Würzburg

Krebs: Wie Forschung den Patienten neue Hoffnung gibt

Jeder zweite Deutsche erkrankt im Laufe seines Lebens an Krebs. Therapien und Heilungschancen haben sich deutlich verbessert – dank Medizinforschung, auch in Mainfranken.
Noch vor den Corona-Beschränkungen: Ärzte verschiedener Disziplinen diskutieren in einem Konferenzraum der Uniklinik in Würzburg über Therapie und Behandlung konkreter Tumorerkrankungen.
Foto: Daniel Peter | Noch vor den Corona-Beschränkungen: Ärzte verschiedener Disziplinen diskutieren in einem Konferenzraum der Uniklinik in Würzburg über Therapie und Behandlung konkreter Tumorerkrankungen.

Wo bestimmte Diagnosen früher Todesurteile waren, gibt es heute Hoffnung für Patienten: Rund die Hälfte der Krebserkrankungen in Deutschland ist mittlerweile heilbar, Tendenz steigend. Verantwortlich dafür sind Fortschritte in der medizinischen Forschung – neue Geräte, Therapien, Medikamente, wie sie auch an der Würzburger Uniklinik entwickelt werden.

"Wir müssen Krebs noch besser verstehen."
Krebsforscher Prof. Hermann Einsele

„Wir müssen Krebs noch besser verstehen“ - für Professor Hermann Einsele, Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik II, ist das der wichtigste Schlüssel im Kampf gegen eine Geißel, die in Deutschland jährlich über 230 000 Menschen (Stand 2018) das Leben kostet. Für dieses „Verstehen“ braucht es ein starkes Netzwerk an Experten – von Onkologen, Biochemikern über Radiologen, Nuklearmedizinern, Strahlentherapeuten bis hin zu den Chirurgen.

Zählt zu den renommiertesten Krebsforschern in Deutschland: Prof. Hermann Einsele von der Würzburger Uniklinik.
Foto: Johannes Kiefer | Zählt zu den renommiertesten Krebsforschern in Deutschland: Prof. Hermann Einsele von der Würzburger Uniklinik.

Deutschlandweit zählt die Würzburger Uniklinik zu den starken Zentren der Krebsforschung, erst vor wenigen Wochen wurde man als neuer Standort des Nationalen Tumorzentrums ausgewählt. Künftig werden hier noch mehr Studien zur Entwicklung neuer Therapien und Medikamente durchgeführt, noch mehr Patienten sollen davon profitieren. Gelten sie als „austherapiert“, bleibt ihnen häufig nur der Strohhalm neuartiger, noch nicht zugelassener Medikamente und Verfahren.

Entwicklung von Krebsmedikamenten an der Würzburger Uniklinik

Wer sich als Patient darauf einlässt, wird in der ersten Versuchsphase streng überwacht, Verlauf und Nebenwirkungen werden genau dokumentiert. Auch an der Würzburger Uniklinik hat man vor 13 Jahren eine solche „Phase 1-Einheit“ eingerichtet. Finanziert wird die Erprobung neuer Medikamente von großen internationalen Pharma- und Biotech-Unternehmen wie Pfizer, Merck oder Amgen. Laut Hämatologe Hermann Einsele kostet die Entwicklung eines neuen Krebspräparates nicht selten mehrere hundert Millionen Euro. „Deshalb sind sie dann für die Anwendung relativ teuer.“ Aber bisweilen so wirksam, dass selbst die Fachleute staunen. So wie im Fall von Peter Jacob.

Der damals 67-Jährige aus dem Raum Schweinfurt erhielt Ende 2015 die Diagnose: Multiples Myelom, Knochenmarkkrebs. Chemos und Therapien mit Eigenstammzellen halfen nicht, in seiner Verzweiflung nahm Jacob an der Uniklinik an einer Studie zur „CAR-T-Zell-Therapie“ teil. Wie bei anderen Formen der Immuntherapie setzen hier die Mediziner das körpereigene Immunsystem als Waffe gegen den Krebs ein. Dem Patienten wird Blut entnommen und ein Teil der weißen Blutkörperchen, die T-Zellen, werden genetisch so verändert, dass sie Krebszellen erkennen und angreifen können.

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Eine Genmanipulation? Onkologe Einsele spricht von einer „somatischen Gentherapie“: Reife Zellen werden dabei genetisch verändert, keine embryonalen Stammzellen. Dies wäre ein Eingriff in entstehendes Leben und deshalb ethisch heikel. In Deutschland sind solche Versuche verboten.

Durch einen Chimären Antigen-Rezeptor können T-Zellen Tumorzellen erkennen und zerstören.
Foto: Illustration: Michael Hudecek | Durch einen Chimären Antigen-Rezeptor können T-Zellen Tumorzellen erkennen und zerstören.

Bei Patient Peter Jacob wirkte die CAR-T-Zell-Therapie im Rahmen der Studie wahre Wunder, erstmals bei einem Myelom-Patienten. Sogar die behandelnden Ärzte waren überrascht. Der Rentner war viele Monate wieder schmerzfrei, konnte länger spazieren gehen und körperliche Arbeiten verrichten. Eine gute Zeit für ihn. Dann erlitt Jacob einen Rückfall, er starb schließlich an seiner Krebserkrankung. Doch: "Wir konnten an seinen Tumorzellen einen völlig neuen Mechanismus entschlüsseln", so Einsele. Das könnte zumindest künftigen Krebspatienten helfen.

Bei Akuter Lymphatischer Leukämie und Lymphknotenkrebs wird das CAR-T-Zell-Verfahren schon seit 2011 angewandt. Laut Michael Hudecek, der in Würzburg das Programm aufgebaut hat, wurden bisher etwa 50 Patienten an der Uniklinik auf diese Weise behandelt. Bei einem Großteil habe man eine Remission erreicht: Krebszellen waren nach der Behandlung nicht mehr nachweisbar. Für das Multiple Myelom steht die Zulassung noch aus, Einsele rechnet aber fest damit – und hofft, derart „aufgerüstete“ Immunzellen bald auch gegen weitere Tumorarten einsetzen zu können.

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Natürlich, sagt Einsele, blieben auch Enttäuschungen nicht aus. Bei Studien zeigen sich Nebenwirkungen, oder das Präparat spricht nicht an. Dann werden Erprobungen auch abgebrochen. Aber es sind Erfolgserlebnisse wie mit den CAR-T-Zellen, die die Immuntherapie – äußerst wirkungsvoll eingesetzt auch bei Schwarzem Hautkrebs – und generell die personalisierte Medizin zu den großen Hoffnungsträgern im Kampf gegen Krebs machen.

Deutsche Krebshilfe hat Nachwuchszentrum in Würzburg eingerichtet

Um junge Forscher dafür zu gewinnen, hat die Deutsche Krebshilfe an der Universität Würzburg eines von bundesweit fünf Mildred-Scheel-Nachwuchszentren eingerichtet. Unter Federführung von Biochemiker und Krebsforscher Prof. Martin Eilers arbeiten bis zu acht Forschungsgruppen zusammen, um herauszufinden, wie sich Krebszellen vor dem Immunsystem „verstecken“ können. Und vor allem: Wie man ihnen diese „Tarnung“ entzieht.

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Neben Fragen der Immuntherapie stehen Analyse und Abbau von krebsauslösenden Proteinen im Mittelpunkt. Bei der Entwicklung einer ganz neuen Klasse von Medikamenten sei man deutschlandweit führend, so Eilers nicht ohne Stolz. Genau diese Schwerpunkte werden Uniklinik und Universität in das Nationale Tumorzentrum einbringen. Ebenso in das Krebsforschungszentrum der bayerischen Unikliniken, das im Juli an den Start gegangen ist und das für Patienten aus ganz Bayern den bestmöglichen Zugang zu spezialisierten Onkologen sicherstellen soll.

„Krebs besser verstehen“: Vom Prinzip her geht es darum, die Wirkungsweise von Erregern oder Zellen zu identifizieren, um sie gezielt angreifen zu können. „Wir suchen nach der Achillesferse der Tumorzelle“, so beschreibt es Hermann Einsele.

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Ziel sei es in der Krebsbehandlung immer, möglichst wenig gesundes Gewebe zu zerstören. Und genau hier hat sich in den vergangenen Jahren viel getan. Operative Eingriffe können heute – auch mittels Hilfe von Robotertechnologie – erheblich präziser vorgenommen werden. Ähnlich bei der Strahlentherapie: Erst im Frühjahr wurde an der Würzburger Uniklinik bayernweit das erste so genannte Halcyon System installiert. Mit dem neuartigen Gerät verkürzt sich für die Patienten die Bestrahlungszeit, die Bildgebung ist genauer.

Verbesserte Techniken zur Erkennung von Krebs

Was auch für die Radiologie und damit die Krebsdiagnose gilt. Durch moderne Verfahren der Kernspintomographie und die Unterstützung durch Künstliche Intelligenz sind Tumore heute früher und deutlich besser zu erkennen also noch vor zehn Jahren. Oder die Positronen-Emissions-Tomographie (PET/CT), eines der fortschrittlichsten Diagnoseverfahren bei Krebs: Sie zeigt den untersuchenden Ärzten, ob ein Tumor noch aktiv ist.

Auch Biochemiker, wie hier in einem Labor im Biozentrum der Würzburger Uni, helfen mit ihrer Forschung am menschlichen Erbgut im Kampf gegen Krebs.
Foto: Daniel Peter | Auch Biochemiker, wie hier in einem Labor im Biozentrum der Würzburger Uni, helfen mit ihrer Forschung am menschlichen Erbgut im Kampf gegen Krebs.

Bei all diesen technischen Fortschritten hängen Heilungschancen nicht zuletzt von der Einstellung der Patienten ab, das weiß auch Onkologe Einsele. Zwar sei es fehl am Platz, falsche Hoffnungen zu wecken. Betroffene könnten aus den Erfolgen der Forschung aber Mut, Kraft und Zuversicht schöpfen – und sich damit stärken in ihrem ganz persönlichen Kampf gegen Krebs.

Eine neue Professur und die Stiftung „Forschung hilft“

Eine bestmögliche Versorgung von Krebspatienten ist das Ziel einer neuen Stiftungsprofessur, die an der Uni Würzburg eingerichtet wird, finanziert vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL). Angesiedelt wird die „Professur für klinische Epidemiologie von Krebserkrankungen“ am Institut für Klinische Epidemiologie und Biometrie(IKE-B) der Universität. Sie richtet ihren Blick auf detailliertere Untersuchungen zu den klinischen Verläufen einzelner Krebserkrankungen während der gesamten Behandlung - eine wichtige Brücke zwischen Theorie und Praxis. Die Professur wird mit Einrichtungen von Uni und Uniklinikum  kooperieren, beispielsweise dem Comprehensive Cancer Center Mainfranken
Die Verzahnung von Forschung und Therapie ist einer der wichtigsten Schlüssel im Kampf gegen Krebs. Die Stiftung „Forschung hilft“ mit Initiatorin und Stiftungsratsvorsitzender Gabriele Nelkenstock sowie Barbara Stamm als Ehrenpräsidentin fördert die Krebsforschung an der Universität Würzburg – durch Finanzierung von Projekten, Kooperationen, Unterstützung für den wissenschaftlichen Nachwuchs und bei der Einrichtung von Professuren. Dafür ist die Stiftung auf Spenden angewiesen: IBAN: DE19 7905 0000 0000 0655 65
Quelle: Uni Würzburg
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