Schweinfurt

Herr Landesbischof, wo ist unsere Empathie geblieben?

Heinrich Bedford-Strohm bei einer Predigt in St. Johannis in Schweinfurt.
Foto: Anand Anders | Heinrich Bedford-Strohm bei einer Predigt in St. Johannis in Schweinfurt.

Lieber Landesbischof Bedford-Strohm, Sie sind ein Mann der klaren Worte. Und Sie setzen das um, was Sie sagen. Glaubwürdig, moralisch untermauert, ethisch verankert. Sie gehen locker auf die Leute zu, beginnen Gespräche und setzen sich bei Veranstaltungen wie etwa der Vesperkirche, die seit 2015 Menschen zum essen und reden in St. Johannis in Schweinfurt zusammenbringt, mit Freude zu den einfachen Leuten, nicht zu den Honoratioren. Deswegen sind Sie vielen ein Vorbild. Jemand, der etwas zu sagen hat, eine Richtung vorgeben kann, lösgelöst von Kirche und Glaube. Als Anleitung für das Miteinander, als Hinweis auf eine große Tugend, die vielen heute fehlt: Empathie. Die Fähigkeit, das Leid anderer zu sehen. Sich davon anrühren zu lassen.

Und deswegen gibt es wohl genau so viele Leute, die die Augen rollen, wenn sie Ihren Namen hören: Heinrich Bedford-Strohm, Landesbischof und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Ihre klaren Worte können nämlich wehtun, sogar Unbehagen hervorrufen oder Abwehr, Ablehnung aus schlechtem Gewissen. Das führt dann gerne zum Gutmenschen-Vorwurf. Ich wette, den haben Sie ziemlich oft gehört.

Sie haben sich früh voll und ganz auf die Seite der Flüchtlinge gestellt. Sie haben Horst Seehofer harsch kritisiert, als der das Ende der Willkommenskultur verkündete. „Wer zu uns kommt, muss menschenwürdig behandelt werden. Das verstehen wir unter Willkommenskultur“, betonten Sie. Und auch mit Markus Söder sind Sie 2015 bei der Synode in Schweinfurt hart ins Gericht gegangen. Klare Worte.

Viele klare Worte haben sie auch im Juni 2017 in Schweinfurt in St. Johannis gefunden, als es auf den Tag 475 Jahre her war, dass der erste evangelische Pfarrer der Stadt predigte: Magister Johannes Sutellius. Sein Thema damals: Das Gleichnis vom reichen Mann und vom armen Lazarus aus dem Johannesevangelium.

Lazarus, krank, liegt vor dem Haus des Reichen und begehrt die Brotstücke, die vom Tisch fallen. Der Reiche bleibt hart. Er hat in der Hölle viel Zeit, darüber nachzudenken. Und Lazarus sitzt in Abrahams Schoß. Lazarus griffen auch Sie auf beim Festgottesdienst. Ihre Botschaft, 475 Jahre später: Man kann nicht christliche Nächstenliebe propagieren und gleichzeitig Politik auf dem Rücken der Schwachen austragen. Die Dankbarkeit für das von Gott erfahrene Gute nannten Sie als Triebfeder christlichen Handelns. Deswegen sollte man Empathie für die Menschen aufbringen, die es nicht so gut haben, ihnen die Hand reichen. Barmherzigkeit war einmal ein Wert, bevor es nur noch um Erfolg, Selbstoptimierung, Status, Beliebtheit, Erfolg und Bessersein um jeden Preis ging. Bei zu viel Oberflächlichkeit stirbt die Empathie, was meinen Sie?

Sie sind der Mann der klaren Worte. Ich hätte ein paar Fragen, auf die ich mir Antworten mit Ihrer Klarheit wünsche.

Warum wird Religion immer mehr zum Politikum?

Warum reden Menschen ständig an den unpassendsten Orten von christlichen Werten und christlicher Leitkultur – egal, ob sie ihre Frau betrogen haben, ihre Geschäftspartner über den Tisch ziehen, Menschen, vor allem Frauen, zu ihrer persönlichen Freude ihrer Macht unterwerfen?

Warum ist Nächstenliebe eigentlich ein Schimpfwort geworden?

Warum haben wir die Fähigkeit zur Empathie verloren?

Warum wollen wir immer mehr, obwohl wir doch alles haben, was wir brauchen?

Warum wird über Menschen Hass, Häme, ja Verachtung ausgegossen, nur weil sie nicht von hier stammen?

Warum sind wir so verdammt egozentrisch? Gönnen einem Flüchtlingskind kein Fahrrad, kaufen dem Enkel aber sofort ein neues, wenn die Farbe nicht mehr schick ist? Und das alte kommt zum Sperrmüll?

Und warum schätzen wir nicht den Frieden, in dem wir leben? Den Wohlstand? Warum wird so viel gemeckert und gejammert?

Das Lazarus-Gleichnis verkörpert für Sie die zentrale Botschaft der Reformation.

Dann nehmen wir das doch mit auf die nächsten 500 Jahre. Und reformieren unseren Alltag, unsere Beziehungen mit ein bisschen mehr Empathie. Und sei es nur mit Angeboten wie der Vesperkirche in St. Johannis bei uns in Schweinfurt.

Die unterschiedlichsten Menschen treffen sich in der wunderschönen Kirche gemeinsam zum Essen, zum Austausch. Und Friseurdienste und Fußpflege gibt es auch. Das freut die mit wenig Geld, ärgert aber auch mal einen Besucher, der selbst zwar alles hat, so was aber nicht in einer Kirche sehen will. Man kann tatsächlich alles haben. Aber ohne Empathie ist man doch nur sehr, sehr arm. Egal, wie reich man ist.

Mit freundlichen Grüßen

Susanne Wiedemann, Redakteurin

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