Würzburg

Warum es ein Vorzug ist, wenn es einen Leseranwalt gibt

Antwort an einen Mann, der dafür plädiert, die Leseranwalt-Kolumne in der Main-Post durch mehr Leserstimmen zu ersetzen. Zu dem Thema kann auch die Chefredaktion befragt werden.
Anton Sahlender ist der unabhängige Leseranwalt der Main-Post.
Foto: Carmen Ramos | Anton Sahlender ist der unabhängige Leseranwalt der Main-Post.

Leser S.K. fragt: Wozu braucht es einen Leseranwalt? Er schlägt vor, statt dieser Kolumne, die er als "verkappten Kommentar der Redaktion" bezeichnet, lieber mehr Leserbriefe abzudrucken. Mehr Stimmen aus der Leserschaft in der gedruckten Zeitung - das würde auch ich als Leseranwalt gutheißen.

Selbst wenn in einer Zeitung nicht so viele Stimmen von Leserinnen und Lesern unterzubringen sind wie im Internet, geht es dabei um einen sehr grundsätzlichen Anspruch: Medien müssen in einer Demokratie den unverzichtbaren gesellschaftlichen und politischen Diskurs sicherstellen. Dazu gehören Diskussionen in den Foren von mainpost.de, aber auch Leserbriefe.

Leseranwalt erklärt journalistische Grundsätze

Aber sollten, wie von Leser S.K. gefordert, wenige gedruckte Leserstimmen mehr pro Woche auf Kosten dieses Beitrages gehen? Immerhin geht dieser meist ebenfalls auf Leserkritiken ein. Es kann nicht verwundern, wenn ich, der seit 2004 als Leseranwalt wirkt, dagegen bin. Auch weil ich mitunter mit einem "Gut, dass es Sie gibt" ermuntert werde. Das geschieht dann, wenn ich zuvor Leserinteressen gegenüber der Redaktion vertreten, dabei journalistische Regeln erklärt oder Fehlleistungen angezeigt hatte.

Diese Vertretung lässt auf meine Rolle blicken. Ich möchte dabei auch helfen, Nachrichten solide einzuordnen: Und zwar mit Erklärungen journalistischer Grundsätze. Das nützt Menschen im aktuellen Dschungel von Informationen. Also signalisiere ich auch an Redaktionen: Schafft Transparenz für euer Tun und Denken. Denn das macht den Unterschied zu  undurchsichtigen Absendern und deren Botschaften aus. 

Es gibt eine Menge zu erklären

Transparenz ist wichtig. Redaktionelles Wirken ist längst in die digitale Welt hinein transformiert worden. Ein gewaltiger und noch nicht beendeter Prozess, der auch den Journalismus verändert. Da gibt es eine Menge zu erklären. Zur Ehrlichkeit gehört aber auch die Mehrbelastung von Journalistinnen und Journalisten mit immer neuen Aufgaben. Dadurch kommt es zu Fehlern. Für den Umgang damit will ich wie ein journalistisches Gewissen wirken. Das gilt auch, wenn unzureichend auf die Kritik von Leserinnen und Lesern eingegangen wird. Denn sie spiegeln Unzulänglichkeiten - auch die meinen. Letzteres lassen sich einige Redakteurinnen oder Redakteure zurecht auch nicht nehmen.

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Trotz  Leseranwalt: Richtig ist es, den Kummer über Veröffentlichungen zunächst mit der zuständigen Redaktion zu besprechen. Erst im Konfliktfall hilft der Leseranwalt, der gerne als Redaktionsanwalt kritisiert wird, wenn's dann auch mit ihm nicht klappt. Aber kein Anwalt vermag alle Wünsche zu erfüllen - zumal, wenn sie gegen Grundsätze der Unabhängigkeit verstoßen. Andererseits bleibt danach auch immer noch der Weg mit Beschwerden zum Deutschen Presserat.

Mein Fazit: Es ist ein Vorzug dieser Zeitung, dass sie sich einen Leseranwalt – auch als Kritiker an eigenen Leistungen – leistet, ziemlich unabhängig wirken lässt und ihn dafür honoriert. Medien-Ombudsleute wie mich bieten hierzulande sonst nur wenige Medienhäuser ihren Leserinnen und Lesern als Vermittler an. So wollten mich wiederholt schon Nutzer anderer Zeitungen mit ihren Problemen in Anspruch nehmen. Bei aller Demut, ein bisschen Selbstbewusstsein darf sein. Denn auch ausgezeichnet wurde der Leseranwalt schon. Die Erklärung zu meinen Aufgaben musste ich gemäß meiner Rolle, wahrgenommen von außerhalb der Redaktion, hier - sozusagen in eigener Sache - selbst schreiben.

Die Perspektive der Betroffenen

Am Dienstag, 26. Oktober, 17 bis 18 Uhr, können Leserinnen und Leser bei einem digitalen Gespräch auch die Chefredaktion fragen, wozu es den Leseranwalt gibt. Anmeldungen werden per E-Mail an red.chefredaktion@mainpost.de angenommen. Diese Diskussionsmöglichkeit lege ich auch Herrn S.K. ans Herz.

Entscheidend aber ist es, alle Zeitungsleserinnen und -leser sowie mainpost.de-Nutzerinnen und -Nutzer zu fragen, was sie vom Angebot des Leseranwaltes halten. Weil es an dieser Form freiwilliger Selbstkontrolle auch wissenschaftliches Interesse gibt, kann es sein, dass demnächst eine Universität dieser Frage nachgeht. Wir sind in Gesprächen darüber. Ich werde Sie auf dem Laufenden halten. 

Anton Sahlender, Leseranwalt

Siehe auch Vereinigung der Medien-Ombudsleute e.V.

Frühere Leseranwalt-Kolumnen zur eigenen Rolle:

2011: "Warum auch für den Leseranwalt alle Leser wie Mandanten sind"

2011: "Zur Neutralität des Leseranwalts"

2012: "Helfer, um die Presse zu demystifizieren"

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