LESERANWALT

Leseranwalt: Warum Satire vor religiösen Festen nicht Halt machen muss

Für einen satirischen Meinungsbeitrag am Ostersamstag vergibt ein Leser das Prädikat "unterste Schublade". Warum die eigentliche Botschaft bei ihm nicht angekommen ist.
Ein gläubiger Leser und eine Leserin haben den Text einer österlichen Glosse kritisiert. Sie sehen die religiöse Osterbotschaft durch eine Fantasiegeschichte verletzt.
Foto: Sebastian Kahnert, dpa (Symbolfoto) | Ein gläubiger Leser und eine Leserin haben den Text einer österlichen Glosse kritisiert. Sie sehen die religiöse Osterbotschaft durch eine Fantasiegeschichte verletzt.

Wird ein religiöses Fest zum Thema eines satirischen Beitrags, dann treffen sehr oft Proteste Gläubiger ein. So auch, nachdem am Ostersamstag (16. April) auf der Titelseite dieser Zeitung "Unterm Strich" die Glosse "Die Ostergeschichte vom ersten Vegetarier" zu lesen war. Die darin geäußerten Gedanken sind - ganz im Sinne dieser Kolumne - meist nicht ernst gemeint.

An wenige Sätze erinnere ich - trotz der Gefahr, sie aus dem Kontext zu reißen. So schreibt der Autor, er wolle "schlaue Antworten" für "wissbegierige Kinder" geben. Wörtlich: "Das Osterfest steckt voller Ungereimtheiten". Um ein "bisschen Ordnung ins Chaos" zu bringen, schlägt der Autor eine "kreative Ergänzung des Bibel-Originals" vor: "Der süße Hoppelhase? Tja Kinder, das war Wuschel, das Haustier vom lieben Jesus. Weil er den Wuschel so doll ins Herz geschlossen hatte, hat er zu seinen Aposteln sinngemäß gesagt: 'Leute, von heute an essen wir kein Fleisch mehr! Es gibt nur noch Brot und Wein. Und meinetwegen auch Fisch und Schokoeier.'"

Leserin unterstellt dem Autor die "Sensibilität eines Hoppelhasen"

Das sei "unterste Schublade", meint daraufhin ein Leser. Er fragt, was daran witzig oder geistvoll sein soll? Das sei billiger Spott. Eine Leserin unterstellt dem Autor gar die "Sensibilität eines 'Hoppelhasen'", über dessen Niveau er intellektuell kaum hinausgekommen sei. Versöhnlich grüßend hofft sie auf seine Einsicht "im Sinne eines sachlichen Meinungstransfers und nicht zugunsten der surrealen Ambitionen eines verhinderten Kabarettisten".

So hat es die Leserin jedenfalls in einem Leserbrief festgehalten. Der wurde aber nicht veröffentlicht. Schade. Denn Journalistinnen und Journalisten, die ebenfalls oft scharf rügen, besitzen doch selbst genug Kritikfähigkeit. Die meisten jedenfalls. In diesem Fall entschied sich aber die für die Leserbriefe zuständige Redaktion gegen die Veröffentlichung - wohl um den Autor zu schützen. Die Frau legt das als Schwäche aus.

Der Autor selbst hätte allerdings nichts gegen die Verbreitung der Kritik gehabt. Überdies hätten jene Stellen des Leserbriefs, die zu weit gehen, vor der Veröffentlichung gestrichen werden können. Etwa, wenn diese Zeitung und der Autor namentlich als "wahrhaft kongeniales Tandem zur Umsetzung von Blasphemie und Schwachsinn" herabgesetzt werden. Solche Streichungen sind zulässig. Zumal hier die sachliche Kritik erhalten bliebe.

Der religiöse Kern von Ostern stehe bei vielen Menschen nicht mehr im Mittelpunkt

Gestört hat mich noch, dass die Leserin davon ausgeht, dass dem Autor nicht annähernd bewusst sein dürfte, dass er mit seinen "saloppen und diskriminierenden Sprüchen anderswo ein lebensgefährliches Risiko eingegangen" wäre. Ich denke, über dieses unbestimmte "Anderswo" sollten wir längst weit hinaus sein. Und zwar soweit, dass ein solcher Warnhinweis als schwerer Rückschritt wahrgenommen werden kann. Den unterstelle ich der gläubigen Frau nicht, sondern weise sie in meiner Antwort darauf hin.

Angekommen ist bei beiden Kritikern die eigentliche Botschaft des Beitrags offensichtlich nicht. Denn der Autor stellt auf meine Nachfrage klar: nicht über Gläubige oder Religion mache er sich lustig, sondern darüber, wie das Fest heute gefeiert wird. Der religiöse Kern stehe bei vielen nicht mehr im Mittelpunkt. Er fragt: "Wie passen Supermarktregale voller Schoko-Osterhasen und die Leidensgeschichte von Jesus eigentlich zusammen?" Darauf, so hält er fest, könne man schon satirisch antworten. Vor dem Hintergrund dieser Erklärung kann gewiss auch von gläubigen Menschen die Illustration zu diesen Zeilen akzeptiert werden.

Über Geschmack urteilt auch der Deutsche Presserat nicht

Dem stimme ich zu, merke aber an: Gut finden muss man trotzdem nicht jede Satire. Wer sie - wie in diesem Fall - für geschmacklos hält, der äußert einfach seine persönliche Meinung. Darüber lässt sich dann kaum streiten. Über Geschmack hat nach Beschwerden über wirklich harte Herabsetzungen kirchlicher Institutionen übrigens auch der Deutsche Presserat stets nicht geurteilt.

Und bei allem Respekt und der notwendigen Sensibilität: Auch Satire zu Religionsausübung oder zu kirchlichen Festtagen kann für Journalistinnen und Journalisten zur beruflichen Aufgabe werden - sie ist aber kein Sündenfall. Doch ob es - wie beim hier geschilderten Beispiel - vor einem hohen Feiertag sein muss? Urteilen Sie selbst.

Anton Sahlender, Leseranwalt

Siehe auch Vereinigung der Medien-Ombudsleute e.V.

Frühere ähnliche Kolumnen des Leseranwalts:

2009: "Unterm Strich ist Satire, keine Nachricht"

2013: "Gezeichnete Satire zum Konklave schmäht weder Glaube noch religiöse Überzeugungen"

2013: "Die katholische Kirche und ihr Oberhaupt müssen deutliche öffentliche Kritik aushalten"

2017: "Kirche und Rechtsstaat"

2020: "Ein Protest, über den nicht berichtet wurde"

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