Gerolzhofen

Die Suche nach dem mittelalterlichen Siechhaus

Ein Geo- oder Bodenradar-Gerät kam bei der Suche der Archäologen der Uni Bamberg bei der Suche nach Resten des Gerolzhöfer Siechhauses zum Einsatz.
Foto: Norbert Vollmann | Ein Geo- oder Bodenradar-Gerät kam bei der Suche der Archäologen der Uni Bamberg bei der Suche nach Resten des Gerolzhöfer Siechhauses zum Einsatz.

Gerolzhofen scheint es Eike Henning Michl vom Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit der Uni Bamberg als „Fundgrube“ besonders angetan zu haben und ihn auch nicht mehr so schnell loszulassen.

Die Suche nach der „Bischofspfalz“ hat ihn erstmals 2007 als Grabungsleiter auf den Kapellberg geführt und hat später auch sein Interesse an den Resten des im Dreißigjährigen Krieg wüst gefallenen ehemaligen Dorfes Lindelach geweckt. Die Ergebnisse der sechsjährigen Grabungs- und Forschungsarbeit fanden in seiner als Buch veröffentlichten Doktorarbeit ihren Niederschlag.

Eike Michls Rückkehr nach Gerolzhofen

Jetzt ist der Archäologe als Doktor nach Gerolzhofen zurückgekehrt, um vor den Toren der Stadt das Unternehmen „Siechhaus-Prospektion“ zu starten.

Beim Siechhaus oder Siechenhaus handelte es sich im heutigen Sinne um eine mittelalterliche Isolierstation wie hier vor den Toren der Stadt, auf der Gebrechliche und Patienten mit ansteckenden Krankheiten wie in erster Linie Lepra oder später auch Pest oder Syphilis versorgt und gepflegt wurden. Das ist der Grund, weswegen sie wie auch in Gerolzhofen üblicherweise außerhalb der Städte lagen. Der mittelhochdeutsche Begriff siech bedeutet so viel wie krank oder aussätzig.

Ein weitgehend unerforschtes Gebiet

Gerade in der archäologischen Forschung ist das Themenfeld der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Siechhäuser noch relativ unerforscht. Das reizt Eike Michl diesmal besonders an Gerolzhofen.

Den ersten Ergebnissen der spannenden Auswertung zufolge, lässt sich sagen, dass das hiesige Siechhaus einst definitiv auf halber Strecke zwischen Gerolzhofen und Dingolshausen an der heutigen Staatsstraße gestanden hat.

Der gestorbene Gerolzhöfer Heimatforscher und Hobbyarchäologe Hans Koppelt hatte den Standort einst bereits an Hand von Bauschutt und Keramikresten in dieser Kante ausgemacht, was auch zur Aufstellung des Gedenksteins zur Erinnerung an das Siechhaus am Straßenrand geführt hatte.

Georadar im Einsatz

Bei der Untersuchung des Untergrunds kam dieser Tage die modernste Technik der archäologischen Bodenerkundung in Form eines auch Bodenradar genannten Georadars am Siechhaus-Standort zum Einsatz.

Das Gerät ermöglicht beim Auffinden von Bodendenkmälern mittels hochfrequenter elektromagnetischer Impulswellen und ihrer jeweiligen Reflektion die Abbildung der oberen Schichten der Erdkruste in 3D oder auf Profilen. Das Georadar erlaubt so einen bodenschonenenden Blick in den Untergrund unserer Kulturlandschaft, ohne hierzu graben zu müssen.

Dazu hatte Eike Michl den neuen Professor für Informationsverarbeitung in der Geoarchäologie in Bamberg, Dr. Till Sonnemann, mitgebracht. Er zog höchstpersönlich das Georadar über die festgelegte 84 auf 21 Meter große Ackerfläche. Vervollständigt wurde das Team von den Archäologen Phil Burgdorf und Wolfgang Dallmann.

Am Anfang der Suche stand die klassische Bodenprospektion

Der Messtrupp der Uni Bamberg war unter der Leitung Eike Michls zuvor bereits am 27. Januar auf der Suche nach Anomalien im Untergrund wie Grundmauern oder Gruben auf dem derzeit noch unbestellten und somit freien Feld zugange, auf dem das „Siechenhaus“ stand.

Auf mit GPS eingemessenen Quadranten von 20 auf 20 Metern wurde dabei mittels der klassischen Magnetometerprospektion rund ein halber Hektar der Fläche begangen.

Die Geomagnetik ist in der Lage, unterschiedliche Strukturen im Boden aufgrund ihrer unterschiedlichen Widerstände gegenüber dem Erdmagnetfeld in einem Messbild sichtbar zu machen und im Idealfall Gebäudespuren oder Ähnliches aufzeigen. Hierbei ließen sich bereits erste archäologische Strukturen metergenau verorten.

Vorläufig sind keine Grabungen geplant

Derartige Daten lassen sich zum Auffinden und exakten Lokalisieren von Bodendenkmälern nutzen oder im besten Fall auch für die Vorbereitung von archäologischen Ausgrabungen, wie sie hier allerdings vorerst ebenso wenig wie weitere Mess-Untersuchungen geplant sind.

Eike Michl räumt allerdings ein, dass sich nur durch eine Grabung feststellen ließe, was sich genau hinter den auf den Messbildern sichtbaren Strukturen in Form von Gebäuderesten oder Gruben exakt verbirgt, in welche Zeit sie datiert werden können und wie groß die Ausdehnung der Anlage letztlich ist.

Zum Teil verfügten die Siechhäuser über eigene Friedhöfe

Die mit Mauer oder Graben umgrenzten Siechenhäuser wie das in Gerolzhofen verfügten meist über eine eigene Versorgung mit Wasser aus Bach oder Brunnen sowie über die entsprechenden Wirtschaftsgebäude. Manchmal waren auch eine eigene Hauskapelle oder gar ein eigener Friedhof wie zum Beispiel in Großgressingen angegliedert.

Üer die Anfänge ist wenig bekannt

Über die Anfänge und das Aussehen des Gerolzhofer Siechhauses ist wenig bekannt. Angeblich wurde es bereits im Mittelalter errichtet, so Eike Michl. Sichere schriftliche Nennungen tauchen aber erst im 15. Jahrhundert in den Quellen im Stadtarchiv auf.

In der Folge kommt es durch das Spital und das Armenhaus in der Stadt Gerolzhofen zu einem langsamen Funktionsverlust. Das Gebäude steht teilweise leer und ist spätestens Mitte des 18. Jahrhunderts verfallen, ehe es abgebrochen wird, so Michl.

Flurname erinnert an das Siechhaus

Die einstige Existenz ist heute noch durch den Flurnamen „Siechhaus“ im Gelände überliefert und auf den Urkatasterkarten des 19. Jahrhunderts als eigentümliche Grundstücksform erkennbar.

Die Untersuchungen wurden durch die Genehmigung und Zustimmung des Landwirts ermöglicht, dem das Feld gehört. Sie konzentrieren sich auf zerstörungsfreie geophysikalische Prospektionen ohne jegliche Eingriffe ins Erdreich des anhand alter Karten und der Urkataster festgelegten Siechhausgeländes.

Durchgeführt werden die Prospektionen, wie erwähnt, vom Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit der Otto-Friedrich-Universität Bamberg in Kooperation mit den dortigen Professuren für Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie sowie der Professur für Informationsverarbeitung in der Geoarchäologie.

Lindelach-Buch soll noch heuer erscheinen

Derzeit schreibt Eike Michl übrigens an seinem Buch über das im Zuge des 30-jährigen Krieges untergegangen Dorf Lindelach. Es soll im Herbst erscheinen.

Näheres zur Historie des Gerolzhöfer Siechhauses gibt es im Hintergrundbericht "Möglichst weit weg".

 
 
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