Heidingsfeld

Kennt Bundesanwaltschaft den Hintermann des Axt-Anschlags?

Attacke in Regionalzug       -  Polizisten am Tag nach dem Anschlag auf Spurensuche an den Mainauen im Würzburger Stadtteil Heidingsfeld
Foto: Karl-Josef Hildenbrand, dpa | Polizisten am Tag nach dem Anschlag auf Spurensuche an den Mainauen im Würzburger Stadtteil Heidingsfeld

Auch zwei Jahre nach dem islamistisch motivierten Anschlag in einem Regionalzug bei Würzburg sind die Ermittlungen nicht abgeschlossen. Zwei Tage nach der Tat hatte die Bundesanwaltschaft die Untersuchungen übernommen. Was sie seither herausgefunden hat, darüber schweigt die Karlsruher Behörde. Wie Recherchen dieser Redaktion ergaben, dürften sich die Ermittlungen aber vor allem um die Suche nach möglichen Hintermännern drehen.

Viele Fragen sind noch immer unbeantwortet

Klar ist bislang, was am Abend des 18. Juli 2016 passierte: Ein 17-jähriger Flüchtling verabschiedete sich bei seiner Pflegefamilie, mit der er in Gaukönigshofen (Lkr. Würzburg) lebte, und stieg in Ochsenfurt in einen Regionalzug Richtung Würzburg. Dort verletzte der Afghane vier Touristen aus Hongkong mit einer Axt und einem Messer teils schwer. Bei seiner anschließenden Flucht durch den Würzburger Stadtteil Heidingsfeld schlug er einer Spaziergängerin mit der Axt mehrfach ins Gesicht. Gegen 22 Uhr spürte ihn ein Sondereinsatzkommando in den Mainauen auf. Als der 17-Jährige auf die Beamten losstürmte, eröffneten diese das Feuer und erschossen ihn. Einen Tag später bekannte sich die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) zu der Tat und veröffentlichte ein Bekennervideo des Attentäters.

Was vor dem Anschlag passierte, ist der Öffentlichkeit dagegen weitgehend unbekannt. Reiste der spätere Täter bereits mit dem Plan nach Deutschland, um einen Anschlag zu begehen, oder hat er sich erst hier radikalisiert? Hatte er Kontakt zu dem syrischen Asylbewerber, der eine knappe Woche später in der Ansbacher Altstadt eine Rucksackbombe zündete, dabei 15 Menschen verletzte und selbst ums Leben kam? Und wer war der mutmaßliche IS-Kontaktmann, der dem 17-Jährigen bis kurz vor seiner Tat über einen Internet-Chat Instruktionen gab?

Wird IS-Kontaktperson nicht ausgeliefert?

Einen entsprechenden Fragenkatalog, den diese Redaktion in den vergangenen zwei Jahren immer wieder an die Bundesanwaltschaft mit der Bitte um Antworten schickte, blieb jeweils unbeantwortet – mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen.

Wie diese Redaktion nun allerdings aus Ermittlerkreisen erfuhr, scheinen die Behörden inzwischen zu wissen, wer der mutmaßliche IS-Mann war, mit dem der Attentäter noch im Regionalzug über sein Handy Kontakt hatte. Allerdings – so berichtet ein Insider – habe man noch Schwierigkeiten, das Land, in dem dieser sich aufhält, dazu zu bewegen, ihn auszuliefern. Um welchen Staat es sich dabei handelt, wusste der Informant nicht.

Auch Anis Amri, der Attentäter vom Berliner Weihnachtsmarkt, wurde während seines Anschlags im Dezember 2016 von einem IS-Hintermann gesteuert. Einem Medienbericht zufolge ist auch dieser identifiziert und wird in Libyen vermutet. Seit der IS auf dem Rückzug ist und weite Teile seiner besetzten Gebiete verloren hat, landen immer mehr Dschihadisten in Gefängnissen. Gerade im Irak und in den kurdischen Gebieten Syriens befinden sich zahlreiche IS-Kämpfer in Haft.

Aus Bayern reisten 70 Islamisten nach Syrien und in den Irak

Doch auch wenn der IS militärisch als weitgehend besiegt gilt, ist die Terrorgefahr nicht vollständig gebannt. Und obwohl gerade junge Menschen wie der 17-jährige Attentäter von Würzburg laut dem Bayerischen Landeskriminalamt besonders anfällig für Radikalisierungen sind, glauben Experten, dass die größte terroristische Gefahr für die Bundesrepublik von sogenannten Rückkehrern ausgeht. Deutschen, die sich dem IS in Syrien oder dem Irak angeschlossen haben und nun zurückkehren. Laut dem bayerischen Landesamt für Verfassungsschutz sind zwischen 2012 und Ende 2017 insgesamt 70 Islamisten aus Bayern in das Krisengebiet gereist, um sich dort dschihadistischen Gruppierungen anzuschließen. Zu neun Islamisten aus Bayern lagen den Verfassungsschützern Hinweise vor, dass sie in Syrien oder dem Irak ums Leben gekommen sind. Etwa ein Drittel der Personen, die sich in der Region aufhielten, sind inzwischen wieder nach Deutschland zurückgekehrt.

„Die Zahl der Personen, die in Unterfranken als Gefährder geführt werden, liegt im niedrigen einstelligen Bereich“, heißt es beim Polizeipräsidium auf Nachfrage. Eine konkrete Zahl könne nicht genannt werden – unter anderem aus ermittlungstaktischen Gründen.

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