Würzburg

Unterfranken: Das hat der Lockdown bislang (nicht) gebracht

Das Ziel war klar: Der "Lockdown Light" sollte die zweite Corona-Welle brechen. Ist das gelungen? Und wie ist die Lage auf den Intensivstationen der Kliniken? Eine Bilanz.
Ende Oktober gab es in der Region noch 136 freie Intensivbetten, aktuell sind es nur noch 90. Ohne Lockdown wäre die Situation in den Krankenhäusern wesentlich schlimmer, so Experten. Unser Bild zeigt Dr. Matthias Held auf der Intensivstation der Missionsärztlichen Klinik in Würzburg.
Foto: Thomas Obermeier | Ende Oktober gab es in der Region noch 136 freie Intensivbetten, aktuell sind es nur noch 90. Ohne Lockdown wäre die Situation in den Krankenhäusern wesentlich schlimmer, so Experten. Unser Bild zeigt Dr.

Hat sich der "Lockdown Light" positiv ausgewirkt? Stecken sich in Unterfranken nun weniger Menschen mit dem Coronavirus an als noch im Oktober? Die Bilanz von Virologen und Intensivmedizinern fällt mit Blick auf diese Fragen gemischt aus.

"Wir haben sehr viel gelernt durch den Lockdown Light. Wir haben es geschafft, die Zahlen, die sich zuletzt noch alle zwei Wochen verdoppelt hatten, über fast vier Wochen konstant zu halten. Hätten wir nichts getan, hätten wir heute 80 000 bis 100 000 Neuinfektionen pro Tag in Deutschland. Denn im Oktober sind die Zahlen innerhalb von vier Wochen um den Faktor vier gestiegen", sagt Professor Lars Dölken, Inhaber des Lehrstuhls für Virologie und Chef der Virusdiagnostik an der Universität Würzburg.

War der Lockdown also sinnvoll, aber noch nicht streng genug? "Wir sind heute an einer gerade noch erträglichen Schwelle", sagt Virologe Lars Dölken. "Ich sehe das ganz konkret im Universitätsklinikum Würzburg. Würden sich die Zahlen noch einmal verdoppeln, müssten viele nicht zwingend akute Operationen abgesagt werden. Das träfe viele Menschen und würde erhebliches Leid mit sich bringen." Man habe derzeit deutschlandweit 100 bis 150 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner pro Woche. Das entspreche 20 000 Neuinfektionen pro Tag mit 200 Toten.

Der deutschlandweite Trend paust sich auch in Unterfranken durch: Die Zahlen scheinen sich in der Zeit des "Lockdown Light" auf einem hohen Niveau einzupendeln – mit regionalen Schwankungen: Haben sich in Unterfranken am 30. Oktober noch 108 Menschen pro 100 000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen neu mit dem Coronavirus infiziert, waren es am 25. November, dem Tag, als die Politik beschloss, die Maßnahmen weiter zu verlängern und zu verschärfen, sogar 149.

Zwar ist die Inzidenz an einzelnen Orten leicht gesunken, etwa in der Stadt Würzburg, doch in den meisten Landkreisen der Region, etwa Main-Spessart, Rhön-Grabfeld oder Haßberge, sind die Neuinfektionen noch gestiegen. Dort sowie in der Stadt Schweinfurt lag die Inzidenz zum Stichtag 25. November bei einem Wert von über 200.

Allein vom 30. Oktober bis 25. November sind in Unterfranken 78 Menschen an und mit Covid-19 verstorben. Die Zahl der Toten hat vor allem in den Landkreisen Würzburg und Main-Spessart stark zugenommen. Besonders betroffen sind Altenheime in der Region. 

"Wir sind heute an einer gerade noch erträglichen Schwelle."
Lars Dölken, Inhaber des Lehrstuhls für Virologie an der Universität Würzburg

Die Frage, so Lars Dölken, sei: "Was tun wir jetzt? Wir haben noch fünf kalte Wintermonate vor uns. Akzeptieren wir weiterhin 200 Tote am Tag in Deutschland? Oder reagieren wir noch einmal und drücken die Zahl der Neuinfektionen um den Faktor 4 auf 5000 am Tag?" Wenn uns das mit weiteren Verschärfungen, etwa mit "freiwilligem Homeschooling für die Familien, die mit den Großeltern Weihnachten feiern wollen", gelänge, dann habe der Lockdown jetzt gezeigt, wie man die Zahlen danach konstant halten könne. Vielleicht dann auch mit etwas mehr Lockerungen wie geöffneten Restaurants, so Dölken. Denn der Virologe sieht vor allem private Zusammenkünfte wie Partys mit 25 Personen und mehr als Treiber der Pandemie. Diese hätte man bereits einige Wochen früher unterbinden müssen.

Prof. Dr. Lars Dölken vom Institut für Virologie an der Universität Würzburg sagt: 'Wir haben es geschafft, die Zahlen, die sich zuletzt noch alle zwei Wochen verdoppelt hatten, über fast vier Wochen konstant zu halten.'
Foto: Daniel Peter | Prof. Dr. Lars Dölken vom Institut für Virologie an der Universität Würzburg sagt: "Wir haben es geschafft, die Zahlen, die sich zuletzt noch alle zwei Wochen verdoppelt hatten, über fast vier Wochen konstant zu halten."

Zum Vergleich: In einer Influenza-Saison, so Dölken, sterben 5000 bis 10 000 Menschen. Er fügt hinzu: "Jetzt sprechen wir von potenziell 30 000 Menschenleben allein in den kommenden fünf Monaten. Jede politische Entscheidung, die eine Woche früher oder später gefällt wird, hat Konsequenzen, das sollten wir uns bewusst machen."

Lage auf den Intensivstationen hat sich zugespitzt

Dass sich die Situation auf den Intensivstationen der Region über den November deutlich zugespitzt hat, scheint die Sicht des Virologen zu bestätigen. "Das Infektionsgeschehen von vor vier Wochen paust sich jetzt auf unseren Intensivstationen durch", sagt Dölken. Waren Ende Oktober insgesamt noch 136 Intensivbetten in Unterfranken frei, sind es am 25. November nur noch 90. Das zeigt ein Blick ins Intensivregister, in dem bundesweit die Kapazitäten erfasst werden.

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Auch die Zahl der mit Covid-Patienten belegten Intensivbetten ist im gleichen Zeitraum in der Region von 13 auf 78 deutlich gestiegen. Besonders viele Corona-Patienten werden dabei aktuell im Landkreis Rhön-Grabfeld (28) und in der Stadt Würzburg (18) intensivmedizinisch versorgt.

Isolationsbereiche brauchen mehr Personal 

"Seit Beginn des Lockdowns hat sich die Lage in den Kliniken verschärft", bestätigt Priv.-Doz. Dr. Matthias Held, Ärztlicher Direktor am Klinikum Würzburg Mitte. Das zeige jedoch nicht, dass die Maßnahmen nicht greifen würden – sondern dass sie nicht später hätten durchgesetzt werden dürfen.

Wichtig ist es aus Sicht des Lungenspezialisten zudem, nicht nur auf die steigenden Patientenzahlen auf den Intensivstationen zu blicken. Auch auf den normalen Isolierstationen gebe es immer mehr Corona-Fälle. Das sei eine große Herausforderung für die Kliniken. Denn Corona-Patienten seien oft "hilfsbedürftig, nicht selten betagt und enorm pflegeaufwendig", so Held. 

Es wäre jedoch "fatal, die Situation allein an dem einen Krankheitsbild Covid-19 festzumachen", sagt Held. Notfälle wie Schlaganfälle, Herzinfarkte, Darmblutungen oder Lungenentzündungen ließen sich nicht abstellen, sie passierten einfach. Wenn dann noch wie im Moment eine Pandemie hinzukomme, könne das zum Kollaps der gesamten Notfall- und Intensivversorgung führen.

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