Würzburg

Wenn Berührung fehlt: Seniorenheime in Corona-Zeiten

Sehr junge, beeinträchtigte und sehr alte Menschen tun sich am schwersten damit, Berührungsmangel zu kompensieren. Wie Pflegefachkräfte in Unterfranken da helfen.
'Keiner kommt mehr.' 'Die haben mich vergessen.' 'Mir fehlt die menschliche Nähe'. Solche Sätze hören Pflegekräfte in Heimen täglich. 
Foto: Jonas Güttler, dpa | "Keiner kommt mehr." "Die haben mich vergessen." "Mir fehlt die menschliche Nähe". Solche Sätze hören Pflegekräfte in Heimen täglich. 

Die Söhne lassen sich seltener sehen als früher. Die Tochter kommt, bleibt aber nicht mehr so lange - und sie bringt die Enkel nicht mehr mit. Und wenn die alte Freundin aus Kindheitstagen zu Besuch kommt, bleibt sie auf Abstand. "Die menschliche Nähe, die fehlt mir sehr", klagt eine alte Frau in einem Würzburger Seniorenheim. Eine Klage, wie sie aktuell in jedem Heim zu hören ist.

Sehr junge und sehr alte Menschen können das Fehlen von Berührung kaum kompensieren

Unter Berührungsmangel leiden wegen Corona viele Menschen. Laut der Würzburger Ärztin und Psychogerontologin Dr. Katharina Brandl entwickeln jedoch kognitiv kompetente Menschen Strategien, um mit dem Mangel zurechtzukommen. "Aber gerade sehr kleine Kinder, beeinträchtigte und sehr alte Menschen sind besonders auf Berührung angewiesen, weil sie deren Fehlen am schlechtesten kompensieren können", sagt Brandl, die stellvertretende Leiterin der Würzburger Berufsfachschule für Pflege ist. Berührung, erklärt sie, stelle den unmittelbarsten Zugang zu einem Menschen dar und sei gerade bei Menschen, die kognitiv eingeschränkt seien, von immenser Bedeutung.

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Dass Berührung sich auf den Körper wohltuend auswirkt, ist längst erwiesen. Das zeigt sich Medizinern zufolge etwa am langsameren Puls, am gesunkenen Blutdruck oder an der Verringerung von Stresshormonen. Aber auch für die Psyche ist Berührung existentiell wichtig: "Wenn wegen Corona Berührung ausfällt, dann fällt ein wichtiger, vielleicht der wichtigste Kontakt zur Welt aus", sagt Brandl. Der Mangel an Berührung fördere "Isolation, Verlassenheit, das Gefühl von Einsamkeit". Und das könne natürlich zu einer depressiven Stimmung führen und den Lebenswillen mindern.

Zu Zeiten des harten Lockdowns im Frühjahr versuchten Angehörige, so gut es die Corona-Regeln eben zuließen, mit ihren Angehörigen zu kommunizieren. Aber die Berührung einer Fensterscheibe ist körperlich eben nicht spürbar.
Foto: Christophe Gateau, dpa | Zu Zeiten des harten Lockdowns im Frühjahr versuchten Angehörige, so gut es die Corona-Regeln eben zuließen, mit ihren Angehörigen zu kommunizieren.

Wie stark gerade Pflegeheimbewohner unter dem Berührungsmangel leiden, erfährt Wolfgang Neubauer, Pflegedienstleiter des Seniorenwohnstifts Juliusspital, jeden Tag. Gerade jetzt, wo die Zahl der Corona-Neuinfektionen so stark steige und Verwandtenbesuche aus Sicherheitsgründen wieder weniger würden, sei die gedrückte Stimmung der Bewohner spürbar.

"Es kommt keiner mehr." "Es hat keiner mehr Zeit für mich." "Die haben mich vergessen." Das sind Sätze, wie sie der Pflegedienstleiter von den Bewohnern oft hört. Den Ausfall oder die Minderung der körperlichen Kontakte zu den Angehörigen könne die Pflege nicht vollständig auffangen, sagt Neubauer. Das sei aufgrund der personellen und zeitlichen Vorgaben nicht machbar. "Aber wir Pflegekräfte tun, was wir nur können."

Wie Pflegekräfte versuchen, die fehlenden Angehörigenkontakte auszugleichen

Auf die Frage, ob denn nun die Pflegekräfte im Seniorenstift aus Sicherheitsgründen auch möglichst auf Abstand gingen, vielleicht sogar die Gepflegten nur mit Handschuhen berührten, antwortet Neubauer: "Nein! Auf Distanz zu gehen, wäre das Verkehrteste, was wir tun könnten. Der Kontaktmangel geht den Leuten schon ans Gemüt; da müssen wir als Pflegende in Berührung gehen. Mal in den Arm genommen zu werden, mal über die Hand gestreichelt zu werden, das gehört dazu."

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Natürlich werde in der Basispflege, etwa dem Waschen, mit Handschuhen gearbeitet, natürlich trügen die Pflegekräfte Maske. Und alle Pflegekräfte seiner Einrichtung ließen sich zweiwöchentlich auf Corona testen. Aber wenn er einem Patienten, der weine und traurig sei, mal über den Kopf streiche, dann tue er das ohne Handschuhe, sagt Neubauer.

Wie wichtig Berührung in der Pflege ist, kann man schon daran ersehen, dass "Berührungsqualität" in der Pflege eigens unterrichtet wird. In der Würzburger Berufsfachschule für Pflege fällt dies in den Aufgabenbereich der Pflegepädagogin Susanne Sollanek. Dass "gute Berührung" nicht immer gleich ist, sondern je nach Person und Situation anders sein muss, betont Sollanek besonders. "Das Wichtigste ist, dass die Pflegekraft empathiefähig ist und Schwingungen spürt", sagt sie. "Es kann sein, dass ich einen alten, kranken Menschen, der kaum mehr etwas spürt, etwas fester anfasse, damit die Berührung bei ihm ankommt. Es kann sein, dass diese feste Berührung für jemanden mit neurologischen Problemen extrem unangenehm wäre; da wird eine sanfte, leichte Berührung manchmal schon als schmerzhaft empfunden."

Pflegekräfte lernen in der Würzburger Berufsfachschule für Pflege, was 'Berührungsqualität' ausmacht. 
Foto: Jens Kalaene, dpa | Pflegekräfte lernen in der Würzburger Berufsfachschule für Pflege, was "Berührungsqualität" ausmacht. 

Wahrzunehmen, was ein Patient braucht und wie er reagiert, sei eine besonders wichtige Fähigkeit von Pflegenden, die es in der Schule auch zu vermitteln gelte, so Sollanek. Man müsse bei der Berührung den ganzen Menschen in seiner Persönlichkeit wahrnehmen. "Angenommen, es geht um einen dementen Menschen, den ich schon hundert Mal berührt habe, was er schon hundert Mal vergessen hat. Berühre ich den jetzt am Anfang der Begegnung liebevoll im Gesicht, weil ich ihn ja kenne, könnte er das als Übergriff empfinden, weil er ja nicht mehr weiß, dass ich ihn kenne."

Würzburger Professor warnt vor gesamtgesellschaftlichen Folgen des Social Distancing

Dass das wegen Corona angezeigte Social Distancing samt den Berührungseinschränkungen nicht nur bei der alten Bevölkerung, sondern gesamtgesellschaftlich dramatische Folgen haben wird, prognostiziert der Leiter der Abteilung für Infektiologie an der Würzburger Uniklinik, Prof. Andrew Ullmann, der aktuell auch als FDP-Abgeordneter Mitglied des Deutschen Bundestags ist und als FDP-Obmann des Gesundheitsausschusses fungiert.

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Ullmann glaubt, dass die Corona-Regeln der Bundesregierung einen substanziellen Kollateralschaden bewirken: "Vereinsamung, Einkommensverluste und Zukunftsängste belasten die Psyche und verschlimmern bereits bestehende Erkrankungen. Erhöhter Alkohol- und Drogenkonsum, Schlaflosigkeit, Überlastung, chronische Anspannung und Angstzustände sind nur einige der Auswirkungen", erklärt der Medizinprofessor. Er warnt: "Wir müssen mit einem Tsunami von psychischen Erkrankungen aufgrund der Covid-19-Pandemie rechnen" und fordert, die Auswirkungen der Maßnahmen auf die psychische Gesundheit der Bevölkerung umfassend zu evaluieren.

Besuchsregeln in Alten- und Pflegeheimen

Ende Juni hat das bayerische Gesundheitsministerium die Besuchsregeln in stationären Alten- und Pflegeheimen gelockert; aktuell gilt das Konzept vom Juni trotz stark steigender Corona-Infektionszahlen noch. Das Konzept hat die Anzahl der Besuchspersonen und die Vergabe der Festlegung eines festen Besuchszeitraums nicht verbindlich geregelt. Es setzt auf "einrichtungsindividuelle Schutz- und Hygienekonzepte". Laut Regierung von Unterfranken bleibt es grundsätzlich der Einrichtung vorbehalten, in Ausübung ihres Hausrechts, das Besuchsrecht von Voraussetzungen abhängig zu machen. 
Ab einer Inzidenz von 50 gilt für Besuche in Pflege- oder Altenheimen allerdings in ganz Bayern die Beschränkung auf eine Person täglich während einer festen Zeit.
Grundsätzlich gilt: Besucher mit unspezifischen Allgemeinsymptomen und respiratorischen Symptomen jeder Schwere dürfen die Einrichtung in keinem Fall betreten. Dies gilt auch für Personen, die in den letzten 14 Tagen Kontakt mit einer positiv auf Corona getesteten Person hatten.
Besucher müssen Handhygiene und Abstandsgebot beachten und während des gesamten Aufenthalts Maske tragen. Besuchte Bewohner sollen Mundschutz tragen, wenn es ihr Gesundheitszustand zulässt.
Besuchsbereiche sollen möglichst nahe am Eingangsbereich liegen, belüftet werden können und möglichst transparente Schutzwände vorhalten.
Ohne vorherige Anmeldung sollte die Einrichtung nicht betreten werden dürfen.
Besucher müssen ihre Kontaktdaten hinterlassen und sich schriftlich bereit erklären, die Hygieneregeln einzuhalten.
Die Besuchsregelung ist entsprechend des Infektionsgeschehens hinsichtlich der Verhältnismäßigkeit der Einschränkung regelmäßig zu prüfen.
Quelle: Regierung von Unterfranken
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