen Kirche in Bad Neustadt sprach persönliche Erlebnisse in jüngster Vergangenheit an, die sie nachdenklich haben werden lassen. So sei ihr bei einer Stadtführung mit Konfirmanden in Rothhenburg ob der Tauber ein freier Platz inmitten der dicht bebauten Altstadt aufgefallen. Auf Nachfrage habe sie erfahren, dass dort früher der jüdische Friedhof war. "Ich bin erschrocken, dass auf einem ehemaligen Friedhof heute einfach Autos parken", sagte sie. Daher sei es umso wichtiger, Erinnerungsorte wie in Unsleben zu schaffen.

Sorge vor wachsendem Rechtsextremismus und Antisemitismus 

Stellvertretender Landrat Bruno Altrichter stellte in seiner Ansprache den in der Gesellschaft wachsenden Rechtsextremismus und Antisemitismus in den Vordergrund. "In heutiger Zeit werden wir mehr und mehr mit dieser Problematik konfrontiert. Hier müssen wir massiv entgegen treten", lautete sein Appell. Auch Unslebens Bürgermeister Michael Gottwald ging abschließend auf diese Entwicklung ein. Fremdenfeindliches Gedankengut und rechtsradikale Gewalt seien in Deutschland wieder präsent. "Wir konnten zwar die Verbrechen unserer Vorfahren nicht verhindern. Manchmal frage ich mich aber, ob wir sie tatsächlich verhindert hätten."

In einer früheren Version dieses Artikels stand zu lesen, dass es für die Unslebener Juden in die Arbeits- und Konzentrationslager "nach Polen" ging. Das ist historisch nicht korrekt. Darauf hat uns Marcin Krol, Konsul der Republik Polen, hingewiesen. Er wollte klarstellen, dass es sich um das "besetzte Polen" handelte. Wir haben die betreffende Passage verbessert. Die Redaktion. 

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